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Wieder mal dicke Hose: Mexiko sieht sich als Titelfavorit

Obwohl Mexiko nur auf eine eher mäßige WM-Geschichte zurückblicken kann, geht es mit enormem Selbstbewusstsein ins Eröffnungsspiel gegen Südafrika und sieht sich selbst erneut als Titelfavorit. Von Klaus Ehringfeld

Einer der mexikanischen Legionäre: Verteidiger Carlos Salcido (vorne, hier im Test gegen Italien).
Einer der mexikanischen Legionäre: Verteidiger Carlos Salcido (vorne, hier im Test gegen Italien).
Foto: afp

Am Tag nach dem großen Sieg war Mexiko wieder einmal schon so gut wie Weltmeister. Zumindest in den Medien: "Wir können jeden schlagen", titelte das Fußball-Fachblatt Récord nach dem Erfolg über den schlappen Weltmeister Italien. Und Ovaciones sekundierte: "Mexiko ist bereit für was ganz Großes." Der Sieg im letzten Vorbereitungsmatch vor dem Eröffnungsspiel gegen Südafrika befeuerte einmal mehr die größte mexikanische Schwäche: das Einschätzen der eigenen Fähigkeiten.

In keinem anderen Land der Region klaffen Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander wie in Mexiko. Das gilt auch für den Fußball. "Die Mexikaner haben das große Talent, sich nicht von der Realität beirren zu lassen", sagt der Schriftsteller Juan Villoro, selbst ein großer Fußball-Fan. Seit Jahrzehnten steht Mexiko deutlich im Schatten Brasiliens, Argentiniens und Paraguays. Und inzwischen sogar manchmal in dem der USA.

Aber das zweitgrößte Land Lateinamerikas zählt sich selbst fast immer zu den Top-Favoriten bei Weltmeisterschaften, hat aber - außer im eigenen Land 1970 und 1986 - nie das Viertelfinale erreicht. Nichtsdestotrotz wachsen auch 2010 die Erwartungen wieder in den Himmel. "Mexiko kann in Südafrika das Finale erreichen", ließ Manuel Lapuente wissen, einer der erfolgreichsten Trainer Mexikos. Er coachte die Mexikaner bei der WM 1998 in Frankreich. Seine Mannschaft musste damals im Achtelfinale nach einer 1:2-Niederlage gegen Deutschland die Segel streichen.

Mehr Legionäre als früher

Tatsächlich ist die WM-Auswahl Mexikos dieses Jahr noch einen Tick stärker als vor vier Jahren, denn sie hat erstmals in nennenswertem Maß Spieler im Kader, die im Ausland kicken. Vor vier Jahren ergänzte praktisch nur Verteidiger Rafael Márquez vom FC Barcelona ein Team von selbstverliebten Kickern um europäische Nüchternheit und Zielstrebigkeit.

Nach der WM 2006 in Deutschland legten die Mexikaner ihr Phlegma ab, und mehrere Spieler wagten den Sprung nach Europa. Damals gingen auch Pavel Pardo und Ricardo Osorio zum VfB Stuttgart und gewannen 2007 die deutsche Meisterschaft. Für Südafrika hat Trainer Javier Aguirre zehn Legionäre berufen. Gegen Italien standen sechs von ihnen in der Anfangsformation: Neben Márquez auch die Verteidiger Carlos Salcido und Francisco Rodríguez (PSV Eindhoven), Ricardo Osorio (VfB Stuttgart) sowie die Stürmer Carlos Vela (Arsenal London) und Giovani dos Santos (Galatasaray Istanbul).

Zudem hat das Land, das zum 14. Mal an einer WM teilnimmt, mit 107 Millionen Einwohnern einen Riesenfundus an talentiertem Nachwuchs. 2005 wurde die U-17-Nationalmannschaft Weltmeister. Dass Mexiko dennoch deutlich gegen die starken südamerikanischen Mannschaften abfällt, liegt zum einen an der schwachen Konkurrenz in der Nord- und Zentralamerika-Gruppe Concacaf, wo Mexikos härtester Gegner die USA und die eigene Überheblichkeit sind.

Aber Hauptgrund für die fehlende Konkurrenzfähigkeit auf der großen Bühne ist die mangelnde internationale Erfahrung der mexikanischen Fußballer. Während mehrere Dutzend brasilianische, argentinische und peruanische Kicker in den starken europäischen Ligen Erfahrung sammeln, wechseln Mexikos Fußballer nur selten und ungern ins Ausland, weil sie es in der Heimat gemütlich haben.

"Hier werden sie sehr gut bezahlt. Weshalb sollten sie gehen", fragt José Ramón Fernandez, Sportkommentator beim Fernsehsender ESPN. "Um zum Beispiel in Deutschland zu leiden? Die Sprache! Die Deutschen! Sie sind hart, stark und grob, sie treten zu... Und dann das Essen: Würste, Kartoffeln, Gemüse, die Kälte, der Winter, die Disziplin...In Mexiko geht es ihnen doch gut: Sie verdienen das gleiche, und es wird weniger von ihnen verlangt. Die meisten bleiben hier und machen sich eine schöne Zeit", ergänzt der Kommentator.

In der Tat entlohnen weltweit nur die Vereine in England, Spanien, Italien und Deutschland die Kicker besser. Daher ist Mexiko auch Anziehungspunkt für Kicker aus ganz Lateinamerika. Nach Expertenschätzungen verdienen rund ein Dutzend Kicker mehr als eine Million Dollar im Jahr.

Der paraguayische Stürmer Salvador Cabañas wird vom Hauptstadtklub América mit 2,5 Millionen Dollar entlohnt. An der WM in Südafrika kann er nicht teilnehmen, da ihm Ende Januar bei einer Auseinandersetzung in einer Bar in Mexiko-Stadt eine Kugel in den Kopf geschossen wurde. Auch der mexikanische Altstar Cuauhtémoc Blanco, der mit 37 Jahren noch eine WM spielen darf, verdient in der zweiten Liga beim Provinzklub Veracruz rund 1,5 Millionen Dollar.

Die hohen Gehälter sind Ergebnis einer Vereinsstruktur, die mehr dem US-Sport gleicht. Fast alle 18 mexikanischen Erstligateams gehören Großunternehmen oder Milliardären. Televisa, der mächtigste Medienkonzern Lateinamerikas, besitzt América und gleich zwei Provinz-Mannschaften.

Teams sind Werbefläche

Andere Teams sind in den Händen von Zementfabriken oder Brauereien. Grupo Modelo, Brauer des Kultbieres Corona, gehören acht Fußball- und Baseballteams. Für viele Unternehmen sind die Teams schlicht Werbefläche. Refinanziert werden die hohen Salärs über den teuren Verkauf der TV-Rechte, Trikot- und Bandenwerbung sowie Spots während der Übertragungen der Spiele im Fernsehen.

Zudem tragen die Spieler nicht nur den Namen eines Sponsors auf der Brust, sondern es prangen bis zu einem halben Dutzend Logos auf Trikot, Hose und Stutzen. Gegen Südafrika am Freitag werden die Kicker nur das Wappen ihres Landes auf der Brust tragen. Laufen werden sie trotzdem um ihr Leben. Der Wunsch, endlich ein WM-Erfolgserlebnis zu haben, wird ihnen Beine machen. Trainer Aguirre hat in einem TV-Spot die Marschrichtung vorgegeben. "Es ist Zeit, Geschichte zu schreiben", teilte er der Nation mit. Wieder mal.

Autor:  Klaus Ehringfeld
Datum:  11 | 6 | 2010
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