Wer weiß, ob Linkshändern zu trauen ist. Oder Dackelbesitzern. Teetrinker sind auch irgendwie komisch. Aber es lässt sich schlecht Auflage machen mit Geschichten über linkshändige Hundeliebhaber mit einer Vorliebe für Earl Grey. Schwule Fußballer - das funktioniert. Es ist ein Breitensport geworden, Mutmaßungen über die sexuellen Präferenzen von Profis oder Trainern anzustellen. Pünktlich zum WM-Abpfiff geben Spiegel und Bild dem Affen Zucker. Alexander Osang hat in Südafrika "Neue Deutsche Männer" gesichtet und zitiert Ballack-Berater Michael Becker mit dem Hinweis, ein Ex-Nationalspieler werde "die Schwulencombo" im DFB-Team demnächst hochgehen lassen.
Obwohl noch kreuzfidel, residiert Osang auf Hausaltären der Zöglinge deutscher Journalistenschulen zwischen Gott und Mark Twain. Der begnadete Schreiber geht seinerseits mit Sportjournalisten etwas härter ins Gericht. Von denen, die dabei waren, hatte er erwartet, sie würden auf Beckers Stichwort Schwulencombo "mit hochroten Ohren nachfragen". Osang sah aber nur gelassenes Nicken und folgert: "Alle Sportjournalisten schienen die Geschichten von der vermeintlichen großen homosexuellen Verschwörung der Mannschaft von Joachim Löw zu kennen."
Osang schreibt das nicht, um Schwule zu diskreditieren. Er macht klar, dass Becker nicht mal zwingend von Männern spricht, die Männer lieben. Der Berater benutzt schwul als Chiffre für den neuen Umgang miteinander im DFB-Team. Osang wiederum will zeigen, dass Ballack und sein Vertrauter Figuren von gestern sind; Vertreter einer autoritären, hierarchisch geprägten Fußballkultur, die zum Untergang verdammt ist, und an deren Stelle etwas Neues und Aufregendes tritt.
Dass die differenzierte Botschaft ankommt, darf bezweifelt werden. Die Bild-Zeitung hat das Potenzial sofort erkannt, zitiert Osang unvollständig und versteht ihn gezielt falsch: "Gibt es eine homosexuelle Verschwörung um die Mannschaft von Joachim Löw?" Das wird ein fröhliches Namenraten geben am Stammtisch und dazu die massenhafte Erkenntnis: Ich hab´s doch gewusst! Man kann gar nicht so viel Earl Grey trinken, wie man kotzen möchte.
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