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WM in Südafrika: Sie haben uns das Brot aus dem Mund genommen

Als dem Kap der Guten Hoffnung die Ausrichtung der Fußball-WM zugesprochen wurde, feierten die Südafrikaner die Entscheidung wie einen Lottogewinn. Freilich: Von der WM am Kap profitieren nur Global Player und Fifa, aber nicht die Südafrikaner. Von Johannes Dieterich

Ist die Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer eine paar Nummern zu groß fürs kleine Südafrika?
Ist die Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer eine paar Nummern zu groß fürs kleine Südafrika?
Foto: rtr

Für Harold Spiro bedeutet Südafrikas Sternstunde den geschäftlichen Ruin. Wenige Wochen vor dem Anpfiff der Fußballweltmeisterschaft packt der Pharmazeut die letzten Medikamente in Kartons, bevor er seine Apotheke im Johannesburger Stadtteil Bertrams nach dreißig Jahren für immer schließt.

Dem Metzgermeister nebenan, mit dem den Sohn vor den Nazis aus Polen geflohener jüdischer Eltern außer ihrer Nachbarschaft bislang kaum etwas verband, geht es nicht anders: Auch der aus Österreich stammende Adolf Pronfuss ("Adolf, genau wie Hitler") musste kürzlich seine Fleischerei dicht machen. "Verdient wird nur da drüben", zeigt Metzger Adolf auf das nahe gelegene Ellis-Park-Stadion. "Während wir hier die Zeche zu bezahlen haben", fügt Apotheker Harold bitter hinzu.

Als dem Kap der Guten Hoffnung vor sechs Jahren die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft zugesprochen wurde, feierten die Südafrikaner die Entscheidung wie einen Lottogewinn. Auf das Land komme eine beispiellose Bonanza zu, versicherten Politiker, während sich Südafrikaner aller Schichten die Finger rieben.

Steven Mpofu mietete in Bertrams einen Laden für seine kleine Garküche an: Von der unmittelbaren Nähe zum Stadion versprach sich der schwarze Kapländer satte Gewinne. Doch seine Rechnung ging nicht auf: Wie den beiden ungleichen Nachbarn Pronfuss und Spiro brachte auch Mpofu die WM nur Verdruss. Erst wurde den Geschäftsleuten im Zuge der Straßenverbreiterung die für ihre Kunden dringend nötigen Parkplätze genommen. Und schließlich stellte sich sogar heraus, dass sie ihre Läden während des 31-tägigen Turniers der verschärften Zugangskontrollen zum Stadion wegen sogar schließen müssen. Für Metzger Pronfuss und Apotheker Spiro der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: "Die Fifa", sagt der Österreicher, "hat uns platt gemacht."

Der Internationale Fußballverband pflegt während einer Weltmeisterschaft die Kontrolle über ganze Landesteile zu übernehmen. Austragungs-Städte werden zum Erlass von Verordnungen gezwungen, die die Geschäftsinteressen der Fifa und ihrer Partner schützen: Etwa, indem in den Stadien und ihrer Umgebung nur Produkte von Fifa-Sponsoren angeboten werden dürfen und deren Konkurrenzunternehmen in weiten Teilen der Stadt nicht einmal für sich werben können. Auch in den von der Fifa organisierten Fanparks und selbst auf städtischen Plätzen, auf denen Fußballspiele übertragen werden, herrscht der Wille des globalen Fußballmonopolisten − sehr zum Leidwesen der informellen Straßenhändler, die in Südafrika noch allgegenwärtiger sind als Wurstbuden im Wedding.

Elaam Petersen verdient ihren Lebensunterhalt seit 27 Jahren auf der Straße −mit einem behelfsmäßigen Stand, in dem sie Socken, T-Shirts und Decken verkauft. Vor mehreren Monaten schloss sich die Kapstädterin den rund 300 Straßenhändlern an, die die Grand Parade − einen zentral gelegenen Platz neben der Stadthalle Kapstadts − in einen bunten Markt verwandelten: Alle versprachen sich von der WM einen beispiellosen Boom. Bis sie erfahren mussten, dass der Platz zum Fifa-Fanpark auserkoren wurde − weshalb Petersen wie alle andern Händler Anfang Mai das Gelände räumen musste. Die Mutter von fünf Kindern wurde in eine Nebenstraße abgeschoben: Ob sie dort wenigstens die zum Überleben ihrer Familie nötigen 35 Euro pro Woche verdient, ist noch nicht ausgemacht. "Die Fifa nimmt sich die süße Sahne, während wir von Sauermilch überleben müssen", schimpft die Mutter von fünf Kindern: "So hatten wir uns die WM nicht vorgestellt."

Für den Fußballriesen selbst verspricht die WM wieder ein Riesenerfolg zu werden. In den vergangenen vier Jahren heimste die Fifa für Fernsehlizenzen, Sponsorship und Vermarktungsrechte bereits 3,2 Milliarden Dollar ein − in Deutschland waren es noch "nur" 2,8 Milliarden. Dagegen hat das Mega-Ereignis die Südafrikaner in arge Bedrängnis gebracht: Hatten die Gastgeber zunächst mit Gesamtausgaben von umgerechnet deutlich unter zwei Milliarden Euro gerechnet, ist die Summe inzwischen auf über vier Milliarden in die Höhe geschnellt. Und dabei zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die Veranstalter mit wesentlich geringeren Besucherzahlen als ursprünglich veranschlagt vorlieb nehmen müssen: Von den 450.000 erwarteten Gästen wird aller Voraussicht nach höchstens die Hälfte kommen.

