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Frankfurt
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21. November 2014

Arbeitsmarkt: Die Straße der Arbeit

 Von 
Auf der Suche nach Arbeit an der Sonnemannstraße.  Foto: Andreas Arnold

Nahe der Hanauer Landstraße gehen Tagelöhner in Frankfurt täglich auf Jobsuche. Die meisten sind von ihren Arbeitgebern schon einmal um den vereinbarten Lohn gebracht worden. Doch die Not treibt sie immer wieder auf den „Arbeitsstrich“.

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Schichtbeginn ist im Herbst spätestens um 6.30 Uhr. Dann beziehen die Männer ihre Posten an der Sonnemannstraße, gegenüber der Großbaustelle der EZB, wo zur gleichen Zeit die Reinigungskräfte ihre Schicht beenden. Sie stehen am Straßenrand zwischen den parkenden Autos, trinken Kaffee aus Pappbechern, rauchen Selbstgedrehte – und warten. Wann und vor allem ob sie Arbeit finden, wissen sie morgens nie. Wenn, dann schuften die Männer auf Baustellen, machen Umzüge, graben Gärten um. Ihre Auftraggeber sind Privatleute und Firmen, oft Sub-Sub-Unternehmer. Um den vereinbarten Lohn wurden die meisten schon einmal betrogen. Trotzdem kommen sie jeden Tag wieder. Der Straßenabschnitt ist als Umschlagplatz für die Ware Arbeitskraft seit Jahrzehnten eine Institution in Frankfurt.

An diesem kalten Montagmorgen im November sind eine halbe Stunde später mehr als zwanzig Männer auf dem Gehweg versammelt. Es bilden sich kleine Grüppchen, die einige Meter Abstand voneinander halten. „Da vorne, da sind die Polen“, erklärt Vasile* und zeigt auf die Ecke, wo die Hanauer Landstraße die Sonnemannstraße kreuzt. „Hier stehen wir Rumänen und da“, er deutet die Straße herunter etwas stadteinwärts, „die Bulgaren und danach an der Ecke die Moldauer.“ Seine Landsleute hätten den Platz erst kürzlich von den Kroaten übernommen, die jetzt ein paar Meter weiter gerückt sind. Auf ihrer angestammten Stelle auf der anderen Straßenseite ist inzwischen eine Einfahrt zur EZB-Baustelle. Vasile selbst ist seit einem Jahr hier, zuvor hat er zwölf Jahre in Italien gearbeitet. „Wenn ich mindestens fünf Euro die Stunde kriege, dann nehme ich fast jeden Job an“, sagt der große hagere Mann, dem man das Bauarbeiterleben ansieht.

Neben Vasile steht Cosmin. Er hat einen Dreitagebart, ist Mitte 20, trägt Sneaker mit Farbspritzern darauf, Jeans, Lederjacke und eine Mütze. Auch er ist etwa seit einem Jahr in der Stadt und schläft in einer Gartenlaube. Wie für die meisten hier ist Frankfurt nicht seine erste Station auf der Suche nach Einkommen. Davor war der Rumäne in Italien, Spanien, England und Norwegen. Auf Facebook hat er erfahren, dass man hier an der Straße Jobs finden kann. Sein Deutsch reicht inzwischen aus, um sich auf den Baustellen der Region durchzuschlagen, gelernt hat er es nebenher, sagt er. Nicht ohne Stolz berichtet er der Beraterin Letitia Matarea-Türk auf Rumänisch, dass er hier mit einem 12-Euro-Stundenlohn, den er stets versuche durchzusetzen, eher zu den „Spitzenverdienern“ gehört.

Geschäft mit billigen Arbeitskräften

Matarea-Türk ist an diesem Tag gemeinsam mit ihrer Kollegin Gosia Zambron vom DGB-Projekt „Faire Mobilität“ zu dem Tagelöhner-Markt gekommen, um etwas über die Situation der Arbeiter dort zu erfahren.

Eine reguläre, längerfristige Arbeit hat Cosmin in Deutschland noch nie gehabt. „Das finde ich zu riskant“, sagt er. Seine Kollegen nicken. Die Angst vor Lohndiebstahl, der im Baugewerbe oft vorkomme, ist sehr groß – viel zu oft haben sie von Landsleuten davon gehört. Da sei es eben besser, nur für einen Tag zu arbeiten und immer abends das Geld bar auf die Hand zu bekommen. Wenn es schlecht läuft, dann ist nur ein Tag verloren und nicht gleich mehrere Wochen.

