Martin Wagner hat einen langen Weg hinter sich. Als Kind hatte der heute 58-Jährige eine klare Vorstellung von seinem späteren Leben: „Mein Berufswunsch war Bischof.“ Heute ist Martin Wagner Berater. Bis zum Theologiestudium hat er es noch geschafft, doch dann setzten allmählich die Zweifel ein. Mit Mitte 40 trat er aus der Kirche aus.
Zum Bischof hat es nicht gereicht, einer Gemeinschaft steht er heute dennoch vor – einer Gemeinschaft derer, die nicht glauben, zumindest nicht im Rahmen einer organisierten Religion.
Seit dem 14. Dezember gibt es auch in Hessen einen Regionalverband des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA). Martin Wagner ist der Vorsitzende. Ihm zur Seite stehen die Online-Redakteurin Gabriele Förster und der Wirtschaftsinformatiker Andreas Braun. Zusammen bilden sie den Vorstand dieses Vereins, der für sich in Anspruch nimmt, rund 35 Prozent der deutschen Bevölkerung zu vertreten.
Nur auf dem Papier
„Atheisten lassen sich nicht so leicht organisieren“, glaubt Wagner. Gerade einmal 1000 Mitglieder hat der IBKA in Deutschland, in Hessen sind es nur 100. „Aber gerade in den letzten fünf bis sechs Jahren sind immer mehr Menschen eingetreten“, berichtet Gabriele Förster. Allein seit 2006 hat sich die Mitgliederzahl des IBKA, der bereits 1976 gegründet wurde, verdreifacht. „Das hängt auch damit zusammen, dass die Kirchen ihre Positionen wieder offensiver vertreten“, sagt Andreas Braun.
Wenn beim IBKA von „Kirchen“ die Rede ist, sind eigentlich alle Religionsgemeinschaften gemeint, die sich regelmäßig in gesellschaftliche Diskussionen einmischen. In diesem Chor möchte der IBKA die Stimme derjenigen sein, die sonst „gerne überhört“ werden, wie es Martin Wagner formuliert: „Wir haben enorme Schwierigkeiten, überhaupt in die Debatten zu kommen.“
Ein Büro hat der hessische Regionalverband des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) derzeit noch nicht. Interessierte können jedoch per E-Mail hessen@ibka.org oder telefonisch unter der Nummer 069/9139881 Kontakt mit dem Verein aufnehmen.
Reinschnuppern in das Vereinsleben lässt sich beim sogenannten „Gottlosenstammtisch“, der jeden zweiten Mittwoch im Monat im Restaurant des Bürgerhauses Bornheim in der Arnsburger Straße 24 stattfindet. Der nächste Stammtisch-Termin für die Gottlosen ist für Mittwoch, den 8. Februar, ab 19.30 Uhr geplant.
Weitere Informationen über den Verein findet man im Internet unter www.ibka.org.
Dabei sollte die Hauptforderung des IBKA längst politischer Konsens sein: Die Trennung von Staat und Kirche. In Deutschland allerdings sieht Andreas Braun dieses Ideal bestenfalls oberflächlich verwirklicht. „Wenn man genau hinguckt, steht das nur auf dem Papier.“
Angefangen beim Religionsunterricht über die Kirchensteuer bis hin zu den Sonderrechten der Religionsgemeinschaften im Arbeitsrecht sehen die Vertreter des IBKA eine unangebrachte Nähe zwischen Staat und Religion. „Wir sind natürlich nicht per se gegen Religion“, betont Gabriele Förster, „wir sind für Religionsfreiheit.“
Gegen Tendenzschutz
Und das heißt auch für ein Recht auf Freiheit von der Religion. Ziel des IBKA sei ein laizistischer Staat, in dem Religion Privatsache sei und die Kirchen staatlicherseits mit allen anderen Weltanschauungsvereinigungen auf gleicher Stufe stünden.
Das noch junge Jahr 2012 hält bereits einige Themen für den hessischen IBKA bereit. Die Einführung des konfessionsgebundenen Islamunterrichts etwa soll kritisch begleitet werden. „Als Zwischenlösung können wir das akzeptieren. Aber eigentlich wollen wir gar keinen konfessionellen Unterricht in der Schule. Stattdessen schwebt uns eine Art Philosophie-Ethik-Religionskundeunterricht vor“, sagt Wagner.
Zugleich wird sich der IBKA an der bundesweiten Kampagne gegen den Tendenzschutz in kirchlichen und kirchennahen Betrieben engagieren.
Und auch auf lokaler Ebene treffen säkularer Anspruch und Realität ab und zu ungebremst aufeinander, wie sich für Wagner im vergangenen Jahr an der Diskussion um das Ostertanzverbot in Frankfurt gezeigt hat: „Die Tanzdemo auf dem Römerberg fanden wir gut. Vielleicht lässt sich das in der einen oder anderen Form etablieren.“ Auf jeden Fall aber, werde der IBKA von sich hören lassen.

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