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11. Juni 2010

WM-Eröffnungsspiel: Südafrika vermasselt Auftakt

 Von Boris Herrmann
Siphiwe Tshabalala zieht ab und trifft zum 1:0 für Südafrika. Mexikos Ricardo Osorio kommt zu spät. (11.06.2010).  Foto: getty

Rafael Marquez vermasselt Südafrika einen Traumstart in die erste Fußball-WM auf afrikanischem Boden. Dem Mexikaner gelingt noch der Ausgleich. Aber immerhin: Südafrika ist nach einem Spiel noch im Turnier. Von Boris Herrmann

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Johannesburg. Wenn 84.000 Killerbienen die Weltherrschaft übernehmen, dann klingt es vermutlich so ähnlich wie am Freitagnachmittag in Johannesburg. Als kurz vor 16 Uhr die Mannschaften Südafrikas und Mexikos auf den Rasen von Soccer City schritten, erlebte das seit zwei Tagen andauernde Vuvuzela-Konzert in dieser Stadt jedenfalls seinen summenden Höhepunkt. Gute 90 Minuten und eine Punkteteilung später war aus dem Höhepunkt eine Höhenlinie geworden. Jetzt war auch dem Letzten klar, weshalb vor dem Stadion Ohrenstöpsel verkauft wurden. Den Abpfiff hat wohl nur der Schiedsrichter gehört.

Es war bestimmt nett gemeint von den Südafrikanern. Sie wollten ihren Helden gleich vom ersten Anstoß weg Mut und Kraft zublasen. Leider erreichten sie damit das Gegenteil. "In den ersten zehn Minuten konnte man sehen, dass meine Spieler von dieser Atmosphäre überwältigt waren", gab Trainer Carlos Alberto Parreira zu. Wie eine Kreisligamannschaft beim Katerfrühstück führten sie sich in diesen ersten Minuten ihres ersten WM-Heimspiels auf. Und dass sich Parreira am Ende des Abends über ein faires Unentschieden freuen konnte, schien zu diesem Zeitpunkt so unwahrscheinlich wie ein staufreies Johannesburg. "Sie haben mehr Ballbesitz gehabt, wir haben besser gekontert. Da ist ein 1:1 gerecht", fand der Coach aus Brasilien.

Wobei, was heißt schon gerecht? "Es ist kompliziert, im Fußball von Gerechtigkeit zu sprechen", das hat der andere Trainer gesagt, Javier Aguirre. Auch ein schlauer Mann. Gerecht wäre es im aguirrischen Sinne zum Beispiel gewesen, wenn seine Mexikaner das erste Tor dieser Weltmeisterschaft geschossen hätten. Gerecht deshalb, weil er de facto drei Stürmer aufgeboten hatte, die von zwei hängenden Spitzen nach Kräften unterstützt wurden. Eine klassische Überfalltaktik, angeführt von dem hochbegabten, aber leider etwas gockelhaften Überfallchef Giovani Dos Santos. "Kein Team der Welt geht mit so viel Verlangen ins Spiel", staunte selbst der weltgewandte Parreira.

Gerechtigkeit im parreiraschen Sinne fußt wiederum auf der Tatsache, dass der mexikanische Überfall trotz glänzender Torchancen ergebnislos verpuffte, dass sich seine Bafana Bafana in der Pause von ihrem Schock erholen konnten, plötzlich mit nahezu brasilianischer Leichtigkeit "den Ball im Gras hielten", und folgerichtig das erste Turniertor selbst erzielten. In guter Tradition Philipp Lahms suchte sich Siphiwe Tshabalala den Winkel rechts oben für sein Pionierstück aus. Sein Linksschuss war nicht nur ästhetisch dem Anlass angemessen. Tshabalala, 25, ist damit nicht nur der WM-Eröffner mit dem schönsten Namen, sondern auch der mit dem höchsten Heimspielfaktor. Tshabalala hat die Fußballkunst auf den rotstaubigen Straßen von Soweto gelernt, nur ein paar Kilometer von Soccer City entfernt. Es wäre eine schöne Geschichte gewesen, wenn ein Nachbarskind das erste große Spiel in diesem großen Stadion entschieden hätte.

Es war aber auch eine schöne Geschichte, dass Südafrika überhaupt in Führung gegangen ist. Von jenen 25 Minuten (55. bis 80.), in denen die Sensation in der Killerbienenluft lag, wird dieses Turnier noch ein paar Tage zehren können. Es waren die Minuten, in denen ein Fußballzwerg wie ein Koloss anmutete, in denen die Parreiralehre vom schnellen Kurzpassspiel nicht nur die Mexikaner erstaunte. "Ich spüre nicht die geringste Spur von Enttäuschung. Null", sagte Parreira später: "Das Eis ist gebrochen."

Daran änderte auch der Ausgleich durch Rafael Marquez nichts, der aus heiterer Einszunullstimmung heraus plötzlich alleine vor dem glänzenden Torhüter Khune auftauchte. Der leicht angesäuerte Javier Aguirre war nach diesem Spiel zwar der Meinung, "dass Tore schießen der schwierigste Teil des Fußballspiels ist". In diesem speziellen Fall war es allerdings ganz leicht, weil alle Südafrikaner auf Abseits spielten. Alle bis auf Kapitän Aaron Mokoena. Fast genau so leicht sah es aus, als Südafrikas einzige Sturmspitze Katlego Mphela in letzter Minute auf das gegnerische Tor zuspurtete, im Sinne allgemeiner Gerechtigkeitsprinzipien aber auf den Pfosten zielte.

Während Aguirre mitfühlend bilanzierte, dass beide Mannschaften mit einem bitterer Beigeschmack ins Bett gehen werden, zeigte sich Parreira von seiner süßen Seite. Er hatte tiefe Lachfalten in der Backe, er zeigte Zähne, als er vorrechnete, dass man in der Gruppe A mit vier Punkten weiterkommen kann. "Wir sind noch im Turnier!", rief er den mathematisch völlig unbegabten Kameraaugen entgegen.

Sie sind nach einem Spiel noch im Turnier. Das ist noch nicht allzu viel. Aber das ist schon einmal mehr, als man diesen Südafrikanern vor einigen Monaten zugetraut hätte.

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