Die Berichte von Lohndiebstahl kennen die Beraterinnen zur Genüge. Die Beratungsstelle „Faire Mobilität“ im Frankfurter Gewerkschaftshaus unterstützt seit 2011 regelmäßig Arbeitnehmer, die um ihren Lohn kämpfen. Rund ein Drittel der Ratsuchenden, die bundesweit das Angebot des Projekts im vergangenen Jahr nutzten, kamen mit Fragen zu ihrer Bezahlung. Manchmal würden die Arbeiter ihre Arbeitgeber nicht kennen, manche hätten, ohne die Papiere genau zu verstehen, ein Gewerbe angemeldet und sind scheinselbstständig, erklärt Matarea-Türk. Es gäbe Unternehmen in den Herkunftsländern, die sich auf die Vermittlung von Niedriglohn-Jobs spezialisiert haben, aber auch deutsche Firmen mischten bei dem Geschäft mit der billigen Arbeitskraft mit. Fast auf jeder größeren Baustelle sei Lohndumping über die Umgehung von allgemeinverbindlichen Tariflöhnen inzwischen anzutreffen. „Es handelt sich dabei nicht um Einzelfälle, das hat System“, sagt Matarea-Türk, „aber dies aufzudecken ist kompliziert.“

Das bundesweite Projekt „Faire Mobilität“, für das die beiden Frauen arbeiten, soll sogenannten mobilen Beschäftigten aus mittel- und osteuropäischen EU-Staaten dabei helfen, auf dem deutschen Arbeitsmarkt ihre Rechte durchzusetzen. Sechs Beratungsstellen hat der DGB dafür eingerichtet, in Frankfurt ist das Projekt beim Europäischen Verein für Wanderarbeiterfragen angesiedelt. Unter den Klienten sind kaum Tagelöhner. Da sie zumeist schwarz arbeiten, sind die rechtlichen Möglichkeiten begrenzt. Die Männer nehmen dennoch gerne die Visitenkarte der Beraterinnen mit der Telefonnummer des Projekts.

Das Problem, dass am Ende eines langen Arbeitstages nichts oder zu wenig gezahlt wird, kennen am Straßenrand viele. „Ich habe eine Treppe, die ich gefliest habe, wieder kaputt gemacht, als ich weniger Geld als ausgemacht bekommen sollte“, sagt einer. Manchmal endeten Auseinandersetzungen in Schlägereien. Durchsetzen können sie ihre Forderungen in der Regel nicht, auch wenn sie in einer größeren Gruppe sind. „Der Arbeitgeber ist einfach mit dem Auto davongefahren, wir wussten nicht mal, für wen wir eigentlich arbeiten“, sagt ein Mann aus Moldawien achselzuckend. „Was sollen wir machen? Die Polizei rufen?“ Obwohl manche einen Gewerbeschein haben, ist ihnen klar, dass ihr Wettbewerbsvorteil gerade darin besteht, dass sie ohne Vertrag, ohne Steuern und Absicherung arbeiten.

Die Polizei fährt immer mal wieder vorbei. Das beunruhigt niemanden. Im Jahr 2013 wurden in Frankfurt insgesamt 4111 Personen überprüft, erklärt der Zoll, mehr als die Hälfte in mindestlohnpflichtigen Branchen, aber das „Herumstehen und Warten allein ist in Deutschland nicht verboten“. Trotzdem würden auch dort am Straßenrand regelmäßig Kontrollen durchgeführt. Allein in Frankfurt leitete der Zoll im vergangene Jahr 400 Strafverfahren ein.

Reguliert ist der irreguläre Markt an der Straße dennoch: Wer zuerst hier ist, darf auch als Erster verhandeln, wenn ein Auto anhält, erklärt Milo* aus Bulgarien. Absprachen darüber hinaus, so etwas wie einen Mindestlohn, gebe es aber nicht. Gerüchte, dass eine „Standgebühr“ zahlen müsse, wer hier auf Arbeitssuche gehe, bestätigen die Männer nicht.

Schwangere Frau und Kind in der Heimat

Nur ein- bis zweimal pro Woche findet der Maler Milo hier überhaupt einen Job, obwohl er täglich kommt. Am liebsten ist ihm die Gartenarbeit bei privaten Auftraggebern im Frühling. Wenn er mitgenommen wird, dann verdient er acht, manchmal zehn Euro die Stunde. Mit dem Geld unterstützt er seine schwangere Frau und ihr gemeinsames Kind in seiner Heimat. „Dort ist alles kaputt, keine Industrie“, sagt er. Im November will er endlich wieder nach Hause fahren und erst im Frühjahr zurück nach Frankfurt kommen. „Der Papa ist im Skype“, sage sein Kind immer, weil es ihn nur dort zu Gesicht bekommt.

