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28. Januar 2016

Angelina Polonskaja: Die Wunden des Exils

 Von 
Die Schriftstellerin Angelina Polonskaja in ihrer kleinen Wohnung in Sachsenhausen.  Foto: Andreas Arnold

Die russische Schriftstellerin, Angelina Polonskaja, als Dissidentin verfolgt, lebt seit Herbst in Sachsenhausen. Sie wurde in ihrem Heimatland zur Persona non grata, weil sie über den Untergang der „Kursk“ schrieb.

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Wieder einmal steht ein Umzug an. Wenn auch nur ein kleiner. Vom alten Kneipenviertel Sachsenhausens an das südliche Mainufer. Die Habe von Angelina Polonskaja passt in wenige Taschen und prall gefüllte Plastiktüten. Sie blickt auf die Bündel zu ihren Füßen. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, in dem sich Selbstironie und Schmerz mischen. „Ich lebe wie eine Nomadin“, sagt die 46-Jährige schulterzuckend. Um sie herum ein schmaler, langgestreckter Wohnraum, weiße Wände, in der Ecke ein Bett, dann ein Tisch mit drei Stühlen, ein Regal mit einigen Büchern, ein Spiegel, der schon abgehängt ist und an der Wand lehnt.

So sieht Exil aus. Denn im Herbst 2015 musste die Dichterin ihre Heimat Russland verlassen, in der sie schon seit Jahren nichts mehr veröffentlichen konnte, eine Persona non grata war. Die Stadt Frankfurt hat die Poetin aufgenommen, im Rahmen des Netzwerks „Städte der Zuflucht“, dem zahlreiche große Kommunen in Europa und weltweit angehören. Für zwei Jahre bekommt sie ein schmales Salär und ein Dach über dem Kopf, damit sie arbeiten kann ohne Angst und Unsicherheit, ohne das ständige Gefühl, verfolgt und beobachtet zu werden.

Zur Person

Angelina Polonskaja wurde 1967 in der Siedlung Malachowka im Gebiet Moskau als Tochter eines Professors der Medizin und einer Eiskunstlauftrainerin geboren.

Sie absolvierte das Moskauer Institut für Körperkultur und Sport und studierte Spanisch am Cervantes-Institut. Als Mitglied des Moskauer und Kiewer Eiskunstlaufballetts absolvierte sie Welttourneen, bis sie 1997 ihre sportliche Karriere beendete.

In Russland veröffentlichte sie sieben Gedichtbände, bevor sie politisch in Ungnade fiel. Anlass war ein Libretto, das sie zu dem Oratorium „Kursk“ des Komponisten David Chisholm schrieb. Diese Arbeit über die Katastrophe des russischen Atom-U-Bootes „Kursk“ wurde ein weltweiter Erfolg, von den Mächtigen in Russland aber als Provokation verstanden.

Seit Herbst 2015 lebt sie als Stipendiatin des Netzwerks „Städte der Zuflucht“ in Frankfurt. jg

Schreiben ohne Angst: Das sagt sich so leicht. Erst einmal versucht die Frau, die in der Gartensiedlung Malachowka am Rande Moskaus geboren wurde, sich in der neuen Heimat zu orientieren. „Es gibt harte Gegensätze hier“, so fasst die frühere Eiskunstläuferin ihre ersten Eindrücke von Frankfurt zusammen. Harte Gegensätze zwischen sehr Reich und sehr Arm: So ähnlich ist das auch in Moskau. Man sehe Frankfurt an, dass es im Zweiten Weltkrieg sehr zerstört worden sei, sagt sie: Viele geflickte Narben. Aber die Skyline, der Tanz der Hochhäuser mit ihren glänzenden Fassaden, das gefällt ihr.

Polonskaja spricht leise, mit Pausen zwischen ihren Sätzen, sie wägt ihre Worte sorgfältig. Wir sitzen uns am Tisch gegenüber, ich habe das einzige Buch mitgebracht, das von ihr in Deutschland erschienen ist, „Schwärzer als Weiß“, eine Auswahl ihrer Gedichte. In Russland war sie so etwas wie ein Star, bevor sie politisch unliebsam wurde, sie konnte sieben Bücher veröffentlichen, ist noch immer Mitglied des Moskauer Schriftstellerverbandes und des russischen PEN-Zentrums.

Und heute? „Heute tun die Offiziellen so, als ob ich nicht existieren würde“, sagt sie bitter. 2008 erschien ihr letztes Buch in Russland, danach passierte kein Manuskript von ihr mehr die Zensur. Bis heute gibt es dafür keine offizielle Begründung, niemand sprach mit ihr über ihre Situation. Mit einer Ausnahme: „Nur mein Verleger sagte mir, dass meine Arbeit über die Kursk der Grund war.“

Die „Kursk“: So hieß das russische Atom-U-Boot, das im Jahre 2000 in der Barentssee gesunken war, mehr als 100 Besatzungsmitglieder fanden dabei unter furchtbaren Umständen den Tod, etliche von ihnen erstickten wohl qualvoll. Die russische Regierung behandelt diese Katastrophe bis heute als Tabu, zu groß war die Schmach für die Atommacht, zeitweise gab es sogar die Version, ein US-U-Boot habe die „Kursk“ gerammt.

Polonskaja aber brach das Tabu: Sie schrieb das Libretto zu dem Oratorium „Kursk“ des australischen Komponisten David Chisholm – es wurde 2011 in Melbourne uraufgeführt und wurde ein weltweiter Erfolg. Seitdem ist die russische Schriftstellerin aus der Sicht der Mächtigen im Kreml eine „Dissidentin“.

