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02. Februar 2016

AFD: „Gauland bewegt sich unter seiner Würde“

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Der Mann im Hintergrund: Gauland (r.) Anfang der 80er Jahre mit OB Wallmann und Kulturdezernent Hoffmann (Mitte).  Foto:  Kerstan

Alexander Gaulands war einst der liberale Vordenker der CDU in Frankfurt. Wenige Tage vor seinem 75. Geburtstag kommt der heutige stellvertretende Bundesvorsitzende der AfD wieder in die Mainmetropole. Ehemalige Weggefährten sind schockiert über seine Entwicklung.

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Im Herbst 1980 kommt sensationelle Kunde aus der Kulturstadt Frankfurt. Der CDU-geführte Magistrat verleiht den Theodor W.-Adorno-Preis an den linken Soziologen und Philosophen Jürgen Habermas. Das ist um so überraschender, als Habermas Teilen der CDU, wie etwa dem Landesvorsitzenden Alfred Dregger, als intellektueller Wegbereiter des Terrorismus gilt.

Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) hält bei der Preisverleihung am 11. September 1980 in der Paulskirche eine Rede, die danach tagelang das Thema in den überregionalen Feuilletons ist. Wallmann stellt sich vor Habermas: „Es ist der Kritischen Theorie vorgeworfen worden, dass sie zu jenem Ausbruch von Gewalt beigetragen habe, der unsere Ordnung in den letzten zehn Jahren erschüttert hat. Ich halte diesen Vorwurf für falsch, und zwar nicht nur deshalb, weil Sie selbst diese Gewalt als linken Faschismus verworfen haben, sondern vielmehr, weil die Kritische Theorie in ihrem wissenschaftlichen Gehalt solchen Vorwurf nicht rechtfertigt.“

Wallmann bekennt sich gar als Unterstützer von Habermas: „Denn – und darin weiß ich mich mit Ihnen einig – die Bewahrung von Freiheit und Humanität in einer von technologischen Sachzwängen bedrohten Gesellschaft ist eine so große und wichtige Aufgabe, dass wir kein Mittel zu diesem Zweck außer acht lassen dürfen.“

Geschrieben hat diese in jeder Hinsicht verblüffende Rede der 40-jährige Jurist Alexander Gauland. Der gebürtige Chemnitzer ist nicht nur der Büroleiter Wallmanns. Er ist von Mitte der 70er Jahre bis 1991 sein engster Vertrauter und der liberale Vordenker der CDU in Frankfurt. Der Mann, der sich für englische Geschichte und Literatur begeistert und für die Liberalität des britischen Parlamentarismus, gilt als Paradebeispiel eines aufgeklärten, zum Dialog mit Andersdenkenden bereiten Konservativen.

Gauland heute als Vize-Chef der AfD.  Foto: dpa

Mehr als 35 Jahre später kommt Gauland, der in wenigen Tagen seinen 75. Geburtstag feiert, wieder nach Frankfurt. Am heutigen Mittwoch spricht er im Haus Ronneburg als stellvertretender Bundesvorsitzender der Alternative für Deutschland (AfD), der dumpf rechtspopulistischen bis rechtsradikalen Bewegung, die derzeit in bundesweiten Meinungsumfragen zehn Prozent erreicht. Die für eine wütende Abgrenzung gegen Flüchtlinge, gegen alles Fremde steht.

Gauland vermittelt heute den Eindruck eines Mannes, der seinen moralischen und politischen Halt verloren hat. In Frankfurt zeigen sich politische Weggefährten aus den frühen 80er Jahren erschüttert über diese Entwicklung. „Er war immer ein Liberaler – ich bedauere es sehr, dass er so vom Weg abgewichen ist“, sagt der 94-jährige Ernst Gerhardt, von 1977 bis 1989 Frankfurter Stadtkämmerer. Und der Sozialpolitiker fügt hinzu: „Es ist ein Rätsel für mich.“

Hilmar Hoffmann (SPD), von 1970 bis 1990 Frankfurts Kulturdezernent, ist schockiert über Gaulands Weg. „Er war ein liberaler Intellektueller und der wichtigste Vermittler zwischen CDU und SPD in Frankfurt – er hat meine Kulturpolitik stets unterstützt.“ Der Christdemokrat und der Sozialdemokrat duzten sich bald.

Gauland hat politische Spuren hinterlassen in Frankfurt. Er begann freilich auf der linken Seite des politischen Spektrums. Von 1970 bis 1972 hatte er für das Presse- und Informationsamt der von Kanzler Willy Brandt (SPD) geführten Bundesregierung in Bonn gearbeitet, danach zwei Jahre als Presseattaché am deutschen Generalkonsulat im schottischen Edinburgh. In Bonn begegnete er dem Marburger Bundestagsabgeordneten Wallmann, wird schon dort zu seinem persönlichen Referenten. Als die CDU 1977 überraschend die absolute Mehrheit im Frankfurter Römer erringt und Wallmann zum Oberbürgermeister gewählt wird, folgt Gauland ihm ins Rathaus.

