kalaydo.de Anzeigen

Oranjes van Bronckhorst: Das größte Spiel ganz zum Schluss

Der niederländische Kapitän Giovanni van Bronckhorst hätte im Traum nicht daran gedacht, mit dem WM-Finale gegen seine alten spanischen Kumpels die Karriere beenden zu können. Trotzdem spielt der brave Verteidiger im Vorfeld des Finales eher eine Nebenrolle. Von Frank Hellmann

Es ist ein Jungentraum, im letzten Spiel der Karriere Weltmeister zu werden, sagt der niederländische Kapitän Giovanni van Bronckhorst.
"Es ist ein Jungentraum, im letzten Spiel der Karriere Weltmeister zu werden", sagt der niederländische Kapitän Giovanni van Bronckhorst.
Foto: dpa

Im fensterlosen Presseraum des Greenpoint-Stadions gibt es keinen freien Platz mehr. Trotzdem ist es empfindlich kühl, weil die Klimaanlage ganze Arbeit verrichtet. Ein Windzug. Rechts in der Ecke geht eine Tür auf. Bert van Marwijk kommt, er grinst. Mit ihm Giovanni van Bronckhorst, er lächelt. Der Trainer platziert sich mittig auf dem Podium, der Kapitän zwei Stühle weiter rechts. Die Fragerunde beginnt.

Nach wenigen Minuten registriert van Bronckhorst, dass er hier im Grunde ziemlich überflüssig ist. Er starrt in die Luft, er zupft an seiner Trainingshose herum. Während van Marwijk mal wieder erklären muss, warum die niederländische Nationalmannschaft nicht mehr schön spielt, greift sich van Bronckhorst eine Halbliterflasche Wasser, später nippt er an einem Mineralgetränk. Zwischendurch wird er sagen: "Es ist das Wichtigste, das nächste Spiel zu gewinnen." Er wirkt gelangweilt. Der 35-Jährige ist kein wirklich gefragter Mann an diesem Montagabend. Aber die Nebenrolle in der Tafelbucht von Kapstadt scheint vor dem Halbfinale gegen Uruguay maßgeschneidert für ihn.

Zur Person

Giovanni van Bronckhorst, 35, machte sein erstes von jetzt 105 Länderspielen 1996 gegen Brasilien. 14 Jahre spielte er in der Elftal, eher unauffällig. Er schoß ganze sechs Tore, darunter das Traumtor am Dienstag zum 1:0 gegen Uruquay.

Der zweifache Familienvater begann seine Karriere bei Feyenoord Rotterdam, dort beendet er sie auch. Dazwischen spielte er bei Glasgow Rangers, FC Arsenal und dem FC Barcelona. Gewonnen hat der Linksverteidiger in den Niederlanden, Schottland, England und Spanien alles, was es zu gewinnen gibt. Es fehlt nur noch der WM-Titel. (fr)

Wenn am Sonntagabend im Soccer City Stadion von Johannesburg das Finale zwischen Niederlande und Spanien beendet sein wird, könnte dieser Mann das volle Kontrastprogramm erleben. Und er zum Hauptdarsteller werden. Der Kapitän des Siegerteams empfängt ja traditionell diesen Goldpokal, um den sich seit dem 11. Juni in Südafrika die besten Fußballer der Welt balgen. Bekommt ihn van Bronckhorst überreicht, wird das ein Bild für die Ewigkeit. Seine Augen bekommen einen eigenartigen Glanz, wenn er sich das ausmalt. "Es ist ein Jungentraum, im letzten Spiel der Karriere Weltmeister zu werden."

Als van Bronckhorst verkündete, er würde mit dieser WM abtreten, konnte ein bodenständiger Charakter wie er ja nicht ahnen, dass das wahre Leben manchmal mitunter noch mehr als erfüllte Träume zu bieten hat. Er hat bei der WM 1998 nicht eine Minute mitmachen dürfen, bei der WM 2002 war seine Auswahl nicht qualifiziert, bei der WM 2006 schied man viel zu früh aus. Aber jetzt kommt sein größtes Spiel ganz zum Schluss: ein WM-Endspiel. Gegen gute alte Bekannte. "Für mich ist das eine wundervolle Konstellation. Ich habe mit vielen Spaniern ja noch zusammengespielt und eine besondere Beziehung zu ihnen."

Dabei bestand bis vor kurzem die Gefahr, dass kaum jemand Notiz davon nehmen könnte, dass für einen international geachteten Allrounder am Kap der Vorhang fällt. Nicht mal die Heimat hatte sich wirklich für ihren braven Verteidiger links hinten in der Viererkette interessiert, weil Künstler wie Arjen Robben, Egomanen wie Wesley Sneijder oder Charaktere wie Robin van Persie den Stoff für die Geschichten lieferten. Giovanni van Bronckhorst trägt zwar die knallgelbe Kapitänsbinde und kann wirklich lieb lächeln, aber das ist es dann auch. Ihm ist halt eine gewisse Intimsphäre nicht nur bei der "Elftal", sondern auch in der Familie heilig: Privates mit seiner Anvertrauten Marieke geht niemand etwas an. Freunden hat er verraten, dass er seine Söhne Jake und Joshua gerade sehr vermisse. Nach dem WM-Sommer wird er Assistenztrainer bei der niederländischen U 21 und gleichzeitig als Nachwuchscoach bei Feyenoord angestellt, was ihm weiterhin ermöglicht, in der Nähe von Rotterdam wohnen zu bleiben.

