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09. Dezember 2010

Am Drehort von „Iron Sky“: Stahlgewitter über der Werft

 Von Stefan Behr
Von Reichsflugscheiben und Kugelwaffen der Mond-Nazis ist am Drehort nicht viel zu sehen. Aber immerhin: ein toller alter VW-Bus mit tollen Graffiti.  Foto: Andreas Arnold

Die Mond-Nazis fliegen weiter, und sie nehmen Götz Otto mit nach Australien: In Frankfurt endet der Dreh für das finnische Filmprojekt „Iron Sky“ – dessen Macher mindestens so verrückt sind, wie die Handlung erahnen lässt.

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Jeder hat so seinen Grund mitzuspielen. Bei Christopher Kirby („Matrix Reloaded“) war es das Drehbuch, das man ihm zuschickte. „Beim ersten Durchlesen dachte ich „Hä?“ Beim zweiten Mal dachte ich „Was?“ Beim dritten Mal dachte ich: „Diese schrägen Typen musst du kennenlernen.“

Götz Otto („Der Morgen stirbt nie“) hat einen anderen Grund. „Ich spiele immer den Bösewicht. Normalerweise versuche ich immer, den Menschen hinter dem Bösewicht herauszuspielen. Das hat hier keiner von mir verlangt. Hier kann ich einfach nur mal der fieseste Drecksack des ganzen Planeten sein.“ Was nur die halbe Wahrheit ist. Götz Otto kommt eigentlich vom Mond. Aber jetzt erstmal zum Skript. Und zu den schrägen Typen.

Timo Vuorensola ist die Art Finne, die man sofort in die Arme schließen will, entweder trotz oder gerade wegen ihres handfesten Dachschadens. Dass er heute in Frankfurt einen Film mit einem Budget von knapp sieben Millionen Euro dreht, beruht auf der Tatsache, dass er vor etlichen Jahren mal eine Raumschiff-Enterprise-Verarsche gedreht und ins Internet gestellt hat. „Star Wreck: In the Pirkinning“ wurde weltweit acht Millionen mal runtergeladen. Damit war Vuorensola dick im Geschäft. Vor wiederum einigen Jahren gebaren er und seine Kumpels beim Bier zwischen den Saunagängen die Idee, einen Film zu drehen, in dem Nazis von der dunklen Seite des Mondes, auf die sie sich 1945 zurückgezogen hatten, in fliegenden Untertassen auf die Erde zurückkommen und alles kurz und klein schießen. Das, fanden die Finnen, sei doch eine ebenso vernünftige wie plausible Sache, und das war auch die Geburtsstunde von „Iron Sky“.

Aber jetzt wieder zu Götz Otto. Der war erst vor wenigen Tagen im Sat1-Schinken „Die Säulen der Erde“ zu bewundern. Da wurde ihm ein Ohr abgeschnitten, zu Recht übrigens, weil er sich mal wieder wie der fieseste Drecksack des ganzen Planeten aufgeführt hatte. Bösewicht-Schicksal eben. Das Ohr ist wieder dran, aber Otto ist drauf und dran, es schon wieder zu verlieren, weil einem bei der Saukälte sämtliche Gliedmaßen abzufallen drohen. Es ist Mittwochabend, an der Weseler Werft geht der Regen langsam in Schnee über, die Kälte kriecht durch alle Ritzen, aber die am Set anwesenden Finnen wärmen sich an Gesprächen über Sauna, Bier und Heavy Metal. Und Götz Otto ist eh gut drauf, weil er seiner Bösewicht-Karriere heute eine neue Facette hinzufügen kann. Er prügelt in Nazi-Uniform eine Frau mit hochhackigen Stiefeln aus einem über und über mit Hippie-Graffiti verzierten VW-Bus. Den Kontext der Handlung wollen die anwesenden Finnen nicht erklären („wegen der Überraschung“), vermitteln aber den gelassenen Eindruck von Menschen, die solche Szenen aus dem Nachtleben Helsinkis gewohnt sind. Nebendran stehen Vertreter der hessischen Filmförderung, die den Film mitfinanziert, denen das alles eher finnisch vorzukommen scheint.

Ihnen ist es zu verdanken, dass Frankfurt zum Drehort eines der aufregendsten aktuellen Filmprojekte geworden ist. Und der Tatsache, dass Vuorensola eine hessische Stadt zum in die Luft jagen gesucht hat, die zumindest entfernt an New York erinnert. Damit schied Offenbach aus. Die Dreharbeiten in Frankfurt sind nun beendet, weitergedreht wird in Australien, was nicht nur Götz Ottos Ohren guttun wird.

Aber die eigentliche Macht, die hinter dem Projekt steckt, ist eh klimaunabhängig. Im Internet haben sich unter www.ironsky.net längst Quartalsirre, Science-Fiction-Fans und cineastische Extremisten zu einer Community entwickelt, die den Film nicht nur ideell, sondern auch logistisch unterstützt. Als Vuorensola vor einigen Tagen ein paar hundert Komparsen zum Verwüsten der Neuen Mainzer Straße fehlten, rotteten sich die nach einem Internet-Aufruf spontan zusammen. Es gibt auch welche, die 1000 Euro oder mehr in den Film investiert haben und an einem potenziellen Gewinn beteiligt werden. Ein paar von denen sind heute, am letzten Drehabend in Frankfurt, ans Set eingeladen. Sie scheinen die Kälte nicht zu spüren. Sie lächeln so selig, als säßen sie auf der Star-Trek-Convention zur Rechten Jabbas des Hutten. Sie wissen: Selbst wenn ihr investiertes Geld eines Tages durch den Schornstein sein sollte – es war zumindest ein verdammt abgefahrener Schornstein. Und sie haben sich mit am Kaminfeuer gewärmt. Zumindest mental.

Das Wetter, die postapokalyptische Atmosphäre der Weseler Werft, die grellen Scheinwerfer, die das Dunkel zerschneiden, der als Nazi kostümierte Götz Otto und der Hippiebus vermengen sich zu einem schwelgerischen finnischen Alptraum. „Diesel-Punk-Ambiente“ nennt das der Finne. Zumindest der Finne Timo Vuorensola.

Im Jahr 2012 soll der Film in die Kinos kommen. Große Namen sind dabei, die entzückende Julia Dietze („1½ Ritter“) hat zur Vorbereitung auf ihre Rolle als Nazizicke vom Mond sämtliche Marlene-Dietrich-Filme geguckt, um den 40er-Jahre-Sex-Appeal hinzukriegen. Und die von sämtlichen guten Agenten verlassene Filmlegende Udo Kier ist ebenfalls mit von der Partie. Allerdings nicht beim Bibbern in Frankfurt. Kier, so ist am Set zu hören, weile gerade in Los Angeles, wo er damit beschäftigt sei, dem Papagei aus „Scooby Doo“ seine markante Stimme zu verleihen. Da hat er sich zwar an diesem Tag mit Sicherheit für das langweiligere Filmprojekt entschieden. Aber seine Ohren werden's ihm danken.

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