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04. Januar 2013

Abriss Henninger-Turm: Abschied vom "Frankfurter Eiffelturm"

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Aber bitte mit Manieren: Attraktion des Drehrestaurants ganz oben war es, zum Menü die Stadt an sich vorbeiziehen zu sehen.  Foto: Institut für Stadtgeschichte

Das Drehrestaurant an der Spitze des Henninger-Turms wird vom ersten Tag an als „Frankfurter Lokalsensation“ bewundert, das Bauwerk als "Frankfurter Eiffelturm" gepriesen. Und so beginnt im Mai 1961 eine mit vielen Erinnerungen getränkte Geschichte.

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Zu einem „Stelldichein der Abendkleider“ findet sich in der Neujahrsnacht 1962/63 die Bürgergesellschaft „hoch über Frankfurt“ ein. 119,5 Meter über dem Sachsenhäuser Berg, 144 Meter über dem Meeresspiegel, ist auch die Stimmung auf dem Gipfel.

„Feuerrote Roben“ bewegen sich „im Twistschritt“ neben „pechschwarzen Träumen aus Samt und Seide“, die „den Blick auf weiße Rücken freigeben“. Die „silbernen Krawatten der Herren glitzern im Schein der matten Lampen“. Und als dann „eine sonore Männerstimme“ per Lautsprecher das alte Jahr ausgezählt hat, wirbeln unter Prosit-Neujahr-Rufen Luftschlangen durch den Saal und „wickeln sich um schlanke Hälse von Damen und Sektflaschen“. Genau so hat der auf den Henninger-Turm entsandte Gesellschaftsreporter der Frankfurter Rundschau die Nacht der Nächte vor genau 50 Jahren beobachtet. Das „am höchsten über dem Erdboden gelegene Café-Restaurant der Bundesrepublik“ sorgt eben für Hochgefühle.

Seit den ersten Wochen nach der Eröffnung im Mai 1961 ächzt der Turm mit Drehrestaurant und Aussichtsplattform, mit „Frankfurter Stube“ und Dachgarten unter täglich 3000 Besuchern. Das Drehrestaurant an der Spitze des „Frankfurter Eiffelturms“, wo zwei Motoren die schöne Aussicht zweimal pro Stunde um die eigene Achse drehen, wird vom ersten Tag an als „Frankfurter Lokalsensation“ bewundert. „Hast du bei der Suppe noch den Feldberg vor Augen gehabt, so grüßt dich beim Kaffee wohl die Wetterau“, registriert die veröffentlichte Meinung.

„Die 60er Jahre in Frankfurt“ sind das dritte Heft aus der Magazin-Reihe Frankfurter Rundschau – Geschichte. Das Heft umfasst 132 Seiten und enthält unter anderem zehn Originalbeiträge aus der FR jener Jahre sowie eine Chronik.

Es kostet 4,95 Euro und ist im Zeitschriftenhandel und auch im FR-Shop am Karl-Gerold-Platz 1 erhältlich.

Und untendrunter, im Schaft des „Weißen Leuchtturms“, wo 32 Lagerzellen für 15.000 Tonnen Gerste eingepasst sind, hievt ein Lastenaufzug Stunde um Stunde 20 Tonnen der Körner auf einen Verteilerboden. So erläutert die Presse dem Volk den Nutzen des neuen „Jahrhundertdenkmals“ für die Bierproduktion. Die Henninger-Bräu, die Jahr für Jahr über eine „Ausstoßsteigerung“ berichtet, nähert sich bei den Hektolitern der Millionengrenze.

Kein reiner Zweckbau

„Den Silo“, ausgewählt aus fünf Modellen, bekamen die Frankfurter erstmals Ende 1959 per Bild zu Gesicht; da wuchs draußen am Hainer Weg schon der Beton in die Höhe. Mehr als 83 Meter über Baugrund hätte Henninger für die Gerste eigentlich nicht gebraucht. Doch sollte das höchste Haus weit und breit nach allgemeinem Ratschluss „kein reiner Zweckbau mit glatten Betonwänden“ werden.

Also kommt als Nonplusultra das aufgesetzte, runde, kreiselnde Restaurant für 160 Gäste obendrauf, in dessen Untergeschoss („Frankfurter Stube“) zusätzlich 40 Personen Platz haben. Und dessen Dach unter freiem Himmel für weitere 150 Menschen ausgelegt ist. Der Darmstädter Architekt Karl Lieser liefert den Entwurf. Während also die Betonburg laut Zeitungsbericht täglich annähernd zweieinhalb Meter an Höhe zunimmt, erhebt sich politisch gegen die Auswahl des Magistrats kein Widerspruch. Die Stimme des Leserbriefschreibers Josef Riedel aus Frankfurt, der prophezeit, „dieses klobige Beispiel moderner Baukunst“ werde „keine Zierde des Sachsenhäuser Berges“, dringt nicht durch.

Anders ist es mit Klagen, die sich aus dem übergroßen Zulauf ergeben. Im August 1961 sind bereits 250.000 Personen zum Fahrpreis von einer Mark per Expressaufzug nach oben gesaust. Da meldet sich Friedrich Becker aus Kelsterbach per Leserzuschrift, der hatte sich bei einem Besuch nach dem Blick von der Aussichtsplattform „im drehbaren Restaurant stärken wollen“. Doch „ein Empfangsgeist verhinderte unsere Absicht ,mangels Krawatte‘“. Kolumnist „Bastian“ („Ich bin auch für Stil“) empfiehlt darauf den Restaurant-Betreibern in der Randspalte des FR-Lokalteils, „fairerweise ein Schild an den Aufzug zu nageln: Höhenreise ohne Krawatte zwecklos!“ Worauf nun wieder „Direktor Dangel von der Steigenberger AG“ zu Wort kommt: Das Personal sei angewiesen, die Besucher nicht nach ihrem Äußeren unterschiedlich zu behandeln. Es gebe allerdings Grenzen: „Wenn ein Gast in Shorts und mit auf der Brust völlig geöffnetem Hemd“ erscheine. Danach wird „die Umdrehung des Restaurants verlangsamt“, mit dem Stadtpanorama, in den 60er Jahren noch bar jedes Hochhausturms, geht es von da an nur noch einmal in der Stunde rund.

Der Attraktivität der Sehenswürdigkeit tut das keinen Abbruch. Ende 1964 entschließt sich die Kommune, maßregelnd einzugreifen. „Die Steuerverwaltung hat der Henninger-Bräu, Eigentümerin des über 100 Meter hohen Henninger-Turms, eine Vergnügungssteuerrechnung präsentiert“, berichtet die FR. Monatlich soll die Brauerei nun eine Abgabe für die Besuchermassen, pro Monat rund 5200 Mark, abführen. Das wären an die 65.000 Mark jährlich. Die Brauerei macht gerade, bei einem Bierausstoß von 1,15 Millionen Hektolitern , einen Rekord-Umsatz von 102,5 Millionen Mark, kündigt aber sofort an, dass sie „nicht in der Lage sei, die Summe aus der eigenen Tasche zu zahlen“. Die Stadt schlägt vor, die Frage vor Gericht zu klären.

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