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Ausblick auf WM 2014: Bonanza gegen die Dämonen von 1950

Brasilien richtet 2014 die nächste WM aus. Die einheimischen Fußball-Fans hoffen auf den Titel, die Wirtschaft reibt sich die Hände, die Fifa drängt aufs Tempo, und dem Steuerzahler wird wohl noch Hören und Sehen vergehen. Von Wolfgang Kunath

Vorfreude: Brasilien hofft auf weltmeisterliche Heimspiele.
Vorfreude: Brasilien hofft auf weltmeisterliche Heimspiele.
Foto: rtr

Auch der Anblick von Beton kann Adrenalin-Stöße auslösen. "Das ist pure Emotion, hier krieg ich die Gänsehaut", sagt Vicente Massaro und deutet mit weit ausholender Geste auf das riesige graue Betongebirge, das sich rings um den berühmten Rasen auftürmt. Das Maracanã-Stadion ist die nach der Christus-Statue am zweithäufigsten besuchte Sehenswürdigkeit von Rio de Janeiro. Massaro ist mit seiner Familie zum Urlauben hier, sie kommen aus einer Großstadt im Bundesstaat São Paulo - klar gehen sie da ins Maracanã, so wie 1500 andere Besucher am Tag, die das Stadion im Juli besichtigen.

Historische Schwarz-Weiß-Fotos vom Bau des damals größten Fußball-Stadions der Welt, Reliquien wie der Ball, mit dem Pelé sein 1000. Tor schoss, die in Beton erstarrten Abdrücke der flinksten Füße Brasiliens, von Ademir bis Zizinho: Das Maracanã-Museum illustriert nicht nur die Geschichte eines Stadions, sondern die Fußball-Vernarrtheit einer Nation.

Aber die Gänsehaut, die überläuft die Besucher erst, wenn sie am Rand des Spielfelds stehen: Wer dächte da nicht an die berühmte Totenstille im Maracanã am 16. Juli 1950, als Uruguay mit 2:1 durch Ghiggia in Führung ging und Brasilien um den sicher geglaubten Sieg brachte - in der 79. Minute des WM-Endspiels! "Jedes Volk hat seine unausweichliche nationale Katastrophe", notierte der Schriftsteller Nelson Rodrigues in sarkastischer Geschmacklosigkeit, "unser Hiroshima war die Niederlage gegen Uruguay 1950."

In vier Jahren richtet Brasilien zum zweiten Mal die Fußball-Weltmeisterschaft aus. Alle Welt erwartet, dass die Brasilianer das gut machen. Aber für die Brasilianer hat 2014 eine weit darüber hinausgehende Bedeutung. "Brasilien", so schreibt der britische Journalist Alex Bellos in seinem wunderbaren Buch über Brasiliens Fußball, "spielt immer gegen sich selbst, gegen seine eigenen Dämonen, gegen die Gespenster des Maracanã." Und sie alle wären besiegt, wenn Brasilien, gerade nach seinem bescheidenen Abschneiden in Südafrika, 2014 zum sechsten Mal Weltmeister würde, und zwar bei einer mustergültigen "Copa" im eigenen Lande. Die Welt wird Südafrika oder Deutschland zum Maßstab für 2014 nehmen - Brasilien dagegen Brasilien 1950.

Koste es, was es wolle. Wen auch immer man befragt von den Maracanã-Touristen an diesem Vormittag - keiner weiß, dass das Stadion der Nation vor drei Jahren für 300 Millionen Reais renoviert wurde und demnächst für 720 Millionen gemäß den kapriziösen Forderungen der Fifa umgebaut wird. Eine Milliarde Reais, das sind 450 Millionen Euro. Und Rio de Janeiro ist nur einer von zwölf Austragungsorten.

"Ja, natürlich müssen neue Stadien her", sagt Massaro, und von Brasiliens horrend schlechten Schulen und den miesen Krankenhäusern will er in diesem Augenblick nichts wissen. Seine 15jährige Tochter Larissa fragt etwas schüchtern, ob die WM-Sportstätten denn wirklich so aufwändig sein müssten wie die Fifa diktiert. Gute Frage: Für einen Teil der 720 Millionen wird der Zugang zum Spielfeld so umgebaut, dass beide Mannschaften und die Schiedsrichter nicht aus drei verschiedenen Eingängen wie jetzt kommen, sondern nur aus einem. Die Fifa will das so, des Fernsehens wegen.

1950 langten sechs Spielorte. Dass es 64 Jahre später doppelt so viele sein werden, darauf hat Brasilien gedrungen; die Regierung will die Wirtschaftsimpulse, die von der Copa 2014 erwartet werden, möglichst weit übers Land streuen. Das hat Nachteile: Wer in Manaus und in Porto Alegre Spiele sehen will, muss so weit fliegen wie von Frankfurt nach Teheran. Und zugleich hat es Vorteile, denn Brasilien wird für 2,5 Milliarden Euro die Flughäfen modernisieren, die hinter der Entwicklung des Luftverkehrs herhinken. 2014, sagen die Experten, werden 48 Prozent mehr Flugtickets verkauft werden als letztes Jahr.

Womit wir bei dem - nach dem Fußball natürlich - faszinierendsten der WM 2014 wären: Den ganz großen Zahlen. Brasiliens Wirtschaft durchlebt ihre magischen Jahre, dem Land geht es gut. Entsprechend purzeln die Milliarden durch sämtliche Vorhersagen der Bonanza, die die WM 2014 in Brasilien auslösen soll, gefolgt von den Olympischen Spielen 2016 in Rio. Beide Großereignisse würden bis 2013 Investitionen von über 80 Milliarden Euro auslösen, so die Regierung, was die Ausgaben für die Südafrika-WM und die Olympischen Spiele in Peking bei weitem übertreffen würde.

Kaum einer, der nicht auf fabelhafte Geschäfte hofft. Allein Siemens will sich eine Milliarde aus dem Kuchen schneiden. Die Hersteller kugelsicherer Westen hoffen ebenso auf höhere Umsätze wie die brasilianische Waffenfabrik Taurus. Hotels, Werbeagenturen, Fluglinien, Gastronomie, Sprachschulen - alles bereitet sich auf 2014 vor. Selbst die Taxifahrer, so spottete kürzlich eine Zeitung, werden bis dahin vielleicht auf einen 50-Reais-Schein 22,50 Euro herausgeben können.

"Die großen Baufirmen treffen für gewöhnlich Absprachen vor den Ausschreibungen, sie verteilen Aufträge und Gewinne unter sich", beschreibt die Zeitung Folha de S. Paulo die Sitten der Betonbranche. Die Regierung in Brasília sagt, sie werde knapp zehn Milliarden Euro im Zusammenhang mit der WM ausgeben. Aber der Finanzierungsanteil der Bundesregierung an den Stadien ist bereits jetzt von 900 Millionen Euro auf 2,3 Milliarden gestiegen, und was Länder und Kommunen für Stadien veranschlagen, klettert genauso flott.

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Autor:  Wolfgang Kunath
Datum:  12 | 7 | 2010
Seiten:  1 2
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