Wer in Frankfurt Jimmy sagt, der muss auch Bar sagen. Manche fügen hinzu „oho“ und ihre Augen leuchten. Andere seufzen: Ach, das war meine Jugend … Was reichlich mutlos ist, denn hier sind auch Hochbetagte willkommen. Es stört nach Auskunft von Barkeeper Isaac Andrès Amador die Jungen nicht, wenn Alte feiern, Zigarren schmauchen, Schach spielen oder still vor sich hin trinken. Es gibt also auch Junge in Frankfurts ältester Piano-Bar? Oh ja, sagt Amador, an Wochenenden sei das Gros der Gäste zwischen 25 und 35 Jahre alt.
Und so bleibt Jimmy’s Bar bekannt wie ein bunter Hund. Die Decke vergoldet und von den – hier willkommenen – Rauchern mit Patina belegt, jeder Stuhl handgemacht, nicht zu tief und nicht zu hoch, so dass man Stunden sitzen kann, ohne zu merken, wie die Zeit verrinnt. Aber was bedeutet schon Zeit an einem Ort, wo Menschen ihren schönsten, verschwiegensten und hinreißendsten Erinnerungen nachhängen, interessante Gespräche führen – oder hochfliegende Hoffnungen hegen können.
Hier ist alles möglich. Der Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt schlägt mit 72 Jahren einen Purzelbaum, um eine französische Autorin am Schachtisch zu beeindrucken. Sein Halbbruder Harry Rowohlt, Übersetzer von Pu dem Bären, besiegelt einen gut dotierten Vertrag mit einem britischen Verleger auf einer Serviette.
Udo Lindenberg darf seinen Hut aufbehalten, obwohl hier die gut-bürgerlichen Sitten sehr hochgehalten werden. AC/DC-Drummer Phil Rudd verliebt sich in die Bar-Pianistin. So sehr, dass er sie heiraten will. Doch wie das Leben so spielt und die Welt groß ist, wird die Liebe klein und aus der Ehe nichts. Darauf trinken wir einen. So wie all die vielen Buchhändler und Verleger, die Autoverkäufer und Dekorateure, die tagsüber nebenan auf der Messe Geschäfte machen und nachts die Abschlüsse feiern.
Jimmy’s Bar – Zufluchtsort von rauchenden Nachtschwärmern, bluesschiebenden Einsamen und ausgelassenen Cocktailtrinkern. Jeder Tag, den Gott werden lässt, verabschiedet sich für 50, 60 Gäste am angenehmsten im Jimmy’s.
In diesem Jahr feiert die Bar ihren 60. Geburtstag. Tatsächlich wurde ihre Tür bereits am 25. Dezember 1951 zum ersten Mal geöffnet. Doch weil der Hessische Hof nur Wochen nach dem Jahreswechsel 1951/52 seine ersten Gäste begrüßte und damit nun ebenfalls auf sechs erfolgreiche Jahrzehnte zurückblicken kann, feiern Bar und Hotel gemeinsam.
Wer klingelt, erhält Einlass in Jimmy's Bar
Wer die Klingel an der kleinen weißen weltberühmten Bar-Tür schellt, erhält Einlass – ohne Ansehen der Person. Es sei denn, der Mensch ist so hackevoll, dass er nicht mehr stehen kann, ein Muskelshirt und/oder kurze Hosen trägt beziehungsweise eine Baseballcap auf dem Kopf hat, die er partout nicht abnehmen will.
Da ist Andrès Amador, den seine rund 500 Stammgäste liebevoll „das Fossil“ nennen, streng. Seit 36 Jahren rührt und schüttelt er die Drinks, seit 20 Jahren als Chef. Dabei ist an ihm so gar nichts versteinert. Im Gegenteil. Jeden Abend in feines Tuch gehüllt, stets mit einem Lächeln auf dem Lippen, parliert er, schwätzt und scherzt, erzählt die wunderlichsten Geschichten, gibt Tipps für Ausflugsziele und Sehenswertes in Stadt und Umland, kennt Taxipreise und (fast) alle VIPs in Stadt, Land, Welt.
Doch schweigt Amador wie ein Grab, wenn jemand wissen will, wer mit wem hier getrunken hat und danach vielleicht dezent verschwunden ist oder welcher saudische Prinz wie viele Johnny Walker Black Label konsumiert hat. Amador ist Meister des Paradoxen: absolute Diskretion bei maximaler Konversation.
Der Gast ist Kaiser
Während er redet, rührt der Großmeister der feinen Mischung Angostura, Wermut und Whisky im Glas, serviert den Manhattan mit und ohne Eis – und schüttelt ihn auch, wenn ein Gast das so will. Obwohl das keinen Stil hat. Der Gast ist nicht König, er ist Kaiser. Nur wenn schnöder Zeitgeist Klasse schlagen will, dann sagt Andrès Amador auch mal Nein. Eine rote Brause, von der die Werbung uns glauben machen will, dass sie Flügel verleiht, schüttet er in keinen Drink. Wer das will, muss woanders hingehen. So viel Noblesse können Amador und seine vier Mitarbeiter sich leisten. 2011 sei ein „großartiges“ Geschäftsjahr gewesen, sagt er.
Noch immer kommen mehr Männer als Frauen, was Amador sehr bedauert. Manche sind Banker, manche Broker. Und manche Banausen, bestellen einen Martini, zücken ihr liebstes smartes Spielzeug und starren unentwegt aufs Display. Bis eine schöne Frau mit einem Cocktail in der Hand kommt und fragt: „Sind Sie immer so hektisch?“ Dann beginnt schon mal das alte, schöne Spiel, das kein Telefon braucht. In Jimmy’s Bar ist eben alles möglich.
Öffnungszeiten: täglich 20 bis 4 Uhr, live Piano-Musik 22 bis 3 Uhr täglich, warme Küche bis 3 Uhr morgens.

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