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Ehrenamt: „Die Lage ist heftig“

Ex-Betriebswirt Georg Kowalski bringt als Helfer des Vereins "Mentor" Grund-, Haupt- und Realschülern in Frankfurt das Lesen nahe. Der Bedarf ist (leider) da.

Lesehelfer Georg Kowalski.
Lesehelfer Georg Kowalski.
Foto: FR/Boeckheler

Er lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Georg Kowalski strahlt Gelassenheit aus, wenn er von seiner Arbeit berichtet. Obschon doch, was der hochgewachsene Mann in Frankfurter Schulen erlebt, nicht gerade zum Optimismus Anlass bietet. „Die Lage ist heftig“, heißt seine bündige Bilanz. Der 65-Jährige ist einer von etwa 100 ehrenamtlichen Helfern des Vereins „Mentor“, die in Frankfurt Schulkindern zwischen sechs und 16 Jahren das Lesen nahebringen wollen. Bundesweit gibt es etwa 5000 dieser Mentoren – und natürlich ist die Organisation beim Tag des Ehrenamtes im Römer dabei.

„Die Lage ist heftig“: Damit meint der Rentner, dass mindestens 20 Prozent der Schüler eines Jahrgangs große Leseschwierigkeiten haben. „Und der Bedarf nach Förderung wächst“, sagt Kowalski, der „Mentor“ in Hessen vorsteht und vor allem an der Ernst-Reuter-Schule I in Frankfurt arbeitet. Ausschließlich auf Grund-, Haupt- und Realschulen konzentriert sich der Einsatz der Mentoren.

Der frühere Betriebswirt traut sich nach drei Jahren Einsatz eine Einschätzung zu. Viele der Schülerinnen und Schüler, denen er begegnet, könnten zwar schematisch vorlesen, „aber sie verstehen den Text dabei gar nicht“. Andere bewältigten das Lesen „nur sehr stockend“.

All das gelte keineswegs nur für Kinder aus Migranten-Familien. „Es gibt auch viele deutsche Familien, die lesefern sind.“ In den Wohnungen der Eltern existiere kein einziges Buch, sie kämen nie mit dem gedruckten Wort in Berührung. Viele ältere Migranten beherrschten die deutsche Sprache „nicht oder nur bruchstückhaft“. Kowalski arbeitet viel mit Kindern aus Afghanistan, Pakistan, aber auch aus den Ländern des früheren Jugoslawiens.

Bücher gelten als uncool

Als „besonders lesefern“ stuft der Helfer dabei die Jungen ein. „Unter ihnen gilt es einfach als uncool, zu lesen.“ Wenn der Mentor sich zum ersten Mal mit einem Kind trifft, dann geht es überhaupt nicht ums Lesen. „Das erste Ziel ist: Die müssen erst mal zur Ruhe kommen.“ Es gilt, eine Atmosphäre der Konzentration zu schaffen – und das ist nicht einfach bei „den Medieneinflüssen“, denen die Kinder ausgesetzt sind: Fernsehen, Computerspiele.

Diesen Anfang nennt Kowalski „die Aufwärmphase“. Er versucht, das Vertrauen des Kindes zu gewinnen, spricht mit ihm über den Schulalltag, die Auseinandersetzungen in der Klasse. Die Leseübungen beginnen erst später. In der Regel arbeitet „Mentor“ mit beliebten Kinderbüchern, zum Beispiel mit der „Harry-Potter“-Serie. Es gibt die unterschiedlichsten Übungen: „Wir lassen einen Text nacherzählen, wir lassen vorlesen, wir lesen abwechselnd im Tandem.“

Maximal 45 Minuten dauert so eine Übungseinheit, dann erlahmt erfahrungsgemäß die Konzentrationsfähigkeit des jungen Gegenübers. Einmal die Woche begegnen sich Schüler und Mentor, die Übungen können sich über ein ganzes Jahr erstrecken. 70 Prozent der Mentoren, schätzt der hessische Vorsitzende, sind im Rentenalter, „darunter gibt es viele ehemalige Lehrer“. Von Kowalskis Ruhe können sie lernen.

Autor:  Claus-Jürgen Göpfert
Datum:  20 | 9 | 2010
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