kalaydo.de Anzeigen

TV Kritik "Unser Star für Oslo": Wenn sie außer Atem ist

Das Halbfinale für "Unser Star von Oslo" ist wider Erwarten spannend: Jennifer Braun rockt die Heavy Tones und die ganze Hütte. Das inspiriert Dursti, der in Runde zwei abhebt, doch leider ist er trotzdem raus. Von Natalie Soondrum

Jennifer Braun war die Überraschung im Halbfinale von Unser Star für Oslo.
Jennifer Braun war die Überraschung im Halbfinale von "Unser Star für Oslo".
Foto: ProSieben

Die Heavy Tones pumpen einen Disco-Beat raus, der Vibe im Raum ändert sich von einer Sekunde auf die andere. Und es passiert etwas, was im zunehmenden Alter nicht mehr so häufig vorkommt. Es fährt einem vor der Glotze in die Beine, für ein paar Minuten muss der Perserteppich so richtig dran glauben. Der Song "Heavy Cross", den die schräge Beth Ditto mit ihrer Band Gossip singt, ist schon ein Knaller, aber die Interpretation von Jennifer Braun bei "Unser Star für Oslo" ist eine Sensation. Der Saal tobt, die Hütte brennt. "Ein echtes Brett", sagt Raab hinterher anerkennend.

Brauns Auftritt rüttelte gestern die Erwartungen bei ProSieben schön durcheinander. Eigentlich hatte man sich auf eine zeitraubende, ziemlich mühsame Show eingestellt, ein zuckriger Raab, der alle streichelt, und die Zuschauer Lena und Dursti wählen lässt. Das muss wohl auch Meyer-Landrut gedacht haben, jedenfalls schien ihr alles aus dem Gesicht gefallen zu sein, als die Kamera nach Brauns Performance auf die übrigen drei Kandidaten schwenkte. Nur Jan Delay mäkelte ein wenig herum, dass Brauns Auftritt nicht "crazy" genug gewesen sei. Kommt noch, denkt man bei sich. Bei der scheint ja einiges drin zu sein.

Dabei war es ein Glücksgriff, dass Jan Delay im Halbfinale als Juror saß. Im Anzug mit Hemd, Krawatte und Hut, sah er nicht nur professionell aus, sondern wie einer, dem man abnimmt, dass er sich und deshalb auch andere Sänger ernst nimmt. Er war auch derjenige, der Christian Durstewitz gleich am Anfang gesteckt hatte, dass er mit "I’m yours" von Jason Mraz zu sehr in die Vollen gegangen war. Das nahm dem Song die ironische Dimension, es war eben eine Dursti-Performance mit Gitarre, 100mal gesehen, kam es einem vor. Der Song hat ihm keine neue Facetten mehr entlockt und umgekehrt.

Am schlechtesten kam Kerstin Freking bei Delay weg. Das lag daran, dass er weder Alanis Morissette schätzt, noch wenn jemand zu exakt artikuliert - kein Wunder, dass ausgerechnet dieser Nuschelkönig was dagegen hat. Fakt war jedoch, dass Freking mit der Nummer "Hands Clean" nichts Neues mehr zeigen konnte, außer dass sie blond und entzückend ist.

"Unser Star für Oslo" - Halbfinale

Bildergalerie ( 15 Bilder )

Ihre Schwierigkeiten beim Wechsel der Register, also die Brillanz in der Stimme einheitlich zu wahren, darauf hatte die Soul-Diva Joy Denalane sie schon zwei Sendungen zuvor hingewiesen. Das war bei dem Morissette-Song wieder überdeutlich, vor lauter Mühe Text und Töne sauber zu bringen, kam der Song als Ganzes nicht gut zum Ausdruck. Sie wurde auch nach der ersten Runde abgewählt.

Delay lässt Lena alles durchgehen

Doch Lena Meyer-Landrut ließ Delay alles durchgehen. Nachdem sie dem Publikum verkündet hatte, was sie in der Hose hat (igitt - kam wahrscheinlich vom Fitnessfrühstück), zerlegte sie "Mr. Curiosity" von Jason Mraz auf der Studiobühne. Aus Mraz’ perlendem, leicht ironischen sing-a-song-Stil machte sie mit geballten Fäusten ein aufgesetztes Pathos-Ding, das jedenfalls im Wohnzimmer nicht zog. Ja, sie sieht bezaubernd aus, sie hat Star- und Sex-Appeal, man wünscht ihr den Erfolg. Jan Delay hatte Gänsehaut, vielleicht ist ihre Live-Ausstrahlung auch wirklich so gut.

