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Leitartikel: Bafana, Bafana

Heute startet das größte Festival der Welt. Gastgeber Südafrika möchte sein angekratztes Image polieren. Der Rest des Kontinents hofft auf einen Abglanz des Fußball-Events. Von Johannes Dieterich

Johannes Dieterich ist Korrespondent der FR in Afrika.
Johannes Dieterich ist Korrespondent der FR in Afrika.
Foto: FR

Den Ruf "Ke nako" haben sich die Südafrikaner als Slogan für die heute beginnende WM ausgewählt: "Es ist Zeit." Zum ersten Mal in der achtzigjährigen Geschichte des Turniers und 148 Jahre, nachdem das erste offizielle Fußballmatch am Kap der Hoffnung ausgetragen wurde, hat das größte Festival der Welt endlich seinen Weg nach Afrika gefunden. Wer wollte bestreiten, dass es höchste Zeit dafür war? Schließlich verdankt die Welt ihre besten Ballkünstler dem notorisch übergangenen Kontinent: Was wäre etwa England-Meister Chelsea ohne Didier Drogba, Michael Essien und Salomon Kalou? So ist die erste WM auf afrikanischem Boden weniger ein riskanter Ausflug in exotische Gefilde, das Turnier kommt vielmehr zu besten Freunden nach Hause.

Man kann von dem barocken Fußballfürsten Sepp Blatter halten, was man will: Dass der Wettbewerb heute in Johannesburg angepfiffen wird, ist nicht zuletzt sein Verdienst. Mit beachtlichem Stehvermögen setzte sich der Fifa-Chef gegen engstirnige Bedenkenträger durch, die wie Bayern-Chef Uli Hoeneß die afrikanische WM für Blatters "größte Fehlentscheidung" hielten. Kaum verhohlen verbirgt sich hinter solchen Bedenken das Ressentiment, wonach Afrikanern die Organisation eines derartigen Ereignisses nicht zuzutrauen ist; man kann es auch Rassismus nennen.

Nun hat Südafrika die Welt eines Besseren belehrt. Selbst der nicht gerade seiner Progressivität wegen bekannte Franz Beckenbauer zeigte sich angesichts der imposanten Stadien, der neuen Flughäfen, der gesamten Vorbereitung des Austragungslands nach seiner Ankunft in Johannesburg geplättet. "Alles ist unglaublich gut organisiert", schwärmte der Kaiser, "Südafrika ist ein fantastisches Land."

Dessen Regierung hat weder Mühen noch Kosten gescheut, das Land auf die große Gelegenheit vorzubereiten. Die Südafrikaner ließen sich das Turnier zehn Milliarden Euro kosten. Die Hoffnung, dass sich die gigantischen Investitionen wirtschaftlich schnell auszahlen würden, hat sich bereits als trügerisch erwiesen. Vor allem die wesentlich geringer als erwartet ausfallenden Besucherzahlen haben den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Trotzdem muss der Aufwand nicht umsonst gewesen sein; nicht jeder Gewinn lässt sich schließlich in schnellen Profiten messen. Staatspräsident Jacob Zuma hält schon die derzeitige "Explosion des Nationalstolzes" für einen "unbezahlbaren Nutzen" des Turniers. Die Vereinigung der noch immer nach ihrer Hautfarbe getrennten Bevölkerung hinter ihrem "Bafana, Bafana" genannten Nationalteam könnte dem Regenbogen neuen Glanz verschaffen. Vor allem aber wird eine erfolgreiche WM das angekratzte Image Südafrikas aufpolieren. Das Bewusstsein, dass das Kap der Guten Hoffnung den anspruchsvollsten Event der Welt organisieren konnte, wird sich langfristig auch auf die ins Land fließenden Investitionen auswirken.

Verfehlt ist allerdings die Hoffnung, dass dieser Image-Schub den ganzen Kontinent nach vorn bringen könnte. Besucher werden schnell feststellen, dass es sich bei dem rohstoffreichen Schwellenland nicht ums "wirkliche Afrika" handelt. Eine in Nigeria, Kenia oder gar im Kongo ausgetragene WM ist noch immer völlig ausgeschlossen. Zwar beteuerten die südafrikanischen Veranstalter, sie hätten die Weltmeisterschaft im Auftrag des Kontinents organisiert. Das aber ist nichts weiter als eine politisch korrekte Phrase. Die Kapländer waren vielmehr von der Angst gepeinigt, der noch schlechtere Ruf des Restkontinents könnte auf sie abfärben; nicht einmal der Einheimischen-Discount bei den Eintrittspreisen wurde auch den afrikanischen Brüdern und Schwestern gewährt. Diese dankten es den ohnehin als arrogant geltenden Südafrikanern auf ihre Weise: Lediglich elftausend Besucher aus anderen Teilen des Kontinents haben sich bisher zum Festival angemeldet.

So wird Südafrikas prekäre Sonderstellung auf dem Kontinent (und in der Welt) durch das Riesenturnier noch weiter akzentuiert. Das muss nichts Schlechtes sein; denn tatsächlich ist das Kap der Guten Hoffnung ein einzigartiger - und einzigartig labiler - Multikulti-Staat. Sollte es in den nächsten vier Wochen gelingen, dieses kostbare Experiment der Menschheit zu feiern und zu pflegen, statt mit der Lupe nach seinen Schwachstellen zu forschen, werden - wie nur selten bei einem Turnier - am Ende alle Sieger sein.

Autor:  Johannes Dieterich
Datum:  11 | 6 | 2010
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