Für die Autorin war das eine besonders bittere Erfahrung – hatte sie sich doch nie als eine politische Schriftstellerin verstanden, hatte den offenen Widerstand zum Regime vermieden. Ihre Gedichte lassen sich nur als indirekte Kommentare zu den Zuständen in Russland lesen, sie bedienen sich vieler Metaphern aus der Natur, schaffen dabei wunderbare poetische Bilder.

In ihrem Gedicht „Schwärzer als Weiß“ beschreibt sie ihre Gefühle, wenn sie früher von ihren Reisen nach Hause nach Moskau zurückkehrte:

„Ist wirklich alles umsonst,
und die Trauer des Schnees begrüßt dich immer wieder –
keine Farbe ist schwärzer als Weiß.
Du stellst deine Koffer ab,
du siehst einen blutenden Hund
und denkst: Ich bin zu Hause.
Nur Mama in der Tür
küsst dir das Haar und den schmalen Stirnrand,
verfehlt und rutscht ab –
klein ist sie, wie ein Mädchen.“

Die Moskauerin erzählt von ihrer Mutter, die noch immer am Rande von Moskau lebt, 74 Jahre alt mittlerweile, und der sie sich eng verbunden fühlt. Sie versucht, auch jetzt noch Kontakt zur Mutter zu halten, das ist sehr schwierig. Die Eiskunstlauftrainerin war es, die ihre Tochter einst für eine Karriere als Sportlerin begeistert hatte. Polonskaja absolvierte das Moskauer Institut für Körperkultur und Sport, wurde Mitglied des Moskauer und des Kiewer Eiskunstballetts, ging rund um die Erde mit dem Ensemble auf Tournee.

In den USA bekannt

„Damals war ich 17 Jahre alt“, erinnert sich die Schriftstellerin. Die Zeit der Welttourneen, sagt sie, helfe ihr aber heute, mit dem Exil fertigzuwerden: „Ich kann überall leben – unsere Welt ist sehr klein“, sagt sie trotzig: „Ich habe viele Freunde in der Welt, es ist nicht so schmerzlich.“
Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Natürlich bleibt Russland ihre Heimat. Auch, wenn sie heute sagt: „Es ist nicht mehr mein Land, nicht mehr meine Mentalität.“ Heute sagt sie: „Meine einzige Heimat ist die Sprache.“

Als junges Mädchen hatte sie begonnen Gedichte zu schreiben. 1997 beendete sie ihre Karriere als Sportlerin, kehrte nach Russland zurück, begann sich nur aufs Schreiben zu konzentrieren. „Sport ist keine Sache für die Ewigkeit, mein Körper war müde geworden.“ Ihre Bücher waren erfolgreich, trafen beim russischen Publikum einen Nerv. Krieg und Gewalt beklagte sie schon damals:

„Und wieder ein Erdentag,
weggewischt in Schlachten und Mitgefühlen:
ein Kranich, der vorüberflog, eine namenlose Blume,
in diesem bitteren Frühling
wird keiner uns fern beweinen,
Beethoven auflegen zur Nacht.
Morgen wird eine andere Müdigkeit sein
und ein anderer Krieg
wird unser letzter Krieg werden.“

Im Exil in Frankfurt hat sie wieder begonnen zu schreiben, bald wird ein neues Buch in Deutschland erscheinen, es ist Prosa dieses Mal. Schon bei der Frankfurter Buchmesse im Oktober hat sie sich einmal dem deutschen Publikum präsentiert.

Sie will unbedingt einen Deutschkurs an der Frankfurter Volkshochschule belegen, sie will so schnell wie möglich die Sprache ihrer neuen Heimat lernen.

Aber angeblich fand sich bisher kein Platz an der VHS. Sie will sich in Frankfurt verständigen können bei ihren neugierigen Spaziergängen durch die Stadt, aber auch beim Einkaufen im Supermarkt.

Doch Deutsch ist eine wirklich schwere Sprache“, sagt sie und lächelt wieder dieses selbstironische Lächeln.

Ein kleiner Verlag, der Leipziger Literaturverlag, hat sich ihrer bisher in Deutschland angenommen, nennt Polonskaja „zweifellos eine der bedeutenden Dichterinnen der Gegenwart“. Sie will in Deutschland bekannt werden, so bekannt wie in den USA, wo schon zwei ihrer Bücher ins Englische übersetzt wurden, wo sie gut besuchte Lesungen hielt.

Wir reden über die Lage in Russland. Und plötzlich bricht die Trauer sich Bahn. Und die Frau, die so ruhig und beherrscht erschien, findet scharfe Worte. „Die Situation wird immer schlimmer, Armut und Repression durch die Regierung nehmen zu.“ Wütend spricht sie von „Putin und seinen Hunden“, „putin and his dogs“. Viele liberale Persönlichkeiten hätten das Land inzwischen verlassen, viele andere säßen im Gefängnis. Gerade auf dem Land herrsche „pure Armut“.

Nur 100 Kilometer von Moskau entfernt „kann es ihnen in einem Dorf geschehen, dass sie um Nahrung abgebettelt werden.“ Sie schweigt. Und fügt dann hinzu: „Und das im 21. Jahrhundert.“

Jetzt aber muss sie ihre Bündel zusammenraffen und in die neue Wohnung bringen. Sie ist Realistin: „Von Büchern, vom Schreiben kannst Du nicht leben“, deshalb ist sie sehr dankbar, von der Buchmesse und von der Stadt in Frankfurt aufgenommen worden zu sein. Sie hat ihre Ehe hinter sich gelassen, ist geschieden, fängt in einer neuen Welt neu an.

Angelina Polonskaja ist keine, die sich abfindet. „Noch nie war ich niedergetretenes Gras“, schreibt sie stolz in einem ihrer Gedichte. Im Sommer plant sie ihre erste Lesung in Frankfurt, um sich in ihrer neuen Heimat vorzustellen.

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