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26. Januar 2013

Auf einen Kaffee mit...: „Als Kind war ich ein Mitläufer“

Pascal Roller im Café.  Foto: Alex Kraus

Der ehemalige Basketballprofi Pascal Roller könnte Frankfurt schon bald den Rücken in Richtung Hamburg kehren. Im Gespräch redet der 36-jährige Wahl-Kelkheimer über Ballett, Karriereplanung und Facebook.

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Zur Person

Pascal Roller, 36, war lange Jahre Kapitän und das Gesicht des Basketball-Bundesligisten Frankfurt Skyliners. Jetzt arbeitet der ehemalige Profi bei einer Frankfurter Sportagentur und als Co-Kommentar beim Fernsehsender Sport1.

Der gebürtige Heidelberger und zweifache Familienvater (Delisa Isabel, vier Jahre, und Felipe, zwei Jahre) war mit einem Jahr Unterbrechung von 1999 bis 2011 Aufbauspieler bei den Skyliners. Im Jahr 2000 holte er mit dem Team den nationalen Pokal und 2004 die deutsche Meisterschaft.

Mit der deutschen Nationalmannschaft, für die Roller 122 Länderspiele bestritt, gewann er bei der Weltmeisterschaft 2002 die Bronzemedaille, bei der Europameisterschaft 2005 Silber, und er nahm an den Olympischen Spielen 2008 in Peking teil.

Sein Trikot mit der Nummer 11 wurde nach Rollers Karriereende am 3. Oktober 2011 unter das Hallendach der Ballsporthalle gehängt. Die Nummer wird bei den Skyliners nicht mehr vergeben.

Im Jahr 2011 wurde die Auszeichnung für den beliebtesten Spieler in der Bundesliga in Pascal-Roller-Award umbenannt.

Pascal Roller ist noch immer ein sicherer Schütze. Zu seinen besten Zeiten verwandelte der ehemalige Profibasketballer der Frankfurt Skyliners knapp 90 Prozent seiner Freiwürfe. Für die FR tauscht der 36-Jährige den gewohnten Ball mit einer Papierkugel und wirft statt in einen Korb in die Kaffeetasse. Immerhin erzielt er bei sieben Versuchen vier Treffer. Viel Sport treibt Roller nach seinem Karriereende im Sommer 2011 nicht mehr. Ab und zu geht er joggen; mehr gibt der Terminkalender des Wahl-Kelkheimers nicht her. „Man sieht es aber nicht“, sagt er grinsend und beißt genüsslich in sein Schokocroissant.

Herr Roller, was haben Basketball und Tanzen miteinander zu tun?

Da verweise ich auf einen tollen NBA-Werbespot, der vor vielen Jahren zu sehen war. Die hatten da Bewegungen aus dem klassischen Ballett und dann immer wieder Schnitte zum Basketball, in denen diese eins zu eins übernommen waren. Es gibt vom Bewegungsablauf sehr viele Parallelen. Ich selbst habe klassisches Ballett nie gemacht mit dem ernsthaften Ziel, Tänzer zu werden. Das Gros meines Balletttrainings waren Dinge, die man auch im Sport sehr häufig macht: dehnen, Sprünge, Koordinationsübungen.

Wie kamen Sie zum Ballett?

Ich war immer ein Mitläufer. Meine ältere Schwester ist ins Ballett gegangen, ich bin als Fünfjähriger mal mit und dabeigeblieben. Mit neun bin ich, wieder meiner Schwester hinterher, zum Basketball und wieder dabeigeblieben. Mit 14, 15 musste ich mich dann entscheiden.

Wie viele Ihrer Mitspieler wussten von Ihrer Ballettkarriere?

Immer mal wieder welche. Als ich 14, 15 war, waren einige neidisch auf den Hahn im Korb, der 30 Mädchen um sich hatte. Da gibt es witzige Geschichten: Es gab eine große Umkleide, und meine Ballettmeisterin kam irgendwann auf mich zu und bot mir einen eigenen Raum an. Ich hab’ gesagt, ich käme damit gut zurecht, bis mir klar wurde, dass es nicht um mich ging. Da habe ich meine Sachen gepackt und bin umgezogen.

Wie wird man vom Mitläufer zur Führungspersönlichkeit?

Ich musste mich da erst hineinentwickeln, so eine Rolle annehmen und lernen, sie auszufüllen. Im Sport ist das vielleicht etwas einfacher. Es gibt starke Hierarchien, man wird stark geleitet, und ich habe das immer dankend angenommen. Dabei hatte ich Glück mit guten Trainern, konnte viel aufnehmen. Irgendwann bietet einem ein Coach eine solche Rolle an. Aber ein Führungsspieler muss auch von anderen akzeptiert werden. Viele behaupten das von sich, haben aber die Autorität nicht.

War Ihre für Basketballer geringe Größe von 1,80 Meter ein Nachteil?

Die Akzeptanz war gegeben, weil die Arbeitseinstellung und die Leistung stimmten. Aber leicht war das natürlich nicht. Ich hatte immer das Gefühl, durch dieses Handicap, denn das ist es im Basketball, konzentrierter sein zu müssen. Wenn mich einer schlägt in Richtung Korb, kann ich das nicht noch mal wettmachen mit einem Block von hinten.

