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Frankfurt
Berichte und Bilder von allen wichtigen Ereignissen in Frankfurt

27. Januar 2016

Arbeiten in Frankfurt: Super Markt

 Von 
Die weißen Kittel sind passé: Reporter Stillbauer liebt Lebensmittel.  Foto: Alex Kraus

Die beste Gelegenheit, möglichst vielen Menschen im Weg zu stehen: ein Tag als Aushilfe im Lebensmittel-Vollsortiment. Unser FR-Reporter Thomas Stillbauer arbeitet sich für jeweils einen Tag in die Berufe anderer Leute ein.

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„Junger Mann, haben Sie keinen frischen Ingwer?“ – „Äh …“

In dieser lockeren Reportage-Reihe aus dem Berufsleben gab es schon jede Menge Professionen, von denen der Autor zugegebenermaßen keinen Schimmer hatte, noch nicht einmal in Blasslila. Heute freilich kommt ein Job, den er praktisch von der Pike auf gelernt hat: Supermarkt-Dingsbums!

Schon in den 60er Jahren befuhr ich als Kapitän eines Einkaufswagens gebieterisch die Gänge der Bornheimer Latscha- und Levi-Filialen, schnappte später bei Coop am Dornbusch die Tritop-Sirupflaschen aus der Getränkeabteilung und die Leckerschmecker-Riegel aus der Quengelware an der Kasse. Die Namen der Unternehmen wechselten, meine versierte Frau Mama behielt den Fachbegriff „Konsum“ bei, ich blieb als junger Konsument am Ball. Und als die lokale Lebensmittelwirtschaft von Hugo Leibbrand beherrscht wurde, wechselte ich erstmals auf die andere Seite des Regals: Mit 15 erlebte mich die HL-Kette nicht mehr nur als Kunde, nein, auch als Mitarbeiter, und zwar in der Filiale an der Ecke Kurhessenstraße/Am Schwalbenschwanz.

Logisch, dass ich dort – und nur dort – mal wieder nach dem Rechten sehen muss. 36 Jahre später.

„Wo ist denn das Salz?“

„Nun, äh …“

Inzwischen heißt der Laden natürlich Rewe, so wie an jeder zweiten oder dritten Straßenecke in Frankfurt. Ich gehe einfach mal rein. Und gleich wieder raus. Das soll mein Supermarkt sein? Der sieht ja völlig anders aus! Die Regale stehen nicht mehr da, wo sie waren, die Wände auch nicht, und, und … „Hier wurde vor eineinhalb Jahren umgebaut“, beruhigt mich Fatih Köroglu, der Marktmanager. Außerdem baue man die Regale inzwischen ein klein wenig anders auf als vor, ähem, 36 Jahren, sagt er freundlich lächelnd. Köroglu kennt sich aus, er ist schließlich vom Fach. Andererseits – als ich einst beim HL jobbte, war Fatih Köroglu noch nicht ganz so weit. Der Chef ist 25 Jahre alt.

Aber ich bin nicht hier, um in der Vergangenheit zu kramen – jetzt wird was geschafft. Und zwar was? Ich darf mich über die Spirituosenreste hermachen. Die stehen im Keller auf Rollwagen. Fachbegriff: Container. Das weiß ich noch von damals, gelernt ist eben gelernt! Der Schnaps muss eingefüllt werden. Natürlich ins Regal; nicht in den Stillbauer. Vorgehensweise: Erst mal prüfen, wo was fehlt. Dann die Lücken schließen, und zwar immer nach der Regel „first in first out“ (fifo). Das bedeutet: Die Ware mit dem zuerst ablaufenden MHD (Mindesthaltbarkeitsdatum) steht ganz vorn am Regalrand, so dass der Kunde sie zuerst greift.

Na, dann mal ran. Beim Rotkäppchen-Sekt fehlen ein paar Flaschen im Regal, das sehe ich ja von hier. Aber wo ist die Rotkäppchen-Kiste im Rollcontainer? Ganz unten. Na toll. Außerdem stehe ich mitten im Weg. Dauernd wollen Kunden mit ihren Einkaufswagen vorbei. Besonders, wenn man gerade vor einem Regal kniet. Ein erstes vages Gefühl keimt in mir auf, eine Erkenntnis: Der Job wäre ohne Kunden viel einfacher.