Wie er lebt, so spielt er auch. Unaufgeregt und unspektakulär. Eine Alternative im Kader gibt es auch nicht - der beim FC Bayern schnell abgeschobene Edson Braafheid ist keine. Van Bronckhorst ist auf seiner Position nicht so flink wie Philipp Lahm, nicht so hart wie der Portugiese Fabio Coentrao oder nicht so dynamisch wie der Engländer Ashley Cole. Die Statistik weist in sechs Spielen eine Laufleistung von 59,27 Kilometern aus - ordentlich. Von 344 Pässen sind 248 (72 Prozent) angekommen - normal. Die meisten Zuspiele bekommt er von Nebenmann Joris Mathijsen - die meisten Bälle passt er auch dorthin. Das klingt nicht nur wenig aufsehenerregend - das ist es auch. Die Nummer fünf hat von 540 möglichen WM-Minuten 540 gespielt. Und dabei allein einen Torschuss abgegeben. Halblinks versetzt weit weg von der Strafraumgrenze. Aus 37 Metern. Und dieser einzige Versuch war drin. Zum 1:0 gegen Uruguay.

"Mit diesem Tor begannen wir zu schweben", sagte er nach dem Halbfinale in der Mixed Zone und wirkte glücklich wie ein Kind. Auf dem Rasen hatte er sich zuvor sofort mit dem Schlusspfiff darum gekümmert, aufgeregte Südamerikaner zu beruhigen und den traurigen Kapitän Diego Forlán zu trösten. Erst dann ging er pflichtgemäß zum Feiern.

So ein stets um Ausgleich bemühter Profi ist für jeden Trainer der Welt ein Volltreffer. Deshalb hat ihn damals auch Frank Rijkaard mit zum FC Barcelona genommen, wo der dunkelhaarige Beau in seiner besten Zeit (2003 - 2007) nicht nur Frauenherzen höher schlagen ließ. Die Katalanen wurden damals von den "Oranjes" dominiert; im Camp Nou huldigten die Fans Patrick Kluivert, Marc Overmars, Edgar Davids oder Philipp Cocu - und Giovanni van Bronckhorst riefen alle nur "Gio", weil der Nachname im Spanischen schlichtweg unaussprechlich ist.

Mit vollem Namen heißt er eigentlich Giovanni Christiaan van Br onckhorst. "Mein Vorname mag einige verwirren, aber es fließt kein italienisches Blut in meinen Adern", erklärt er, "es war einfach so, dass meine Mutter den Namen gern mochte". Er hat eine molukkische Mutter, der Vater ist ein nach Rotterdam eingewanderter Indonesier. Sein Glück sollte sein, dass der Papa, selbst begeisterter Fußballer, ihn früh im Verein anmeldete. Bereits mit sieben Jahren landete der Filius in der Talentschmiede von Feyenoord. "Man hat mich dort einfach sehr gut ausgebildet. Ich hatte einen sehr guten Trainer namens Maup Martens, der gerade zwischen 12 und 16 Jahren sehr wichtig war."

In dieser Phase erhalten junge Fußballer den entscheidenden Feinschliff. Insofern war es ein klein wenig logisch, dass er sich erst bei Feyenoord, später bei Glasgow Rangers durchsetzte. Erst nach dem Wechsel zum FC Arsenal 2001 tauchten größere Stoppschilder auf. Erst ein Kreuzbandriss, dann ging unter Arsene Wenger die Lieblingsposition und der Stammplatz verlustig. Er flüchtete nach Barcelona. Dass er 2006 die Champions League ausgerechnet gegen die Gunners gewinnen sollte, galt als innere Genugtuung für den ausgeprägten Gerechtigkeitsfanatiker.

Doch das ist ja nichts gegen die sonntägliche Aussicht mit der begehrten Trophäe im Konfettiregen und Blitzlichtgewitter im Mittelpunkt zu stehen. Nur noch ein einziges Mal.

Autor:  Frank Hellmann
Datum:  9 | 7 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

Weblog

Das FR-Blog zur Frankfurter Eintracht. Anmerkungen zum Verein des Herzens - subjektiv, unqualifiziert, völlig unreflektiert.

Weblog

FR-Sportredakteure berichten über den FSV Frankfurt. Und Sie haben die Gelegenheit direkt darüber zu diskutieren.

Ergebnisdienst

Von Basketball bis Volleyball: Ergebnisse und Statistiken zu Spielern und Vereinen - bis zur Kreisklasse.

Für Sportler in Not

Die Weihnachtssammlung der FR-Sportredaktion hilft armen, kranken und behinderten Sportlern, die unverschuldet in Not geraten sind.

FR @ Handy

Ob Büro, Biergarten oder Badesee: Die "Frankfurter Rundschau" ist auf dem Handy immer dabei - mit vielen Sport-Livetickern.

Soziale Netzwerke

Die Frankfurter Rundschau finden Sie auch bei Facebook, Twitter und StudiVZ und MeinVZ. Werden Sie Fan!

FR-Sportredaktion live

Sport-Ticker @ Twitter
Textimport

Verfolgen Sie unsere Nachrichten in Ihrer Lieblingsdarstellung - via RSS-Feed. Für Ihren Windows-PC bieten wir sogar einen kostenlosen Newsreader an. Informationen im Digital-Bereich.