Aktuell: Zuwanderung Rhein-Main | Fotostrecken | Polizeimeldungen
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Frankfurt
Berichte und Bilder von allen wichtigen Ereignissen in Frankfurt

03. August 2014

Antisemitismus: "Es geht um Israel, nicht um die Juden"

 Von 
Viele zieht der Nahostkonflikt auf die Straße. Hier eine Solidaritätsdemo für Israel auf dem Opernplatz in Frankfurt.  Foto: peter-juelich.com

Der Frankfurter Verleger Abraham Melzer spricht im FR-Interview über Angriffe auf Frankfurter Juden, Antisemiten und Israelfreunde.

Drucken per Mail

Herr Melzer, Ende vergangener Woche wurde bei einer bekannten Frankfurter Jüdin die Scheibe eingeschlagen. Der oder die Täter riefen „Judenschwein“. Flammt der Antisemitismus gerade wieder neu auf?
Dieser Vorfall ist schlimm. Ich bin darüber bestürzt. Ich glaube aber nicht, dass der Antisemitismus neu aufflammt.

Was sagen uns solche Anschläge?
Sie sagen uns, dass die Emotionen hochkochen. Unvernünftige gibt es überall. Es gibt natürlich auch Antisemiten in Deutschland. Ich bin aber der Ansicht, dass die Haltung – ich unterstelle jetzt einmal, dass die Täter aus einem muslimischen Kontext kommen – der Moslems in Frankreich und Deutschland nichts mit Antisemitismus im wissenschaftlichen und fachlichen Sinne des Begriffs zu tun hat. Diese Antihaltung gegenüber Israelis und Juden ist eine Folge des Nahost-Konflikts. Und in diesem geht es nicht um Religion, sondern um das Land. Selbst die Palästinenser im Gazastreifen hassen doch nicht die Juden der Welt. Ich bin empört und verärgert über das Unrecht, das man diesen Leuten antut, wenn man sagt, sie seien Antisemiten. Die Palästinenser waren keine Antisemiten und sie sind heute keine. Sie hassen nicht die Juden, sie hassen die Israelis und dazu haben sie reale Gründe. In meinen Augen ist das ein gewaltiger Unterschied.

Zur Person
Abraham Melzer

Abraham Melzer, 69 Jahre, in Israel aufgewachsen, lebt seit 1958 in Deutschland, zunächst in Köln, seit 1967 in Frankfurt und Neu-Isenburg. Bis 2012 führte er den Joseph-Melzer-Verlag, den sein Vater gegründet hatte.

In diesem erschien 2010 die deutsche Ausgabe des Goldstone-Reports, dem UN-Bericht zum Gazakrieg 2008/09. Gideon Levy, Udi Avnery und Jimmy Carter gehörten zu den Autoren des Verlags. Melzer ist Mitglied der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“.

Heute Abend hält Abraham Melzer um 19 Uhr in Frankfurt im Saalbau Bockenheim, Schwälmer Straße 28, Clubraum 2, einen Vortrag zum Nahost-Konflikt. Die Linke organisiert die Veranstaltung. Der Eintritt ist frei.

Auch in Frankfurt gibt es Demonstrationen, auf denen Parolen wie „Kindermörder Israel“ oder „Blutsauger Israel“ skandiert werden.
Das ist schlimm. Aber man kann doch nun nicht so tun, als ob wir vor einem neuen Holocaust stehen. Ich habe jedenfalls nicht diesen Eindruck und ich lebe ja auch in diesem Land. Irre gibt es immer, das ist klar. Aber die jüdische Gemeinde in Deutschland muss das verkraften. Wenn jetzt gesagt wird, dass viele Juden auf gepackten Koffern sitzen, ist das in meinen Augen ein bisschen übertrieben. Sehen Sie das anders?

Das vermag ich nicht zu beurteilen. Ich stecke nicht in der Haut der angegriffenen Menschen.
Ich sage ja: Es ist bedauerlich, das solche Dinge passieren. Ich bin der Letzte, der sagen würde, dass es in Deutschland keine Antisemiten gibt. Was mich aber vielmehr beschäftigt ist, dass man in Deutschland nicht zwischen Antisemitismus und Israel-Kritik unterscheidet. Man unterscheidet auch nicht zwischen Antisemitismus und Vorurteilen. Viele Menschen haben Vorurteile. Aber wenn jemand sagt, alle Juden sind reich, ist das noch lange kein Antisemit. Das ist ein Mensch der Vorurteile hat, der nicht Bescheid weiß.

Ich habe nicht den Eindruck, dass man in Deutschland keine Israel-Kritik äußern kann. Das ehemalige Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, Rolf Verleger, hat kürzlich einen Gastbeitrag in der FR veröffentlicht, in dem er die israelische Regierung sehr scharf kritisiert.
Das ändert nichts daran, dass viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Deutschland sehr selbstgerecht daherkommen. Sie tun so, als ob die Juden noch immer der David seien. Das hat sich aber doch schon lange geändert. Als ich in Israel in der Armee war, hat uns der Offizier einmal mitten in der Nacht befohlen aufzustehen, unsere Waffen zu packen und in ein etwa 20 Kilometer entferntes arabisches Dorf irgendwo südlich von Jerusalem zu fahren. Der Befehl lautete, alle Menschen, Alte, Frauen, Kinder, aus den Häusern zu treiben und auf dem Marktplatz zusammenzutreiben. Da standen dann die Menschen. Nach drei Stunden sind wir wieder gefahren und die Leute hat man zurückgelassen ohne ihnen irgendwas zu sagen. Die Leute waren uninteressant. Wir sind einfach weggefahren. Dann bin ich zu meinem Offizier und habe ihn gefragt, was los war. Da hat er gesagt, dass wir das von Fall zu Fall machen, um den Arabern das Leben bitter zu machen.