„Unsere Kunden sind uns am wichtigsten“, sagt Fatih Köroglu, „das ist unsere Philosophie.“ Na gut, dann werde ich mich mal mit ihnen arrangieren. 1000 Menschen kommen jeden Tag in diesen Supermarkt, am Wochenende noch mehr. Und dies ist beileibe nicht der größte Rewe in Frankfurt.

„Sagen Sie mir kurz, wo der Duftreis steht?“ – „Äh, Moment …“

Jetzt aber ran an die Bananen. Ich darf die Obst- und Gemüsebestände auffüllen, und die Banane ist die Königin der Abteilung, die meistverkaufte Frucht (Fleischtheke: Hack und Schnitzel; Molkerei: Frischmilch). Alles, was von regionalen Bauern angeliefert wird, ist der Renner bei Rewe, auch Bioware ist sehr gefragt. Die Bananen gibt es in verschiedenen Ausführungen: C. (Markenname ist der Redaktion bekannt), Bio, Eigenmarke, Preiseinstieg. Und welche sind die, in denen die meisten Taranteln mit nach Deutschland reisen? Der Chef lacht. So etwas soll schon mal vorgekommen sein, dass eine dicke Tropenspinne benommen von Flug und Zeitverschiebung in den Früchten kauerte. „Aber nicht bei uns.“

Wird jetzt endlich mal was geschafft? Ja. Auf geht’s! Ich renne zehn Mal mit den Bananenstauden um die Ecke, statt ein Mal den Container ans richtige Regal zu fahren. Da kann ich noch besser werden in meinem Job. Nächste Kiste: Clementinen. Aha. Also zum Clementinen-Stand gefahren. Nächste Kiste: Avocados. Dann muss ich wieder zurück zum Regal unter dem Schild „Knackiger leben“. Da stand ich, bevor ich zu den Clementinen fuhr. Wie man’s macht ...

Mittagszeit ist die ruhigste Zeit im Supermarkt. Kaum Kundschaft. Aber jeder Kunde, der reinkommt, spricht mich an. „Wo finde ich denn Granatapfelsaft?“ Was weiß ich? Ich hab doch keine Ahnung! „Deeeen Granaaaatapfelsaft, natüüüürlich, hmmmm, warten Sie mal …“ Normalerweise müsste ich jetzt rufen: „Herr Köroglu, weißt du, wo der Granatapfelsaft steht?“, die Supermarkt-Standard-Anrede, aber so weit bin ich in meiner Ausbildung natürlich noch nicht.

Süßkartoffeln, Süßkartoffeln, die müssen doch – richtig: ins „Knackiger-leben“-Regal. Eisbergsalat. Unter die Sprühkühlung. Und warum rollt mir ständig der Container weg, wenn ich die Gemüsekiste wieder hineinstellen will? Na, weil ich nicht nachgedacht habe. Spanngurt am Container aufmachen – dann klappt’s auch mit den Möhren. Zwei Packs gehen noch, zwei Packs gehen noch rein. Wenn man weiß, was man zu tun hat, macht es gleich viel mehr Spaß. Ob ich auch mal an der Kasse arbeiten will, fragt Herr Köroglu. Muss ich drüber nachdenken. Da sollte man ja rechnen können. Andererseits ... ich könnte die berühmteste aller Supermarktkassenfragen stellen: „Frau Kawuttke, wat kosten die Kondome?“

Ich muss schon sagen, es ist im Jahr 2016 viel angenehmer bei Rewe als im Jahr 1980 bei HL. Damals haben sie mich nach ein paar Monaten rausgeschmissen. Eine Mitarbeiterin sagte, man könne mir beim Laufen die Schuhe besohlen. Keine Ahnung, was sie damit gemeint haben könnte. Die anderen lachten. Ich nahm den noch ausstehenden Lohn (sechs Mark pro Stunde) und ging. Auf dem Heimweg malte ich mir aus, wie ich irgendwann triumphal zurückkehre und sage: „Mag sein, dass man mir beim Laufen die Schuhe besohlen kann, aber hey: Heute bin ich Bundeskanzler/Bürgermeister/Rockstar/Torschützenkönig, und Sie sitzen immer noch bei HL an der Kasse, nana nana naaanaaa!“

Okay, es ist dann am Ende doch nur dieser Job bei der Zeitung geworden. Aber dafür habe ich eine bezaubernde Frau.