Sie haben mal gesagt, Sie wären, wenn nicht Profibasketballer, Langzeitstudent geworden.

Ich war ständig eingeschrieben. Ich habe mit Jura angefangen, habe auf Lehramt gewechselt, weil ich dachte, dann bin ich flexibler von der Stundeneinteilung her. Nach sieben Jahren, als ich für ein Jahr nach Italien bin, habe ich mich exmatrikuliert. Als ich wiedergekommen bin, habe ich mich an der Fernuni Hagen für zwei Semester eingeschrieben. Aber ich war beim Klub so ausgelastet, dass ich es im Selbststudium noch weniger hinbekommen habe. Deshalb habe ich es wieder sein lassen. Jetzt bin ich wieder eingeschrieben – wieder für Jura.

Der Wechsel in den Beruf ist Ihnen trotzdem leicht gefallen. Auch weil Sie viele Angebote hatten?

Ja, ich habe erfreulicherweise viele Angebote gehabt. Aber es hat mich auch ein bisschen erschlagen. Es war zwar spannend zu sehen, in welche Richtungen es gehen kann: Co-Moderation beim Fernsehen, Sportmarketing, die beiden Projekte beim Klub. Dann kamen noch Anfragen für Vorträge im Bereich des Coachings für Führungskräfte in der Wirtschaft. Alles war super interessant, aber ich habe mich völlig gehemmt, indem ich in viele Bereiche gleichzeitig losgelaufen bin. Jetzt versuche ich das streng zu kanalisieren und manche Sachen nicht mehr zu machen. Zum Beispiel Projektleiter beim Company Cup der Skyliners − das hat mir zwar Spaß gemacht, war aber nicht zielführend. Ich sehe mich am ehesten in der sportlichen Führung im Klubbasketball.

Aber offenbar nicht mehr bei den Skyliners, wo nach dem Abgang von Sportdirektor Kamil Novak eine Lücke entstanden ist. Sie sind als Geschäftsführer Profisport eines neuen Teams in Hamburg im Gespräch. Wie konkret ist das?

Der Kontakt mit den Skyliners ist nicht abgebrochen. Das letzte Gespräch liegt aber eine Weile zurück. Da hatten wir unterschiedliche Auffassungen, und ich sehe dort derzeit leider keine Zukunft. In Hamburg habe ich den sportlichen und konzeptionellen Input gegeben und könnte mir vorstellen, dort sportlicher Geschäftsführer zu werden.

Unter welchen Bedingungen wäre eine Rückkehr zu den Skyliners für Sie vorstellbar?

Zuerst müsste man eine gemeinsame Basis finden, auf der man aufbauen kann. Ich würde gerne in einer Position sein, in der ich Verantwortung habe. Und das Ganze sollte für mich eine Perspektive haben, sodass man sich in den Kompetenzen auch weiterentwickeln kann.

Wie war und ist Ihr Verhältnis mit dem geschäftsführenden Gesellschafter der Skyliners, Gunnar Wöbke?

Es ist ein vernünftiges Verhältnis, das aber auch teils intensiv gelebt wurde. Nicht ganz unkompliziert war vielleicht, dass ich nie einen Agenten hatte, der mich vertreten hat. Generell hätte ich mir einen unvoreingenommenen Mentor gewünscht, mit dem man die Optionen einer Karriereplanung durchspielt. Mittlerweile bin ich sehr gefestigt und weiß, wo ich bereit bin, Abstriche zu machen, und wo nicht.

Gegenüber Journalisten gibt sich Gunnar Wöbke ja sehr verschwiegen. So erfährt man bei den Skyliners nicht einmal, wie hoch der Etat ist.

Ich frage mich, ob es nötig ist, das so stiefmütterlich zu behandeln. Ich sehe nichts Schlimmes daran, die Etathöhe zu kommunizieren.

Und doch beißt man sich an Gunnar Wöbke die Zähne aus.

Er wird seine Gründe haben. Er hat den Klub zu dem gemacht, was er ist. Das sage ich mit aller Anerkennung. Ich habe viele Interviews gegeben, bei denen ich sicherlich auch mehr Informationen hätte einfließen lassen können. Das ist ein schmaler Grat. Es gibt Tabus. Und das ist auch gut so. Ich hätte nie einen Spieler im Interview kritisiert, schlechtgemacht oder über Situationen im Klub geredet, wenn ich sie vorher intern nicht thematisiert hätte. Doch je weichgespülter die Antworten werden, desto weniger Interesse rufen sie hervor.

Würden Sie sich ein Dasein im Profisport für Ihre Kinder wünschen?

Wünschen nicht, sie sollen selbst entscheiden können, was sie machen. Aber wenn sie es irgendwann einmal anstreben sollten, würde ich ihnen sicherlich unterstützend zur Seite stehen. Ich selbst habe meine Eltern als unheimlich unterstützend, aber nie drängend angesehen. Die hätten es auch fein gefunden, wenn ich mit 17 gesagt hätte, das war’s. Das würde ich genauso handhaben wollen. Was ich leider nie hatte, war eine längerfristige, vernünftige Karriereberatung. Da könnte ich meinen Kindern besser helfen. Das ist ein Thema, an dem es im Profisport, zumindest im Basketball, noch ziemlich krankt.

