Freitag, Feierabend, Wochenende. Fast fluchtartig verlassen die Beschäftigten von Neckermann in Fechenheim ihren Arbeitsplatz auf dem weitläufigen Gelände. Viele sind mit dem Auto da, werfen den Motor an und sind weg. „Keine Zeit“, sagen sie und starten durch ins Wochenende.
Manche bleiben dann doch stehen für ein kurzes Statement. „Ich gebe keine Auskunft“, sagt ein gut gekleideter junger Mann. Als ob nicht die ganze Stadt wüsste, dass die Logistik bei Neckermann komplett geschlossen wird, dass in der Verwaltung, im Einkauf und in der Werbung weitere Arbeitsplätze entfallen – ein gewaltiger Aderlass, der die Existenzgrundlage von 1380 Menschen vernichtet.
Neckermann-Beschäftigte protestieren am Dienstag am Neckermann-Firmensitz in Frankfurt am Main gegen den geplanten Stellenabbau. Der Protestveranstaltung unter dem Motto "Wir geben Neckermann nicht auf" war eine Betriebsversammlung vorausgegangen. Der Versandhändler Neckermann will über 1300 Stellen streichen.
Foto: Alex KrausEin Mann in Jeans und kurzärmeligem Hemd, der im IT-Bereich arbeitet, hat gerade erfahren, dass auch er entlassen wird. Was er jetzt machen wird? Ratlos hebt er die Arme. „Erst mal Urlaub.“ Alle Bereiche seien betroffen, sagt eine Mitarbeiterin aus dem Adressmanagement. „Es kann jeden treffen. Da zählt auch nicht, dass man schon 38 Jahre dabei ist.“ Die Ungewissheit ist quälend, die Angst groß. Eine Auszubildende hofft, dass für die Azubis eine Lösung gefunden wird, damit sie ihre Ausbildung beenden können.
Für einen Stylisten, der seit rund 20 Jahren bei Neckermann als Freischaffender arbeitet, steht endgültig fest, dass Schluss ist. Wenn es keinen Katalog mehr gibt, braucht man auch keine Stylisten. Wie seine Perspektive aussieht? „Für die Rente reicht es noch nicht“, sagt der 64-Jährige. Eine Kollegin von ihm hat gerade ihren letzten Arbeitstag bei Neckermann abgeschlossen. Ihr Auftrag ist abgearbeitet. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich nicht mehr hierherkomme.“
Ich komme ursprünglich aus Ghana in Afrika. Ich bin aber jetzt schon 32 Jahre hier in Deutschland und ich bin auch Deutsche. 22 Jahre ist das jetzt her, dass ich zu Neckermann gekommen bin. Damals war ich jung, das kann man so sagen, ich war wirklich jung.
Ich arbeite in der Packerei. Das ist wirklich eine sehr harte Arbeit. Ein schwerer Job. Ich bin es gewohnt, auch am Samstag zu arbeiten, obwohl ich ja eine Familie habe.
Bis vor fünf Jahren ist es gut gegangen. Ich hab immer 140 Prozent gegeben wie die anderen bei uns auch. Aber dann wurde es schlimmer. Ich musste dann operiert werden, weil ich die Arbeit nicht mehr so gut vertragen habe. Ich bin insgesamt dreimal operiert worden. Und heute bin ich 53 Jahre alt. Jetzt haben wir erfahren, dass unsere Abteilung aufgelöst werden soll. Es soll einfach alles aufhören hier bei Neckermann. Aber da machen wir nicht mit. Wir geben hier nicht auf. Wir haben ganz klar gesagt: Wir geben Neckermann nicht auf.
Viele Neckermänner und -frauen sind schon sehr lange im Betrieb, haben Höhen und Tiefen erlebt. „Insgeheim hat wohl jeder damit gerechnet, dass es wieder Entlassungen gibt – aber in diesem Ausmaß. Das ist schon ein Schock“, sagt einer.
Nachdem der amerikanische Investor Sun Capital ein Alternativkonzept von Betriebsrat und Verdi ohne jede Prüfung abgelehnt hat, beginnt nun der Kampf um die Abfindungen. „Klar ist die Kampfbereitschaft da“, sagt ein junger Mann und schwingt sich aufs Fahrrad. Eine junge Frau mit Sonnenbrille glaubt, dass sich viele mit den Vorgaben von Sun Capital abgefunden haben. Die Demonstration am Dienstag habe ja auch nicht verhindern können, dass Sun Capital das Alternativkonzept des Betriebsrats abgelehnt hat.
Ausverkauf bei Neckermann: Das Unternehmen hat Insolvenz angemeldet.
Foto: Michael SchickBis zum 31. Juli sollen nun die Kündigungen verschickt werden. Jörg Jung, Vorarbeiter in der Logistik und Betriebsrat, ist schon so lange dabei, dass er eine Kündigungsfrist von sieben Monaten hat. Also wird sein Gehalt noch bis Ende Februar 2013 fließen. Danach bekommt der 46-Jährige keinen Cent – wenn es nicht gelingt, Abfindungen durchzusetzen. Die Gewerkschaft Verdi bereitet einen Sozialtarifvertrag vor, um für dieses Ziel auch streiken zu können. Am Dienstag und Mittwoch möchte der Betriebsrat in den Verhandlungen mit dem Arbeitgeber mehr Details zu den Schließungsplänen erfahren.
Die IG Metall unterstützt Gewerkschaft und Betriebsrat. Wie der Frankfurter IG Metallchef Michael Ehrhardt bestätigte, wird am Montag gegen 11 Uhr ein Autocorso starten, um Schwung in die Tarifrunde des Kraftfahrzeug-Handwerks zu bringen. Auf der Hanauer Landstraße soll vor jedem Autohaus Station gemacht werden. Auch eine solidarische Stippvisite bei Neckermann steht auf dem Programm.
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