So, Herrschaften. Sommerzeit, WM-Zeit, Public-Viewing-Zeit. Schon heiß drauf? Simon S. aus Friedrichshafen kann es kaum erwarten: "Ich persönlich liebe Public Viewing", schreibt er im Internet. Stephan H. aus Hannover pflichtet bei: "Scheiß egal, ob Ballack dabei ist oder nicht - ich freue mich aufs Public Viewing!!"
Bei allem Verständnis für die seltsamen Vorlieben mancher Leute: Michael Ballack ist mit seinem kaputten Knöchel arm genug dran. Hoffen wir, dass ihm das Public Viewing vorerst erspart bleibt - so bezeichnet der US-Amerikaner nämlich das öffentliche Aufbahren Verstorbener zum Zwecke des Abschieds. Wer das noch nicht verinnerlicht hat, werfe einen Blick auf bestatterweblog.de und lerne: Bei englischsprachigen Menschen löst es "völlig befremdliche Assoziationen" aus, wenn man andernorts ausgelassen singend, Fahnen schwenkend und in Landesfarben bemalt zum Public Viewing eilt.
Im Ernst, Leute. So geht´s nicht. Wie warnte DFB-Scheffe Theo Zwanziger schon 2006 ganz richtig: "Dass die Sicherheitskriterien, wenn Public Viewing vor einer Vielzahl von Tausenden Menschen stattfindet, eine besondere Note sind, das ist uns schon klar." Aber hat der Weltfußball daraus gelernt und diese Unsitte eingedämmt? Fast konnte man meinen, die Fifa sei zur Vernunft gekommen, als es kürzlich hieß, Public Viewing sei wenigstens außerhalb der großen Fanmeilen bei der WM verboten. Doch dann Ende Mai die Kehrtwende: "Die Fifa versicherte inzwischen, sie anerkenne das große Interesse in Deutschland an den Public-Viewing-Partys", meldete die Nachrichtenagentur dpa. Public-Viewing-Partys!
38 Prozent der Fans in Deutschland wollen einer Umfrage zufolge während der WM zum Public Viewing. Und das in einer Zeit, in der sie doch so schön Fußball gucken könnten statt Leichen. Man kann nur den Kopf schütteln. Und die Veranstalter? Machen sich zu willfährigen Helfern eines makabren Trends. Public Viewing werde in der Dortmunder Westfalenhalle kostenlos angeboten, liest man. In Frankfurt am Main, wo sich offenbar noch ein Rest Pietät hält, kostet es wenigstens Eintritt. Fünf bis acht Euro.
Aber bitte. Trotz dieser befremdlichen Tendenzen will eine mobile Mehrheit im Lande unter Public Viewing stur das gemeinsame Betrachten eines Fußballspiels verstehen - das mit "Rudelgucken" doch viel treffender beschrieben ist. Diesen Fans sei gewünscht, dass die Auftritte der deutschen Elf nicht doch den Schluss nahelegen, man habe einer Veranstaltung im amerikanischen Sinne des Wortes beigewohnt.
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