Er wirft misstrauische Blicke um sich. Manchmal schaut er regelrecht finster. Aber das ist nur berufsbedingt. Der hagere Mann mit dem etwas wilden, eisgrauen Haarschopf geht vor den Gemälden auf die Knie, die prachtvoll gerahmt noch an den Wänden der Kunsthalle Schirn lehnen, auf ihre Hängung warten. Mustert sie aufmerksam. Sucht nach Schäden, Rissen, Flecken.
Die Ausstellung ist vom 9. Februar bis zum 13. Mai zu sehen. Sie ist dienstags, freitags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr und mittwochs und donnerstags von 10 bis 22 Uhr zu sehen.
Der Eintritt kostet zehn Euro, ermäßigt acht Euro, ein Familienticket kostet 20 Euro. Kinder unter acht Jahren haben freien Eintritt. Vorverkauf unter www.munch-in-frankfurt.de, Infos unter 069/299 882 240.
„Wir machen noch mal eine ganz genaue Bestandsaufnahme nach dem Transport“, brummt Trygve Lauritzen. Es sind die letzten Tage vor Eröffnung der großen Ausstellung „Der moderne Blick“ am 9. Februar – 60 Gemälde des großen norwegischen Malers Edvard Munch wird die Schirn zeigen, dazu Grafiken, aber auch 50 Fotografien des Künstlers und vier Filme. Kaum jemand in Deutschland weiß, dass der Bahnbrecher des Expressionismus so vielfältig arbeitete.
Ein schweigsamer Beschützer
Und Trygve Lauritzen ist zu verdanken, dass all dies überhaupt in Frankfurt zu sehen ist. Der 61-Jährige arbeitet als Sicherheitschef der beiden Munch-Museen in Oslo. Er hat den Transport der Kunstwerke organisiert, erst nach Paris, wo sie im Centre Pompidou ausgestellt waren, von dort nach Frankfurt. Und immer und überall muss er diese Millionenwerte schützen, einen Raub abwenden, Attentate von psychisch kranken Besuchern verhindern.
Lauritzen wirkt in seinem blauen Pullunder eher, als käme er gerade von der Kommandobrücke eines Eisbrechers. Mit Journalisten spricht er nicht so gerne. Eigentlich redet er überhaupt nicht über seine Arbeit. Und bestimmte Fragen sind völlig tabu. Wie hoch ist eigentlich der Versicherungswert der in Frankfurt gezeigten Kunstwerke? Lauritzen zeigt ein höfliches, ein wenig mitleidiges Lächeln. Brummt. Schweigt. „Diese Gemälde sind ein Teil des norwegischen Nationalschatzes“, sagt er schließlich. Klar, natürlich.
Trygve absolvierte einst ein Spezialtraining in den USA
Und wie kamen sie nun eigentlich von Paris nach Frankfurt? Wieder dieser scharfe Blick. Klar, blöde Frage. So viel immerhin darf verraten werden: Sie reisten gar nicht per Flugzeug an, sondern in einer streng bewachten Lastwagenkolonne.
Lauritzen wurde in der Telemark geboren, der einsamen Landschaft Südnorwegens. Das hat ihn geprägt. Heute lebt er in der kleinen Hafenstadt Narvik nördlich des Polarkreises, wo es übrigens dank des Golfstroms selten kälter als mollige fünf Grad minus werden soll, pendelt von dort nach Oslo. Früh machte sich der studierte Ingenieur selbstständig als Sicherheitsspezialist, führte 30 Jahre seine eigene Firma. Er schirmte Industrieanlagen ab und Ölbohrplattformen. Absolvierte ein Spezialtraining in den USA. Kopfschütteln, Nein, keine Einzelheiten. Als es 1994 galt, die Olympischen Winterspiele in Lillehammer zu organisieren, baute Lauritzen dort „das Polizeihauptquartier auf“.
Und dann kam für Lauritzen der schlimmste Tag – er spricht darüber wie über eine persönliche Niederlage. Obwohl ihn gar keine Schuld trifft. 22. August 2004: Bewaffnete Räuber dringen „am helllichten Tag“ in das Munch-Museum in Oslo ein, stehlen vor den Augen entsetzter Besucher das berühmteste Gemälde des Malers, „Der Schrei“, und die kaum weniger bekannte „Madonna“. Damals arbeitete der Sicherheitschef noch nicht für das Museum. Er spricht von einem „Ablenkungsmanöver“ organisierter Krimineller, die kurz zuvor in Stavanger einen Polizisten niedergeschossen und getötet hätten.
Es wurde Lösegeld für Edvard Munchs "Der Schrei" gezahlt
Erst zwei Jahre später können die Gemälde nach komplizierten Verhandlungen in das Museum zurückkehren. Lauritzen zögert. „Es wurde Lösegeld gezahlt“. Der Ingenieur ließ sich damals vom Munch-Museum anstellen. Er organisierte den Umbau des Hauses: „Die Sicherheit wurde stark vergrößert“. Leider sind solche Überfälle keine Seltenheit. „Die Gangster benutzen Gemälde als Geisel.“ Sinn sei die Erpressung von Millionensummen. Mai 2010: Überfall auf das Museum für Moderne Kunst in Paris, Februar 2008: Raub aus einer Picasso-Ausstellung am Zürichsee, Februar 2006: Überfall auf das Chacara do Ceu Museum in Rio de Janeiro.
Nur Beispiele. Auch die Kunsthalle Schirn war betroffen. Am 28. Juli 1994 entwendeten Räuber drei Meisterwerke von Caspar David Friedrich und William Turner. Im Herbst 2011 schon hat Lauritzen die Schirn und ihre Umgebung eingehend inspiziert.
Und was passiert nun, wenn man ein Gemälde der Munch-Ausstellung berührt? Lauritzen lächelt wieder dieses unergründliche Lächeln. „Versuchen Sie es lieber nicht“, sagt er dann.

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