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Terry Pratchetts Zauber-Fußball: Ein Orang-Utan kann kein Torwart sein

Terry Pratchett beweist, dass es in einem Buch über Fußball nicht unbedingt nur um Fußball gehen muss. Der englische Schriftsteller entführt seine Leser in eine ganz und gar fantastische Welt des Kicksports. Von Wolfgang Hettfleisch

Pratchett hat ein Buch über Zauber-Fußball gecshrieben: Der Club der unsichtbaren Gelehrten.
Pratchett hat ein Buch über Zauber-Fußball gecshrieben: "Der Club der unsichtbaren Gelehrten".
Foto: getty

Dass Torhüter mit Bananen beworfen werden, ist ein in Fußball-Deutschland nicht gänzlich unbekanntes Phänomen. Oliver Kahn kann indes nicht für sich in Anspruch nehmen, eine Frucht gefangen, ratzfatz geschält und verspeist zu haben. Das war vermutlich klug. Für seinen Kollegen im Kasten der Auswahl der Unsichtbaren Universität bleibt der Genuss jedenfalls nicht ungetrübt. Viel mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur zur Erklärung: Eine Banane stellt für den Bibliothekar zwischen den Pfosten eine Versuchung dar, der er einfach nicht widerstehen kann. Er würde das ganz sicher bestätigen, wenn auch recht einsilbig mit dem einzigen Wort, das sein Vokabular umfasst: Ook!

Spätestens hier sollte klar geworden sein, dass ein Buch über Fußball nicht unbedingt ein Buch sein muss, in dem es bierernst um Fußball geht; auch nicht unbedingt ein Sachbuch. Und dass bei derart großzügiger Auslegung auch ein Orang-Utan im Tor stehen kann, genauer gesagt: ein Zauberer, den vor langer Zeit das Missgeschick ereilte, in einen Affen verwandelt zu werden. Kleiner Tipp, sollten Sie mal die Gelegenheit haben, die bemerkenswerte Bibliothek der nicht ganz so ehrwürdigen Universität von Ankh-Morpork zu besuchen: Nennen Sie ihn um Himmels Willen nicht Affe!

Wer nun sagt, ein Orang-Utan könne kein Torwart sein, die Welt sei ja auch keine Scheibe, dem sei an dieser Stelle mit Nachdruck entgegnet: Ist sie doch! Jedenfalls im kunterbunten Universum, das der englische Schriftsteller Terry Pratchett schuf. Dessen Scheibenwelt-Romane finden sich in Buchhandlungen im Land der Dichter und Denker gern in der Fantasy-Schmuddelecke, was neben den nicht durchweg vorzeigbaren Übersetzungen vor allem eines beweist: Die Hartnäckigkeit, mit der die Arbeit eines der erfolgreichsten Autoren des runden Planeten vom deutschen Kulturbetrieb ignoriert wird.

Da geht es dem 62-Jährigen, der von einer weltweiten Fangemeinde regelrecht verehrt wird und 60 Millionen Bücher verkauft hat, kaum anders als anfangs der Heldin seines 37. Schreibenwelt-Romans, dessen deutsche Übersetzung im September unter dem Titel "Der Club der unsichtbaren Gelehrten" beim Manhattan-Verlag erscheinen soll. Besagte Glenda Sugarbean, als Nachtköchin fürs leibliche Wohl des selten wissenshungrigen, aber allzeit Kohldampf schiebenden Fakultätsmitglieder der Unsichtbaren Universität zuständig, backt nicht nur köstliche Pasteten, sie verfügt auch sonst über viele Talente. Die Zauberer um Erzkanzler Mustrum Ridcully sind aber erwartungsgemäß so ziemlich die Letzten, die das zu würdigen wissen. Was auch daran liegen mag, dass ganz entgegen der ortsüblichen akademischen Gepflogenheiten eine sportliche Herausforderung ansteht: Ein Fußballspiel, das ausgetragen werden muss, will die Universität nicht empfindliche finanzielle - und damit kulinarische - Einbußen erleiden. Das ist die Gelegenheit für den so schlauen wie gefürchteten Alleinherrscher der Stadt, Havelock Vetinari, um zu versuchen, jene blutrünstige Variante des Spiels in gesittete Bahnen zu lenken, die in den Straßen Ankh-Morporks so populär ist. Und dann wäre da auch noch der geheimnisvolle Mister Nutt, der viel zu belesen ist für einen Kerzengießer, von seinem Fußballsachverstand und seinen Bärenkräften ganz zu schweigen.

Wie ein Orang-Utan im Tor

Pratchett erweist sich auf den knapp 400 Seiten des englischsprachigen Originals "Unseen Academicals" nicht unbedingt als Fußballexperte, aber einmal mehr als intimer Kenner der menschlichen Natur und ihrer vielen kleinen Schwächen, mögen sie in diesem speziellen Fall auch mal einem Troll oder einem Zwerg zugeschrieben werden. Wer das Werk dieses seltsam optimistischen Satirikers ein bisschen besser kennt, wird sich in der Geschichte auf Anhieb so heimisch fühlen wie ein Orang-Utan im Fußballtor. Das liegt an den vielen alten Bekannten, die Ankh-Morpork, dieses Dickens-London für Durchgeknallte, bevölkern. Und es liegt an den nicht eben subtil transportierten Botschaften des großen Moralisten Pratchett: dass Respekt und Zuneigung auch derjenige verdient, der anders ist; und dass Mut, Klugheit und Gemeinsinn Berge versetzen können - nebst einem Gegenspieler mit schwerem Schuhwerk und mörderischen Absichten.

Es ist sicher nicht der beste Roman des inzwischen in den Ritterstand erhobenen Sir Terry, kein verblüffendes Feuerwerk wie einst die Märchen-Persiflage "Witches Abroad" (Total verhext), keine Lektüre, die so anrührt wie zuletzt die federleichte Parabel "Nation" (Eine Insel). Ein schlechtes Buch also? Aber nein. Dazu hat der in Deutschland nur für seine Fans sichtbare Weltenzauberer, der an einer seltenen Form von Alzheimer erkrankt ist und seine Geschichten inzwischen diktiert, einfach nicht das Zeug.

Autor:  Wolfgang Hettfleisch
Datum:  10 | 6 | 2010
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