Von Wiesbaden lernen, das konnte doch nichts anderes heißen als: Siegen lernen. Schließlich liefen die Geschäfte in der Nachbarstadt doch ganz ausgezeichnet, so dass sich die Frankfurter dachten, sie sollten im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts auch in Heilkunde und Kuren machen. Machten sie auch: Mitten auf der Hauptwache richtete ein eigens zu diesem Behufe gegründeter Verein einen Brunnen ein. Allein – die Kurgäste blieben aus. Während die Wiesbadener es schafften, sich als ein Ort der Heilung darzustellen, scheiterten die Frankfurter „mit Pauken und Trompeten“, wie der Historiker Torben Giese am Donnerstag im Institut für Stadtgeschichte berichtete.
In einem neuen Buch untersucht Giese „moderne städtische Imagepolitik in Frankfurt am Main, Wiesbaden und Offenbach“. Gleichsam von den Anfängen, die er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert verortet, bis zum Ende des 20. Jahrhundert, in dem sich Frankfurt im wesentlichen als moderne Stadt der Dienstleistung präsentiert.
Zuletzt habe Oberbürgermeister Walter Wallmann mit dem Nebeneinander von Neuem und Altem in Frankfurt ringen müssen, weiß Giese: Neben der Paulskirche und dem unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg rekonstruierten Goethehaus baute der CDU-Politiker darauf, dass sich das Projekt Museumsufer zu einem Magneten des Publikums entwickeln, aber gleichzeitig auch von den Einheimischen als reizvoll verstanden würde. Diese Balance hätten nahezu sämtliche Stadtoberhäupter halten müssen, beobachtete Giese.
Während Wiesbaden zusammen mit Baden-Baden konsequent auf Kurgäste aus gut situierten Kreisen setzte, schminkten sich Frankfurt und auch die Nachstadt Offenbach diese Idee alsbald wieder ab: Offenbach stellte sich bereits vor 150 Jahren als Standort für Gewerbe, Hafen und Industrie dar, Frankfurt vertraute in der Darstellung nach innen wie nach außen auf das, was die rasante Industrialisierung des Westens bringen würde.
Nach dem Krieg sei die Frankfurter Imagepolitik vor allem dadurch motiviert worden, „mit einem gewissen Stolz auf die Leistungen des Wiederaufbaus“ blicken zu können. In einer der ersten von Giese im Archiv entdeckten Schriften bemühte sich die Stadtregierung darum, Erreichtes in diesem Zusammenhang herauszustreichen. So bündelte man zu Werbezwecken fünf Ansprachen des damaligen Oberbürgermeisters Walter Kolb und gab dem Bändchen den Titel: „Wille zur Tat“. In seinen Beiträgen umspielte das Stadtoberhaupt immer wieder das Motiv der Tradition: Kolb präsentierte Frankfurt als Stadt mit demokratischen Orientierungen, auf die sich in diesen Zeiten der Unübersichtlichkeit sicherlich zurückgreifen ließe. Frankfurt sollte dem Publikum als „Geburtsort der Demokratie und als traditionelle Kulturstadt“ erscheinen, bilanziert Zeithistoriker Giese das Bemühen darum, in der Konkurrenz der Nachkriegszeit mithalten zu wollen. Zumal in dieser einen, für Frankfurter zentralen Konkurrenz darum, Bundeshauptstadt werden zu wollen.
Inzwischen sei „der Kampf zwischen dem Alten und Modernen entschieden“, hebt Giese hervor: „Das Neue hat sich durchgesetzt.“ Die Irritationen, die es so viele Jahrzehnte nach der mit Preußens Intervention 1866 einsetzenden Zäsur gegeben habe, seien damit vom Tisch.
An dieser Zeitenwende für die Frankfurter und ihr Bewusstsein großer, eigener Unabhängigkeit orientiert sich auch Gieses Kollege Fritz Koch. Er untersuchte in einer ebenfalls am Donnerstag vorgestellten Studie „Verwaltete Lust – Stadtverwaltung und Prostitution in Frankfurt am Main 1866 - 1968“. Und er erklärt, warum man Zuhälter früher zum „Club der Eiskalten“ zählte.
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