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10. Dezember 2013

Angela Davis: Freiheit ist ein ewiger Kampf

 Von Hadija Haruna
Die US-amerikanische Bürgerrechtlerin, Philosophin, Humanwissenschaftlerin und Schriftstellerin Angela Davis.  Foto: peter-juelich.com

Die Bürgerrechtlerin Angela Davis hat die nach ihr benannte Gastprofessur an der Goethe-Universität Frankfurt eröffnet. Gemeinsam mit Aktivisten und Studenten betrauerte sie den Tod Nelson Mandelas.

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Die Bürgerrechtlerin Angela Davis hat die nach ihr benannte Gastprofessur an der Goethe-Universität Frankfurt eröffnet. Gemeinsam mit Aktivisten und Studenten betrauerte sie den Tod Nelson Mandelas.

Als Kind spielt Angela Davis ein gefährliches Spiel. Mit Freunden passiert sie von ihrer Straßenseite aus die Grenze auf die gegenüberliegende Seite der Weißen, rennt die Treppenstufen zu einem ihrer Häuser hinauf und klingelt. Dann klopft das Herz des Mädchens aus Alabama vor Aufregung. Die Fünfjährige weiß um das Risiko, verhaftet zu werden, auch wenn sie den Grund nicht versteht. „Ich war ein ungeduldiges Mädchen mit vielen Fragen“, sagt Davis, deren Kindheit von Anschlägen des Ku-Klux-Klan begleitet wird. Ihre Mutter habe ihren Widerstand durch die immer gleiche Antwort geprägt: „Die Dinge sind nicht so, wie sie sein sollten“, wiederholt Davis.

Für Davis ist die Revolution eine „ernsthafte Sache“, der sie sich für ihr Leben verpflichtet hat. Seit den 60ern kämpft sie für soziale Gerechtigkeit und forscht zu sich überlagernder Ungleichheit aufgrund von Ethnizität, Klasse und Geschlecht. In Frankfurt teilt sie ihr Wissen zwischen Theorie und Praxis und gelebter Erfahrung mit Hunderten Zuhörern bei Vorträgen und mit Studenten in einem kleinen uni-internen Blockseminar. Als Nelson Mandela stirbt, entzündet sie eine Kerze in ihrem Seminar: „Nach dem Ende der Apartheid hat Mandela verziehen, aber er wollte etwas dafür zurück. Er wollte, dass nicht vergessen wird“, sagt Davis.

Angela Davis zu Gast an der Frankfurter Uni.
Angela Davis zu Gast an der Frankfurter Uni.
 Foto: Jülich

Auch sie ist ein Symbol für den Widerstand schwarzer Menschen weltweit. Als eine von drei schwarzen Studentinnen studiert sie bei James Baldwin und ihrem späteren Doktorvater Herbert Marcuse, der ihr rät, in Frankfurt bei Horkheimer, Habermas und Negt zu studieren. Von 1965 bis 1967 lernt sie dort in der Studentenbewegung, Wissenschaft und politische Aktivität zu verknüpfen. 1967 kehrt sie in die USA zurück, weil die schwarze Freiheitsbewegung dort ein neues Stadium erreicht. Sie wird bei der kommunistischen Partei und der Black-Panther-Bewegung aktiv und kämpft für die Befreiung des inhaftierten George Jackson. Als Schwarze, Intellektuelle, Bürgerrechtlerin, Kommunistin und Pazifistin versammelt Davis alles, was als feindlich identifiziert wird. 1973 wird sie unter falscher Beschuldigung wegen Mord, Entführung und Verschwörung angeklagt und zu einer der zehn meistgesuchten Personen des FBI.

DDR-Bürger schicken ihr Rosen ins Gefängnis

Zwei Jahre lang bleibt sie in Untersuchungshaft. Eine weltweite Protestbewegung erhebt sich. Das „Sozialistische Büro“ in Frankfurt organisiert einen „Angela-Davis-Solidaritätskongress“. Tausende Bürger der ehemaligen DDR senden ihr „Eine Million Rosen für Angela Davis“-Postkarten mit Rosen ins Gefängnis. Für Davis ist es eine Zeit der Angst, der Einsamkeit und Anstrengung, nicht verrückt zu werden. Denn zeitweise ist sie in der psychiatrischen Abteilung des Gefängnisses eingesperrt. Schlussendlich wird Davis in allen Punkten freigesprochen. Sie macht weiter: lehrt, schreibt, engagiert sich.

