kalaydo.de Anzeigen

Fußball-WM in Südafrika: Überfrachtet mit Sehnsüchten

Südafrika fiebert dem sportlichen Auftakt der ersten WM auf dem afrikanischen Kontinent entgegen. Es sind die Mittel des Underdogs, mit denen der Gastgeber das Turnier prägen möchte - auch gleich zum Auftakt gegen Mexiko (16 Uhr). Von Daniel Theweleit

Glücklich sieht anders aus: Südafrikas Trainer Carlos Alberto Parreira.
Glücklich sieht anders aus: Südafrikas Trainer Carlos Alberto Parreira.
Foto: afp

Ähnlich gespannt wie den Auftritt ihrer Mannschaft im WM-Eröffnungsspiel gegen Mexiko erwarteten die Südafrikaner am heutigen Freitag Informationen zur Tagesplanung von Nelson Mandela. Doch nun steht fest: Mandela wird nicht wie geplant an Eröffnungsspiel der Fußball- WM in Südafrika teilnehmen. Das teilte die Stiftung des früheren südafrikanischen Präsidenten am Freitagvormittag in Johannesburg mit. Der 91-Jährige nehme sich den tragischen Unfalltod seiner Urenkelin Zenani sehr zu Herzen, sagte ein Sprecher der Stiftung. Das 13 Jahre alte Mädchen war am frühen Morgen bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Der Wagen, in dem sie unterwegs war, hatte sich auf dem Rückweg vom WM-Auftaktkonzert in Soweto überschlagen. Die Fahrerin wurde festgenommen weil sie unter Alkoholeinfluss stand. Sie wird noch an diesem Freitag wegen fahrlässiger Tötung vor einem Untersuchungsrichter erscheinen.

Südafrikas Steven Pineaar hatte im geplanten Auftritt Mandelas gar historische Dimensionen erkannt: "Das wäre so wie der Tag, an dem Nelson Mandela nach 27 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde", so der Stürmer vom FC Everton zu Mandelas Wunsch, das Spiel zu sehen.

Nelson Mandela hatte einst sein feines Gespür dafür bewiesen, wie der Sport für eine größere Sache nutzbar ist - für den Frieden und den südafrikanischen Weg zu einer gerechteren Gesellschaft. 1995, in seinem ersten Jahr als Präsident, trug er beim Finale der Rugby-WM das Trikot der südafrikanischen Springboks; für viele Schwarze war dieser Gedanke lange Zeit ein Skandal. Rugby ist ein Sport der Weißen, doch Südafrika schlug damals die favorisierten Neuseeländer.

Und dann umarmte Mandela Francois Pienaar, den weißen Kapitän der Mannschaft. Schwarze und Weiße bejubelten gemeinsam das gebeutelte Land, es war einer der berührendsten Momente nach dem Ende der Apartheid. John Carlin hat einen Roman über dieses Kapitel der südafrikanischen Geschichte geschrieben, Clint Eastwood hat seinen Film "Invictus" auch über diesen historischen Moment gedreht.

Sogar bis in die Abgeschiedenheit des deutschen Quartiers war die Begeisterung vorgedrungen. Nachdem Dieter Haller, der deutsche Botschafter, vor dem DFB-Team ein Referat über das Land gehalten hat, war Stürmer Lukas Podolski zu Pressechef Harald Stenger gelaufen und hatte um weitere Informationen zu Mandela gebeten.

Nur einem ist es zu viel mit der enormen Aufladung des Turniers: Carlos Alberto Parreira, der Trainer der südafrikanischen Nationalmannschaft. "Diesem historischen Druck setze ich mich erst gar nicht aus, und ich werde nicht zulassen, dass meine Spieler damit behelligt werden", hat Parreira kürzlich gesagt. Dass die Mannschaft am Mittwoch in einem offenen Bus umjubelt von 100.000 Menschen durch Johannesburg gefahren ist, hat dem Brasilianer gar nicht gefallen: "Ich habe so etwas noch nicht gesehen in meinem Leben, zwei Tage vor einem wichtigen Spiel können wir so etwas nicht gebrauchen."

Ähnlich unangenehm dürfte ihm dann der Besuch von Südafrikas Präsident Jacob Zuma nach der Parade gewesen sein. "Als Optimist sage ich, wir werden das Finale erreichen, und meine Hände jucken, den Pokal an Kapitän Aaron Mokoena zu übergeben", sagte Zuma unter dem Applaus der Mannschaft.

