Der RTL-Videotext nannte die folgenden Themen: "Der Vierfachmord von Eislingen: Die Eltern des Täters live." "Wer wird das Supertalent 2009?" "Schluss mit dem Magerwahn: Models ohne Modelmaße." "Eine Münchnerin und ihr Weg nach Hollywood." "Weihnachtswahnsinn: Warum so viele Geschenke völlig daneben sind."
Dieser Kessel Buntes könnte die Seite 1 der Bild füllen, läuft aber unter dem Etikett der angeblich seriösen Illustrierten Stern. Eingestimmt wurden wir zuvor durch die Schmierenkomödie mit Schuldnerberater Peter Zwegat. Dann folgt auf dem RTL-Boulevard Stern TV, präsentiert "von Ihrem Spezialisten für die private Krankenversicherung".
Doch gegen das was folgt, hilft keine Versicherung. Es geht um Mord: Ein junger Mann hat für seinen Freund dessen Familie ausgelöscht. Die Mutter des Täters leidet auf Schwäbisch: "Des isch unbegreiflich". Es wird auch durch diese Sendung nicht verständlicher. Die Eltern des Täters wissen nicht mehr zu sagen als das, was zu erwarten war: Sie können sich nicht erklären, wie ihr Sohn zu solch einer Untat fähig sein konnte; sie stehen gleichwohl zu ihm; sie ahnen, "dass man ja mehr miteinander reden" hätte können.
Die Sätze werden unterschnitten mit spekulativen Filmschnipseln, die Szenen nachstellen. Nur ein Halbsatz gilt der Tatsache, dass der Täter bei der zu erwartenden Strafe wenig Chance auf Resozialisierung hat. Und bevor die nächste Krankenversicherung für sich Reklame machen darf, dankt Moderator Günter Jauch den Eltern für ihren "Mut". Geld haben sie nicht bekommen? Denn warum sie sonst hier sitzen, bleibt ein Rätsel: Der Prozess ist nicht-öffentlich. Das hat ja wohl seinen Grund. Was RTL und Stern TV nicht hindert, mit dem Thema Quote zu machen.
Aber es kann ja nicht einmal ein vierfacher Mord so schlimm sein, dass er nicht gleich wieder konterkariert wird durch Halligalli - das alte Prinzip der Illustrierten. Also wird in der Reklamepause der RTL-"Comedy-Adventskalender" beworben; und als sei zuvor nicht von Tod und Tragik die Rede gewesen, folgen die DAK, WC frisch und Restauranttester Rach, der seinen Ruf als Tchibo-Werber ruinieren darf.
Der nächste Sohn bei Günter Jauch hat dann eine positive Sozialperspektive: Richard Liste ist zehn und einer der Kandidaten für die RTL-Show "Supertalent": Eigenreklame nimmt ja heute einen üppigen Teil aller Sender im Deutschen Fernsehen ein. Der kleine Heintje-Nachfolger wird von dem fürs Privatfernsehen reanimierten Bruce Darnell mit wie üblich rollenden Augen und dem hochfrequenten Gebrauch der Worte "wirklich", "einfach" und "super" unterstützt, und seine Eltern sehen aus, als seien sie Peter Zwegat noch rechtzeitig entkommen. Dann darf Brigitte-Chefredakteurin Huber Reklame für ihr (wie der Stern ebenfalls im Konzern Gruner + Jahr erscheinendes) Heft machen, indem sie ernsthaft behauptet, die Redaktion wolle nun keine "austauschbaren Models" mehr, sondern "lebendige" junge Frauen von der Straße. Die vorgestellten Hobby-Mannequins haben natürlich auch alle Kleidergröße 36...
Die Geschichte einer Aussteigerin, die mit einem Dokumentarfilm reüssierte, bietet noch Gelegenheit, pittoreske Szenen aus der Karibik und Weisheiten wie "Man muss an sich glauben" zu verbreiten, bevor es ans Thema der unnützen Weihnachtsgeschenke geht. Beim "Schrottwichteln" im Studio wurde allerdings ein Präsent vergessen: Diese Ausgabe von Stern TV. Denn die war echt geschenkt.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.