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08. Juni 2010

Nordkorea bei der Fußball-WM: Mission Imagepolitur

 Von Bernhard Bartsch
Aufwärmen für den "Geliebten Führer": Nordkoreanische Spieler beim Training.  Foto: afp

Es ist das erste Mal seit 44 Jahren das Nordkorea sich für eine WM qualifiziert hat. Die Fußballer sollen in Südafrika vor allem Sympathien für ihr Land gewinnen - das miserable Image muss aufpoliert werden. Von Bernhard Bartsch

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Sie nennen sich "Chollima", die "fliegenden Pferde". Und nichts weniger als übernatürliche Fähigkeiten werden sie brauchen, um bei der Fußball-WM so aufzutreten, wie sie es sich wünschen: Nordkoreas Nationalspieler treten in Südafrika nicht nur im sportlichen Wettbewerb an, sondern soll auch im politischen. Sie sollen das miserable Image ihrer Heimat aufpolieren und ihrem "Geliebten Führer" Kim Jong-il wenn schon nicht den Pokal, so doch wenigstens viele Sympathiepunkte mit nach Hause bringen.

Es ist das erste Mal seit 44 Jahren, dass sich das abgeschottete Land für eine WM qualifiziert hat. Die Nordkoreaner träumen davon, dass ihre Mannschaft so aufspielen wird wie 1966 in England, als sie bis ins Achtelfinale gelangte und auf dem Weg dorthin Italien besiegte. Angesichts der harten Konkurrenz in Gruppe G, in der sich Nordkorea mit Brasilien, Portugal und der Elfenbeinküste messen muss, wäre diesmal ein Weiterkommen aber eine Sensation.

Das Team von Trainer Kim Jong-hun ist so geheimnisvoll wie sein Land. Die Spieler geben keine Interviews und lassen sich nicht beim Training zuschauen. Auf der Weltrangliste stehen sie auf Platz 104 - und damit für nordkoreanische Verhältnisse überdurchschnittlich gut da. Bei anderen internationalen Vergleichen - etwa Pro-Kopf-Einkommen, Presse- oder Religionsfreiheit - liegt das Land rund hundert Plätze weiter hinten. Der Fußball hat eben auch in Nordkorea seine eigenen Gesetze. Nordkoreaner sind nicht weniger fußballbegeistert als andere Völker, und in keinem anderen Bereich gewährt ihnen ihre Regierung bessere Informationen über die Vorgänge im Rest der Welt.


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Fast alle Spieler sind Absolventen der offiziellen "Sportschule Kim Il-sung" und kicken für eine der 14 Mannschaften der nordkoreanischen Liga. Die Klubs gehören zu Behörden oder Staatsbetrieben und tragen Namen wie "Lokomotive", "Gelber Fluss" oder "26. April". Doch drei Spieler stehen bei ausländischen Vereinen unter Vertrag: Stürmer Hong Yong-jo beim russischen Erstligisten Rostow, der Mittelfeldspieler An Yong-hak beim japanischen Klub Omiya Ardija. Auch der Star des Teams spielt in Japan: Jong Tae-se stürmt für Erstligist Kawasaki Frontale und trägt wegen seiner bulligen Statur den Spitznamen "Wayne Rooney des Volkes".

Jongs Verpflichtung ist für Pjöngjang sportlich wie politisch ein Coup, denn er ist einer der wenigen Auslandskoreaner, die sich offen und freiwillig zu Nordkorea bekennen. In Japan als Sohn eines nordkoreanischen Vaters und einer südkoreanischen Mutter geboren, besitzt er die nord- und die südkoreanische Staatsangehörigkeit. Obwohl Jong auch in Südkorea ein Star ist und dort Werbeverträge hat, besteht er darauf, Nordkoreaner zu sein. "Ich bin so glücklich, mein Volk repräsentieren zu können", sagte er kurz vor der Abreise ins WM-Quartier. "Wenn Kim Jong-il, die hochrangigste Persönlichkeit in unserem Land, zufrieden ist, ist es für mich eine Ehre."

Zwar führt Jong einen alles andere als nordkoreanischen Lebensstil - sein Monatsgehalt bei Kawasaki Frontale soll 200000 Euro betragen. Doch wie bei vielen Angehörigen der rund 500000 in Japan lebenden Koreaner steckt hinter dem Bekenntnis zu Nordkorea ein gewisser Trotz. Die koreanische Minderheit, deren Vorfahren in der Regel während des Zweiten Weltkriegs als Arbeiter kamen, fühlt sich von den Japanern oft diskriminiert.

Jong, der in Japan eine von Nordkorea finanzierte Schule besuchte, warf der japanischen Regierung offen vor, den Koreanern absichtlich "das Leben schwer zu machen". Die WM sei nun eine Möglichkeit, ein freundliches Bild von Nordkorea zu zeigen. Jong: "Jeder denkt, Nordkorea sei ein wirklich gefährliches Land, aber wir spielen nicht so schmutzig wie China oder Südkorea."

Vor dem ersten Spiel dominieren allerdings negative Schlagzeilen - zum Beispiel beim Thema Kadernominierung. Trainer Kim hatte einen Stürmer als dritten Torwart angemeldet, offenbar in der Hoffnung, so einen zusätzlichen Offensivspieler in Reserve zu haben. Der Trick wurde jedoch zum Eigentor: Die Fifa stellte klar, dass Torhüter auch nur als solche eingesetzt werden können.

Unklar ist auch noch, wie die Nordkoreaner die Spiele ihrer Mannschaft verfolgen können. Laut Vertrag mit der Fifa liegen die Übertragungsrechte für die gesamte koreanische Halbinsel beim südkoreanischen Privatsender SBS. Bei der vergangenen WM gab SBS die Spiele umsonst an Nordkorea weiter. Südkoreas Regierung, die allen Übermittlungen von Rundfunksignalen in den Norden zustimmen muss, übernahm sogar die Datentransferkosten von 132500 US-Dollar.

Nachdem Nordkorea Ende März das südkoreanische Kriegsschiff Cheonan abgeschossen und dabei 46 Matrosen getötet hat, weigert sich Seoul, das Geschenk zu wiederholen. Die teuren Rechte kann sich Pjöngjang zwar kaum leisten - aber notfalls die Übertragung auch einfach aus einem anderen Land klauen. Selbst wenn die Fußballer sich einer sauberen Spielweise rühmen - ihre Regierung ist für ihre Fouls berüchtigt.

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