Davis ist Akademikerin, Aktivistin, Schülerin und Revolutionärin: Die Rolling Stones, John Lennon und Yoko Ono und Franz Josef Degenhardt haben Davis besungen. Die Frau, die mit ihrem Besuch die nach ihr benannte Gastprofessur des Cornelia-Goethe-Centrums für Frauenstudien der Goethe-Universität eröffnet, weiß, was sie wann, wo und wie zu sagen hat. Es ist ein Spagat, den sie lebt, doch ist sie gewillt zwischen Widersprüchen zu leben. „Du musst der Versuchung widerstehen, dich nicht immer für das eine oder andere entscheiden zu müssen“, sagt Davis. Bei ihrem Besuch in Frankfurt lässt sie keinen Zweifel daran, dass sie auch nach langen Jahren politischen Kampfes nichts von ihrem Engagement verloren hat. Bei ihrem Fernsehauftritt in „Kulturzeit“ auf 3sat wundert sie sich, dass das Wort „black“ unangemessen mit „farbig“ übersetzt wird, und bittet Journalisten, ihre Sprache kritisch zu überdenken. Sie trifft sich mit Vereinen wie der Initiative Christy Schwundeck und Schwarze Menschen in Deutschland, um sich mit der Basis auszutauschen, die in Deutschland gegen Rassismus kämpft, der nicht so recht gesehen werden will.

Davis will Vergleiche ziehen. Nicht nur lehren, sondern lernen über alltäglichen Rassismus in Deutschland, das Leben der Flüchtlinge, die jetzt unter dem Schlagwort „Lampedusa“ auf ihre Situation aufmerksam machen, und das Thema Racial Profiling. Die Geschichten von Oury Jalloh, der 2005 in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte und die von Christy Schwundeck, die 2011 von einer Polizistin in einem Frankfurter Jobcenter erschossen wurde, rühren sie besonders.

„Viele Vorgänge erinnern mich an die USA. Das macht mich traurig, gleichzeitig bin ich inspiriert von der Bewegung, die sich dagegen in Deutschland formiert“, sagt Davis. Politischen Aktivisten rät sie, sich weiter zu formieren, nicht aufzugeben und dabei auf Geist und Körper zu achten um „für den langen Weg nicht auszubrennen“.

In den USA ist die Professorin in der Bewegung gegen den sogenannten industriellen Gefängniskomplex aktiv. Die USA stecke ihre sozialen Probleme hinter privatisierte Gitter. Das Gefängnis sei eine neue Form der Sklaverei, weil Gefangene für einen Ausbeuterlohn Arbeiten wie Straßenbau oder die Produktion von Kleidungsstücken von Weltmarktfabriken übernehmen würden, sagt Davis. „Einer der über zwei Millionen Gefangenen in den USA hat einmal zu mir gesagt, es gibt einen einzigen Schwarzen im Weißen Haus, aber im großen Haus gibt es so viele mehr.“

Ein leicht singender Tonfall mit Pausen der Überlegung, dazwischen ein starkes Lachen – so klingt Davis. Nach ihren Vorträgen gesellt sie sich unter ihre Zuhörer, lässt sich fotografieren. „Me and Angela Davis auf Facebook“, sagt einer. Sie lacht. Davis hat Charme. Bei ihrem Besuch in Frankfurt wird sie gefeiert. Standing Ovations, als sie den Raum betritt, lauter Zuspruch bei ihren Statements. Es ist ihre Geschichte, ihr Widerstand und ihr Überleben, das sie für andere erstrahlen lässt. Davis wirkt versöhnt.

Während der Mainstream sie als Ikone der linken Gegenkultur feiert, hat sie einen Weg gefunden, sich mit der Überhöhung ihrer Person zu arrangieren. „Ich bin nur ein Mensch. Was ich repräsentiere, ist der Sieg der Bewegung“, sagt Davis. Und berichtet von der Begegnung mit einer 16-Jährigen, die ein T-Shirt mit ihrem Bild trug. „Von meiner Geschichte wusste sie nicht viel, als ich sie fragte, warum sie es trägt. Sie sagte: ‚Es gibt mir das Gefühl, alles tun zu können, was ich mir zutraue‘“, sagt Davis. Und dafür sei es gut.

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