Der beinharte Manager

Er ist der entscheidende politische Manager der Zusammenarbeit zwischen CDU und SPD bis 1986. Von Gauland kommt die Idee, den Sozialdemokraten Hoffmann als Kulturdezernent im Amt zu halten, auch unter einer CDU-Mehrheit. Ernst Gerhardt erinnert sich: Gauland habe argumentiert, man müsse Hoffmann „eine Chance geben“, es brauche Kontinuität im Amt des Kulturdezernenten.

Gauland ist allerdings auch ein beinharter Manager, der immer wieder aufflackernde politische Feuerchen löscht. Gerhardt: „Er hat viele Strippen gezogen.“ Journalisten erleben ihn als menschlich merkwürdig distanziert. Er kann von großer Kälte sein, wenn er bemerkt, dass sein Gegenüber andere politische Ziele verfolgt. Schon in Frankfurt pflegt der Mann britischen Lebensstil: englische Tweed-Anzüge, Schuhe – und Sportwagen. Das bleibt bis heute so.

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Als Wallmann 1987 hessischer Ministerpräsident wird, geht Gauland wieder mit nach Wiesbaden, als Leiter der Hessischen Staatskanzlei. 1991, nach der Wahlniederlage der hessischen CDU, wird er Herausgeber der Märkischen Allgemeinen in Potsdam und bleibt es bis 2005.

Er veröffentlicht Bücher über Konservativismus, deren raunender Grundton immer düsterer und pessimistischer wird. 1989 schreibt er in der Frankfurter Rundschau einen großen Essay unter dem Titel „Was heißt konservativ“, der schon eine Richtung vorgibt: „Es ist notwendig, durch konservative Widerlager zur Modernisierung den Kulturschock abzumildern und Gewöhnungsprozesse möglich zu machen. Dies ist die Aufgabe einer Partei mit konservativen Wurzeln.“

Kein kommunales Konzept

Linke, Grüne, die Bürgerliste Bad Homburg (BLB) und die SPD werden sich in Bad Homburg, wo Alexander Gauland am Donnerstag zum Thema Europa spricht, vor dem Veranstaltungsort zu einem stillen Protest einfinden. Das gibt Okan Karasu von den Linken bekannt. Er macht sich Sorgen, sollte die AfD in lokale Parlamente einziehen. Man habe bisher in der Stadt und im Kreis keine Probleme mit Rechten gehabt, „mit der AfD werden wir sie bekommen“. Karasu bezieht sich in seiner Einschätzung auch auf ein Video, das den Homburger Spitzenkandidaten Peter Münch auf einer AfD-Demo in Erfurt zeigt, zu sehen auf der Homepage der Partei. Münch lebe in einer verqueren Welt, geriere sich in der Opferrolle, Staat und Presse seien gegen ihn. „Die AfD macht rechte Propaganda“, sagt Karasu. Alle demokratischen Kräfte, appelliert die BLB, sollten gegen die AfD zusammenhalten. Der Schießbefehl auf Flüchtlinge als Ultima Ratio an der deutschen Grenze, den die AfD-Vorsitzende Frauke Petry befürwortet hat, dokumentiere, dass die AfD eine zunehmend radikalisierte Partei ist, sagt Elke Barth, SPD-Ortsvorsitzende und Landtagsabgeordnete. Kommunalpolitisch habe die AfD keine Konzepte. Peter Münch sei früher Mitglied bei den Republikanern gewesen. An seiner politischen Einstellung habe sich nichts geändert. Auch für die CDU ist der Auftritt Gaulands eine Bestätigung, dass die AfD auf kommunaler Ebene kein Konzept habe, sagt Oliver Jedynak, der Fraktionsführer der Union im Stadtparlament. Alexander Gauland spricht um 19 Uhr im Vereinsheim Dornholzhausen, Saalburgstraße 158. (rhea)

Schon in seinem bekanntesten Buch „Anleitung zum Konservativsein“ von 2002 beklagt Gauland aber dann, dass Begriffe wie Heimat und deutsche Leitkultur im politischen Diskurs keine Rolle mehr spielten, er wettert gegen die „Spaßgesellschaft“ und fordert entschieden eine „Entschleunigung“ des technischen Fortschritts.

Dennoch: Von dort bis zum Austritt aus der CDU 2012 und zum Eintritt in die neugegründete AfD 2013 bleibt ein weiter Weg. Was geschah? Ernst Gerhardt erinnert sich, dass Gauland, bevor er die CDU verließ, lange mit ihm telefoniert habe. „Er hat seinen ganzen Frust über die Entwicklung der CDU abgeladen.“ Gauland habe wie andere „nicht ertragen können, dass die Partei von einer Pfarrerstochter aus Ostdeutschland geführt wird.“ Heute, so Gerhardt, bewege sich Gauland weit unter seinem intellektuellen Niveau „und unter seiner Würde“.

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