Aber für den zweiten Song hätte es eigentlich keine Gnade geben dürfen. "Love Cats" von The Cure, da kennt die Afficionada keinen Spaß - und wenn sie dann noch "Loaf Kites" herauspresst und alle von ihrem herrlich britischem Akzent schwärmen, fällt einem nichts mehr ein. "Man die singt ja total schief, besonders wenn sie außer Atem ist", sagt die Zuschauerin auf dem Sofa trocken. Sie hat die Meyer-Landrut vorher noch nie gehört und gibt ihr deshalb auch keinen Niedlichkeitsbonus. Meyer-Landrut schafft es dann aber erwartungsgemäß ins Finale zusammen mit Jennifer Braun.

Jennifer Braun, die Überraschung des Abends, hatte in der zweiten Runde mit "Hurt" von Christina Aguilera gezeigt, dass sie das kann, was die Meyer-Landrut mit Sexiness und kessen Sprüchen wettmachen muss, Braun kann singen. Und das Publikum will sie hören.

Dursti vergisst sich selbst

Unbefriedigend war das Ergebnis dennoch, denn in Runde zwei hatte der mittlerweile aufgewärmte Durstewitz die Bühne mit Charlie Winstons "In Your Hands" gerockt. Dabei passierte Folgendes: Er riss wie zuvor Braun die Heavy Tones richtig mit. Der Milchbubi, der zwar Rocker genannt wird, aber nur dümmlich grinst wenn Moderator Matthias Opdenhövel ihm an den Oberschenkel greift - und sonst so harmlos daherredet, vergaß sich auf der Bühne selbst. Mit verzerrtem Gesicht röhrte er ins Mikro, sprang von der Musik gebeutelt auf und ab und zückte zum Schluss noch die Mundharmonika. Dreckig, Rock’n’Roll!

Vielleicht genau das, was niemals beim Eurovision Song Contest zu hören sein wird.

Abschließend muss man sagen, dass im Halbfinale das Raab-Konzept aufgegangen ist. Es hat sich gelohnt auf das musikalische Talent der Kandidaten zu setzen. Ihre Auftritte haben das Halbfinale spannend gemacht, haben einen das Gequatsche der Moderatoren vergessen lassen. Barbara Schönberger und ihr Bauch waren zum Glück auch Nebensache, und Jan Delays Performance mit Backgroundsängerinnen und scratchendem DJ waren eine angemessene Einlage. Mal sehen, was das Finale bietet.

Autor:  Natalie Soondrum
Datum:  10 | 3 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
TV-Kritik
Höhepunkt des 1. ESC-Halbfinales: der Auftritt der Buranowski Babuschki.
Eurovision Song Contest in Baku 
Jogger an der Außenalster in Hamburg.
TV-Kritik "Der adidas Check" 
TV-Moderator Günther Jauch.
Thilo Sarrazin bei Günther Jauch 

Video

Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Medien
Twitter wird für den Erfolg von Kinofilmen immer wichtiger.
Soziale Netzwerke entscheiden über Kino-Erfolge 
Wie beliebt wir in den sozialen Netzwerken sind, hat immer mehr Auswirkungen auf das
Facebook, Twitter und Co. 
        

Viel Prominenz, wenig Quote: Dustin Hoffman (l.) in „Luck“.
Sky Atlantic zeigt US-Serienhits 
World Press Photo
Das beste Pressefoto 2012: Eine jemenitische Frau hält einen verwundeten Verwandten in ihren Armen.

Beeindruckende Aufnahmen: FR-online.de präsentiert interaktiv die Pressefotos des Jahres.

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Meistgeklickt
Turkish Airlines ist als Sponsor im Gespräch.
Eintracht Frankfurt 
Die Politik entscheidet am Freitag über die Organspende-Reform. Doch wissen wir wirklich, wann ein Mensch definitiv tot ist?
Organspende-Reform im Bundestag 
Ödnis oder goldener Boden? In dem Gewerbegebiet Quellenpark in Bad Vilbel soll womöglich ein riesiges chinesisches Handelszentrum entstehen.
China investiert in Hessen 
Blick in die Zukunft am Eschenheimer Turm (links): Büros, Läden und einige Wohnungen lösen das Kino ab.
Turmpalast in Frankfurt