Südafrika wird sich mit einer Milliarde Dollar neu verschulden

Für Lizz Chanza hatte sich zunächst alles so schön ausgenommen. Wie Hunderte ihrer Kollegen wurde die Besitzerin eines kleinen Bed&Breakfasts in Soweto von Fifas offizieller Reiseagentur "Match Hospitality" kontaktiert, die ihr versprach, ihre sechs Zimmer während der WM an ausländische Gäste zu vermieten. Angesichts der mangelnden Nachfrage zog die Agentur allerdings zwei Monate vor dem Anpfiff ihr Versprechen wieder zurück − jetzt werden Lizz Chanzas Zimmer während der WM womöglich unvermietet bleiben. "Ich hasse ’Match,", schimpft die grauhaarige Großmutter: "Sie haben uns das Brot aus dem Mund genommen." Glücklicherweise habe sie selbst keine großen Summen investiert, fährt die Pensions-Besitzerin fort: Aber eine ihrer Kolleginnen habe ihr Haus in Erwartung eines Geldsegens deutlich vergrößert, nun sitzt sie auf einem Berg von Schulden.

Auch viele private Hausbesitzer rechneten damit, sich während des Turniers gesund stoßen zu können: In Johannesburg wurden Eigenheime für eine Tagesmiete von 1500 Euro in Blockbuchungen für fünf Wochen angeboten − der Besitzer einer Villa mit Meeresblick im Kapstädter Nobelviertel Clifton will sogar täglich 14.000 Euro haben.

Von dem anvisierten Erlös könnte sich der Raffzahn nach 31 Tagen eine neue Villa leisten − wenn seine Gier erfolgreich wäre. Eher muss sich der Mann jedoch mit deutlich weniger Profit oder gar keinen Gästen zufriedengeben − wie Südafrikas Fluggesellschaften, die zunächst ebenfalls die Chance des Jahrhunderts witterten. Ist ein Flug von Kapstadt nach Johannesburg gewöhnlich für 70 Euro zu haben, verlangt die halbstaatliche Fluggesellschaft SAA in den WM-Tagen das Zehnfache: Eine Summe, für die man sonst bis nach Europa fliegen kann. Südafrikas Kartellamt untersucht inzwischen Preisabsprachen, während der Tourismusminister die Branche höflichst zur Mäßigung auffordert. Doch erfolgreicher werden gewiss die Marktgesetze sein: Um angesichts der enttäuschenden Besucherzahlen nicht auf Villen oder Tickets sitzen zu bleiben, werden Südafrikas Abzocker bald drastisch ihre Preise senken müssen.

Die WM werde alles in allem knapp zehn Milliarden Euro in die Wirtschaft pumpen, rechnete die Beratungsfirma Grant Thornton aus: Der Löwenanteil stammt allerdings vom Staat, dessen Ausgaben die Steuerzahler zu begleichen haben. Das Land werde sich mit mindestens einer Milliarde Dollar neu verschulden müssen, räumte die Regierung kürzlich ein: Manche fürchten bereits, das Kap der Guten Hoffnung könne dasselbe Schicksal wie Griechenland, den Gastgeber der Olympiade 2004, ereilen. Während die Fifa der große finanzielle Gewinner der Veranstaltung sei, müsse das Gastgeberland "einen unverhältnismäßig großen Anteil der Lasten tragen", sagen selbst Experten der Citibank, die den wirtschaftlichen Nutzen der WM ausrechneten.

Wenn jemand in Südafrika von dem Mega-Event profitiere, so seien dies in erster Linie große Firmen, ist auch Udesh Pillay von der südafrikanischen Denkfabrik "Human Sciences Research Council" überzeugt: etwa Bauunternehmen, die selbst im zurückliegenden Rezessionsjahr Mega-Profite einstrichen. In einem jüngst veröffentlichten Buch des renommierten Instituts für Sicherheitsfragen in Pretoria werden auf über 200 Seiten zahlreiche Unregelmäßigkeiten bei der Auftragsvergabe, fahrlässige Mittelverschwendung und undurchsichtige Entscheidungs- und Bereicherungsprozesse auch bei der Fifa ausgebreitet: Die Zeche zahle die mittellose Mehrheit der Bevölkerung, deren Hoffnung auf ein besseres Leben von dem Großereignis noch weiter aufgeschoben werde, sind die Autoren der Studie überzeugt.

Gloria Gabaza kann sich zumindest über einen Trostpreis freuen. "Ich bin mehr als glücklich", sagt die Druckerin auf der Fahrt im nagelneuen Schnellbus von Soweto zu ihrem Johannesburger Arbeitsplatz: Bisher musste sie die Tour in einem der teureren, unbequemen und höchst gefährlichen Minibusse zurücklegen. Das neue Nahverkehrssystem setzte die Regierung gegen den gewalttätigen Widerstand der mafiösen Minibus-Besitzer durch: Eine Errungenschaft, von der die Bevölkerung − wie von der Verbesserung des Straßennetzes, der künftigen Hochgeschwindigkeitsbahn zwischen Pretoria und Johannesburg sowie anderen Maßnahmen des milliardenschweren Programms zur Verbesserung der Infrastruktur − mehr als von allem andern profitieren wird. "Zwar konnte ich mir keine Karte für ein WM-Match leisten", sagt Gloria Gabaza, "doch über diesen Bus werden sich auch noch meine Kinder freuen."

Autor:  Johannes Dieterich
Datum:  17 | 5 | 2010
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