Seit sieben Jahren ist Milo in Deutschland. „Hier sind viele Banken, hier ist das Geld – vielleicht finde ich ja auch etwas davon“, antwortet er lachend, auf die Frage, warum er sich Frankfurt ausgesucht hat. „Wenn man sich auf die neue Brücke über den Main stellt und auf die Hochhäuser schaut – so was gibt es in München nicht“, fügt er noch hinzu, ganz so als ob er wegen der Skyline geblieben wäre. In der Nähe der Hochhäuser, die er manchmal vom Main aus betrachtet, wohnt der Bulgare auch: Mit fünf Leuten in einem Sieben-Quadratmeter-Zimmer. Dafür müsse er 200 Euro im Monat berappen, sagt er. „Das ist eine Katastrophe, aber die Polizei, die findet diese Leute, diese Vermieter nicht.“

Eine richtige Wohnung, das wäre sein Traum. Aber es ist ein Teufelskreis: „Ohne Arbeitsvertrag bekomme ich keinen Mietvertrag und ohne Wohnung, kann ich mich hier nicht melden und einen Arbeitsvertrag abschließen.“ Bei Zeitarbeitsfirmen hat er es mehrmals versucht. „Bulgaren brauchen die da nicht, haben sie mir gesagt.“ Es gibt auch Menschen, die genau mit diesem Teufelskreis Geld verdienen. „Von polnischen Klienten weiß ich zum Beispiel, dass sie 50 Euro im Monat an jemanden zahlen, der ihnen dann eine Meldeadresse besorgt“, sagt Zambron von der Beratungsstelle. Immer wieder haben diejenigen, die bei dem Verein Rat suchen, mit solchen Mittelsmännern Probleme.

Ein paar Meter von Milo stadteinwärts steht eine Gruppe von etwa zehn Männern aus Moldawien. Sie lehnen an einer Hauswand in einer Seitenstraße. Einer von ihnen sagt, er arbeite drei Tage die Woche in einem festen Job und komme an seinen eigentlich freien Tagen ins Ostend, um etwas dazuzuverdienen. Seit einem Jahr ist er in Frankfurt, hat einen Gewerbeschein. Als er um 8.15 Uhr noch keinen Auftraggeber gefunden hat, geht er wieder. Ein anderer aus der Gruppe ist dringend auf das Geld angewiesen. Er war bis vor einem Monat noch in Italien, gemeinsam mit seiner Frau, die dort weiter als Altenpflegerin arbeitet. Jetzt gebe es dort keine Arbeit mehr für ihn, sagt er. Besonders traurig macht den großen Mann, der seine Geschichte der Beraterin Zambron auf Russisch erzählt, dass er seine Kinder, die bei ihren Großeltern in Moldawien leben, nur zwei- bis dreimal im Jahr sieht. „Im Kommunismus da haben wir zumindest eine Wohnung vom Staat bekommen, wenigstens bin ich bei meiner Familie aufgewachsen“, sagt er.

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Zurück kurz vor der Kreuzung mit der Hanauer Landstraße diskutieren die Männer aus Rumänien über den Wahlausgang in ihrem Land, während sie weiter auf Auftraggeber warten. Gerne hätten sie auch gewählt, aber in Frankfurt gibt es kein Konsulat. Besonders optimistisch sehen sie die Zukunft des Landes aber ohnehin nicht. „Wenn es sein muss, bleibe ich auch bis um 11 oder 12 Uhr hier stehen“, sagt Cosmin. Die Männer kommen auch manchmal abends wieder ins Ostend. Zum Essen gehen sie oft „zu Maria“, wie sie die Caritas-Einrichtung um die Ecke nennen.

In ein paar Monaten will Cosmin wieder zurück nach Rumänien fahren. So wie viele der Männer möchte er am liebsten zu seinen Freunden und seiner Familie. Eine Werkstatt aufmachen, die Lkw-Reifen repariert, das ist seine Geschäftsidee, sagt er. „Aber vielleicht gehe ich davor noch nach Schweden, da soll es gerade besser sein, habe ich gehört.“

Den Begriff „Arbeiterstrich“, wie der Straßenabschnitt oft genannt wird, verwenden Cosmin und seine Kollegen nicht. Sie nennen den Ort auf Rumänisch strada muncii, die Straße der Arbeit. Zwei Stunden nach Schichtbeginn haben sie zumindest an diesem Morgen immer noch keine gefunden.

* Name von der Redaktion geändert.

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