In Zeiten von G8 haben Kinder kaum mehr Zeit für Vereinssport.

Eins merke ich als Vater: wie anspruchsvoll eine Nachmittags-Freizeitgestaltung ist. Es ist nicht mehr wie früher, bei uns in Kelkheim spielen nicht unbedingt viele Kinder auf der Straße. Die organisieren sich irgendwo. In Zeiten von G8 ist es schwieriger geworden, das außerhalb der Schule zu tun. Deswegen haben die Skyliners das Projekt „Basketball macht Schule“ gestartet, dessen Botschafter ich ein Jahr war. Es gab dann im Sommer seitens des Klubs aber kein Interesse mehr, das weiterzuführen.

Immerhin ist Basketball bei Jugendlichen sehr beliebt. Wie sehr hängt das auch an Dirk Nowitzki?

Sicherlich sehr, aber auch an den Erfolgen der Nationalmannschaft. Trotz angestrengter Versuche des Deutschen Basketball-Bundes (DBB) hatte ich aber manchmal die Hoffnung, dass man da noch mehr Profit hätte rausschlagen können. Sei es beim Gewinn der Bronzemedaille bei der WM 2002 oder der Silbermedaille bei der EM 2005. Die Meisterschaft mit Dallas vor zwei Jahren war ein richtiger Hingucker, aber Dirk nähert sich dem Herbst seiner Karriere. Da die Generation Nowitzki jetzt aufhört, ist es wichtig, dass sich die Spieler einbringen. Das würde den Klubs eine neue Dimension geben. Das Know-how darf nicht verloren gehen.

Viele Sportarten werden an großen Namen festgemacht. Muss der Basketball befürchten, mit dem Karriereende von Dirk Nowitzki einen starken Abwärtstrend zu verzeichnen?

Auf der einen Seite bejahe ich, dass Sportarten immer auch Gesichter und große Namen brauchen. Deshalb werden auch wieder andere Sportarten boomen. Auf der anderen Seite kann man dem Trend entgegenwirken. Basketball ist auf dem Weg von einem regionalen zu einem nationalen Produkt. Dem Basketball würde es sogar ganz gut tun, aus der skandalfreien Ecke rauszukommen.

Wie meinen Sie das?

Beim Basketball ist alles hübsch, schön, toll und gut. Man hört erfreulicherweise wenig Negatives in der Berichterstattung. Aber es darf nicht profillos sein, und es müssen ganz dringend weitere Gesichter platziert werden. Es wäre beispielsweise kein verwerflicher Schritt, das an Leuten aufzuhängen, die vielleicht mit ein paar Ecken und Kanten versehen sind und die Medien mit Geschichten versorgen. Der Sport muss Identifikation schaffen, aber auch mit Spielern identifizieren, die nicht Nowitzki heißen. Die halbherzigen Versuche des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, ein Spiel zu zeigen, und wenn nur 150.000 Leute einschalten, wird es wieder abgesetzt, sind ein unzureichender Ansatz. Ich verstehe den Quotendruck, aber da wird zu wenig Vertrauen in ein Produkt gesteckt, das mehr Kontinuität in der Berichterstattung verdient hat.

Dieses eine Gesicht waren Sie bei den Skyliners. Wie schwer ist es, sich auf den Sport zu konzentrieren, wenn man nicht nur auf dem Feld die Linie vorgibt, sondern immer auch vor der Kamera steht?

Ich bin da reingewachsen und konnte mich daran gewöhnen. Es hat für mich funktioniert, weil beim Basketball noch alles in einem darstellbaren Rahmen ist. Ich möchte nicht in einer Situation wie Dirk Nowitzki sein. Bei ihm ist es extrem; gerade als wir bei der WM in den USA waren. Er konnte nicht in Ruhe zum Bus laufen, ohne 50 Anfragen für Autogramme oder Fotos zu haben. Das Erste, was Dirk gemacht hat, wenn er ins Hotel gegangen ist, war, das Telefon rauszustöpseln. Da war meine Situation in Frankfurt perfekt. Ein bekanntes Gesicht zu sein, aber auch sagen zu können: Ich zieh’ mich jetzt zurück, und da stört mich niemand eine Woche oder länger.

Sind Sie froh, den ganz großen Hype im Internet während Ihrer Karriere nicht erlebt zu haben?

Ich bin selbst bei Facebook. Ich füge jeden hinzu und habe 2500 Freunde, von denen ich keinen selbst angeschrieben habe. Vielleicht 100 sind mir persönlich bekannt. Es kommen immer mal Mails rein, aber ich fand das bislang nie aufdringlich. Es weiß jeder, wann ich Geburtstag habe, und es kriegt auch jeder meine E-Mail-Adresse und Telefonnummer im Internet raus. Das ist der Preis, den ich zahlen muss. Ich habe aber das Gefühl, ich habe das selber in der Hand.

Das Interview führten Katja Sturm und Timur Tinç

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