Was meinte er damit?
„Das Leben verbittern“ ist ein Sprichwort aus der Bibel. Das kennt in Israel jedes Kind. Da steht, dass die Ägypter den Juden das Leben bitter gemacht haben. Und am Ende haben wir unter der Führung Moses’ Ägypten verlassen. Die Israelis glauben also, dass sie, weil die Ägypter ihnen vor 5000 Jahren das Leben bitter gemacht haben, das Recht haben, sich heute so gegenüber den Palästinensern zu verhalten. Die israelische Gesellschaft ist den meisten Menschen hier völlig fremd. Sie ist unheimlich rassistisch, chauvinistisch und nationalistisch.

Dennoch sollte man sich dagegen wehren, dass Juden in Frankfurt bedroht werden.
Sicher. Man sollte Einzelfälle aber auch nicht dazu benutzen, um den Leuten weiszumachen, dass alle Deutsche Antisemiten seien oder alle Moslems. Ich wehre mich gegen diese Verallgemeinerungen. Es gibt nicht die Juden, nicht die Linken, nicht die Israelis und nicht die Palästinenser. Über den Antisemitismus sind doch schon Tausende von Büchern geschrieben worden. Antisemitismus beginnt doch dort, wo jemand Juden hasst, nur weil sie Juden sind, und endet dort, wo Juden vergast und vernichtet werden, nur weil sie Juden sind.

Ist das nicht der Fall, wenn jemand Menschen angreift, die mit dem Handeln der israelischen Regierung überhaupt nichts zu tun haben?
Nein. Dieser Hass wird durch den Nahost-Konflikt verursacht. Moralisch gesehen sind die Palästinenser meiner Ansicht nach im Recht. Diese letzten Endes dumme Politik dieser israelischen Regierung führt zu nichts. Wir bewegen uns doch im Kreis. Seit 65 Jahren dreht man sich nur im Kreis. Und es ist nicht ein bisschen besser geworden, sondern es wird immer nur schlechter. Jahrelang bin ich einmal im Jahr nach Israel gefahren, in letzter Zeit ist es weniger geworden, und schon vor 20 Jahren hat man immer gesagt, dass es noch nie so schlimm war wie heute. In solch einer Situation erwartet man doch von seinen Politikern, dass sie ein bisschen denken und sagen „Moment einmal, wir kommen hier nicht weiter, vielleicht versuchen wir es einmal anders.“ Da dies nicht geschieht, entsteht Hass.

Sind auch hier Moslems von der Situation in Gaza betroffen?
Sicher. Zum Teil jedenfalls. Wir haben im Frankfurter Palästina-Forum einen jungen Palästinenser, der Familie in Gaza hat. Der sitzt da und telefoniert jeden Tag mit Gaza. Das können sie ihm nicht absprechen. Der ist betroffen. Es geht hier aber um den Staat Israel und nicht um die Juden. Man muss nicht Antisemit sein, um gegen die Politik dieses Staates zu sein. Als ob die Israelis Humanisten wären. „Humanist“ ist in Israel ein Schimpfwort für Leute, die zu zimperlich mit Palästinensern umgehen.

Werden kritische Stimmen in Israel mundtot gemacht?
Ja. Ich kann Ihnen Tausende Beispiele nennen. Kürzlich wurde ein Professor kritisiert, weil er sagte, dass er die Opfer dieses Krieges in Tel Aviv und in Gaza bedauere. Kaum hat er das gesagt, wurde eine Resolution geschrieben, um ihn zu entlassen. Er wurde aufgefordert. sich zu entschuldigen. Es ging den Leuten darum, dass er Israelis und Araber in einem Atemzug genannt hat. Für so etwas schäme ich mich.

Wie finden Sie es, dass manche nun aus Solidarität zu Israel demonstrativ eine Kippa tragen?
Ich brauche diese Philo-Semiten nicht. Philo-Semiten sind für mich Antisemiten, die Juden lieben. Ich brauche keine Anerkennung, weil ich Jude bin. Genauso wenig, wie ich gehasst werden will, weil ich Jude bin, will ich auch nicht geliebt werden, weil ich Jude bin. Lasst doch mal die Juden sein, was sie sind, Menschen wie alle anderen auch. Jude-sein ist doch kein Grund, um stolz zu sein.

Interview: Milan Jaeger

Zur Homepage

Anzeige

Anzeige

Ressort

Nachrichten und Reportagen aus dem Herzen des Rhein-Main-Gebiets - alles über Frankfurt und seine Stadtteile.

Twitter
Südliche Stadtteile
Östliche Stadtteile
Nördliche Stadtteile
Westliche Stadtteile
Bahn-Verkehr

Die Lage im Bahnverkehr live:

- Frankfurt a.M. (Hbf) aktuelle Abfahrt und Ankunft,
- An- und Abfahrt für alle Stationen,
- Reiseverbindungen als Live-Auskunft (Prognosen).

Anzeige

Premium-Fotostrecke
Frankfurt von oben

Mit dem Hubschrauber unterwegs über der Mainmetropole: Fliegen Sie mit!
Zur Premium-Fotostrecke Frankfurt von oben.

Eintracht: Berichte | Spielplan | Team | FR-Videos

ANZEIGE
- Partner