Kein Wunder, dass Parreira fürchtet, seine sportliche Mission werde überfrachtet mit unerfüllbaren Sehnsüchten. Denn längst ist der Traum von einer erfolgreichen WM in Südafrika viel größer als das Potenzial der Mannschaft. Selbst die kleine Erfolgsserie von zuletzt zwölf Spielen ohne Niederlage ist mittlerweile eine Last, weil sie die Erwartungen weiter schürt. "Die Geschichte zeigt, dass die Ergebnisse von Freundschaftsspielen keine Aussagekraft haben", sagt Parreira, doch solche Worte der Vernunft sind nicht gefragt in diesen Tagen.

Gleichwohl hat sich sportlich einiges entwickelt beim Gastgeber in den vergangenen Monaten. Die Mannschaft hat in einem langen Trainingslager in Brasilien und einem weiteren Camp im bayerischen Herzogenaurach körperlich zugelegt. Parreira spricht nur noch von "zwei, drei ungelösten Problemen". So fehlt es der Offensive an Durchschlagskraft, zuletzt benötigte das Team immer wieder Elfmeter, um Tore zu erzielen.

Außerdem ist den meisten Spielern das Niveau neu, auf dem sie bei dieser WM gefordert sind. Pienaar war in der vergangenen Saison der einzige Spieler, der regelmäßig in einer europäischen Topliga eingesetzt wurde - beim FC Everton in der englischen Premier League. Acht Akteure aus der prognostizierten Startelf spielen in der deutlich schwächeren ersten Liga Südafrikas. Und die Testspielgegner waren Thailand, Kolumbien, Jamaika, Guatemala und andere, fußballerisch eher zweitklassige Nationen.

Auch deshalb haben die Südafrikaner dem letzten Testspiel gegen Dänemark eine enorme Bedeutung beigemessen. "Da haben die Jungs alles gezeigt, was erforderlich ist, um auf einem solchen Niveau mitzuhalten", sagt Mokoena, und Parreira verkündet stolz, dass das Team "jetzt eine Identität, einen eigenen Stil" habe. Die Südafrikaner wollen über Ballbesitz Dominanz erzeugen, "das tun wir jetzt, und darüber bin ich sehr, sehr glücklich", sagt der Trainer.

Vor allem jedoch sind es die Mittel des Underdogs, mit denen Südafrika dieses Turnier prägen möchte: Zusammenhalt, mannschaftliche Geschlossenheit, der Vorteil in der Heimat zu spielen und der Krach der Vuvuzelas, mit denen die Gegner aus dem Stadion geblasen werden sollen.

Für Parreira ist die Tröte ohnehin der Geheimtipp des WM-Turniers: Mit ihrer Dezibelstärke soll allen Gegnern das Fürchten gelehrt werden. Parreira sagt: "Laut muss es sein, so laut wie nur möglich." (mit dpa)

Autor:  Daniel Theweleit
Datum:  11 | 6 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

Weblog

Das FR-Blog zur Frankfurter Eintracht. Anmerkungen zum Verein des Herzens - subjektiv, unqualifiziert, völlig unreflektiert.

Weblog

FR-Sportredakteure berichten über den FSV Frankfurt. Und Sie haben die Gelegenheit direkt darüber zu diskutieren.

Ergebnisdienst

Von Basketball bis Volleyball: Ergebnisse und Statistiken zu Spielern und Vereinen - bis zur Kreisklasse.

Für Sportler in Not

Die Weihnachtssammlung der FR-Sportredaktion hilft armen, kranken und behinderten Sportlern, die unverschuldet in Not geraten sind.

FR @ Handy

Ob Büro, Biergarten oder Badesee: Die "Frankfurter Rundschau" ist auf dem Handy immer dabei - mit vielen Sport-Livetickern.

Soziale Netzwerke

Die Frankfurter Rundschau finden Sie auch bei Facebook, Twitter und StudiVZ und MeinVZ. Werden Sie Fan!

FR-Sportredaktion live

Sport-Ticker @ Twitter
Textimport

Verfolgen Sie unsere Nachrichten in Ihrer Lieblingsdarstellung - via RSS-Feed. Für Ihren Windows-PC bieten wir sogar einen kostenlosen Newsreader an. Informationen im Digital-Bereich.