Unter meinen Fingernägeln klebt Kürbis. Besser gesagt: Bio-Hokkaido Orange. Besser gesagt: Bio-Hokkaido-Orangenhaut. Abgerutscht, unter den Nagel geflutscht. Zum Glück sieht man es der orangefarbenen Kürbishaut nicht an. Aber ich bin jetzt ziemlich orange. Außerdem klebt man ständig irgendwo fest. Kann man diese Etiketten an den Kisten nicht anders machen?

Immerhin: Früher, 1980, musste man jeden einzelnen Artikel mit der Preispistole etikettieren. Das war eine Kleberei! Wenn man mit dem Mofa nach Hause öttelte, klebte man am Gashahn fest und fuhr auf der Maybachbrücke fast an der Abfahrt vorbei. So eine Pistole hat Herr Köroglu immer noch im Keller, aber eher aus Nostalgie. Heute hat ja alles einen Strichcode, und der Preis steht am Regal. Kauft jemand einen Artikel, wird das an der Kasse registriert und vom Computer gleich neu bestellt. Dann kommen externe Mitarbeiter (montags und mittwochs) mit der neuen Lieferung und sortieren alles gleich ein. Wir Rewe-Leute kontrollieren.

Und was ist mit den Dingen, die ihre beste Zeit hinter sich haben, sprich: MHD abgelaufen? Ein Teil davon wird weggeschmissen, einen anderen Teil nimmt die Lieferfirma wieder an sich. Außerdem kommt jeden Tag die gemeinnützige Tafel und nimmt mit, was noch genießbar ist. Schokolade beispielsweise wird schon einen Monat vor Ablauf aussortiert.

„Kleine runde Oblaten, der Herr?“ – „Ja. Die gibt’s.“ – „Und wo?“ – „Sicher ganz in Ihrer Nähe.“

„Ich mag meinen Beruf“, sagt Fatih Köroglu. Er hat einst mit einer Lehre als Einzelhandelskaufmann begonnen, drei Jahre, dann neben der Arbeit eine interne Weiterbildung durchlaufen, anschließend war er zwei Jahre stellvertretender Marktleiter, und jetzt ist er der Chef. Mit zarten 25, wie gesagt. Auch wenn sein Lebenslauf klingt, als hätte er mit zwölf Jahren anfangen müssen, um das alles zu schaffen. „Es ist jeden Tag eine Herausforderung, ja, auch manchmal ein Abenteuer“, sagt er und lächelt. „Mir macht’s noch Spaß.“

Mir auch. Und was es in einem Supermarkt heutzutage alles gibt: Automatisch wechselnde Leuchtanzeigen über Wurst- und Käsetheken. Convenience. Kaffeeröstereiketten-Schnickschnack, der nicht im Entferntesten mit Kaffee zu tun hat. Sogenannte Gondelstraßen mit Angeboten und Sonderaktionen. Und prominente Gondel-Enden für die ganz speziell tollen Dinge. Es gibt jahreszeitlich bedingte Angebots-Inseln, beispielsweise Weihnachtsinseln und (darauf freue ich mich schon seit Textbeginn:) Osterinseln!

Was auffällt: viele, viele, viele verschiedene Tomatensorten – mitten im Winter. Was sagt dazu wohl der leicht reizbare Herr Klimawandel? Der sagt: Die Kunden haben es doch selbst in der Hand. Es zwingt sie ja niemand, Tomaten im Winter kaufen. Wenn sie darauf verzichten, muss auch niemand im Winter Tomaten-Treibhäuser heizen oder Gemüse von sonstwo zu uns transportieren. Und wer wollte ihm da widersprechen?

Es gibt einen türkischen Meter, einen asiatischen, einen polnischen, einen russischen, einen ex-jugoslawischen Regalmeter. Und warum eigentlich liegt der frisch abgepackte Käsetheken-Käse immer mit dem Etikett nach unten, so dass man jedes einzelne Stück in die Hand nehmen muss, um den Preis zu lesen? Nun: „Weil man sonst nur das Etikett sehen würde und nicht den Käse“, sagt Fatih Köroglu, der Marktmanager. Hat er auch wieder recht.

Fazit: Die Verhältnisse in Frankfurter Supermärkten haben sich offenbar seit 1980 spürbar verbessert, vor allem menschlich. Und es gibt heute zwar vieles, was keiner wirklich braucht, aber es gibt immerhin auch wieder Tritop.

„Wo finde ich Salzstängelchen mit Sesam?“ – „Fragen Sie bitte den Herrn dort drüben. Ich bin in geheimer Mission unterwegs.“

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