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10. August 2012

Bahnhofsviertel Frankfurt Gentrifizierung: Frankfurts ehrliche Visitenkarte

 Von Felix Helbig
Dezernent Cunitz auf der Münchener Straße. Foto: FR/Schick

Seit sieben Jahren fördert die Stadt das Wohnen im Bahnhofsviertel. Der Wandel zeitigt Konflikte. Der grüne Planungsdezernent Olaf Cunitz setzt auf Dialog.

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Seit sieben Jahren fördert die Stadt das Wohnen im Bahnhofsviertel. Der Wandel zeitigt Konflikte. Der grüne Planungsdezernent Olaf Cunitz setzt auf Dialog.

Olaf Cunitz steht an der Ecke Weserstraße und Kaiserstraße. Natürlich seien das kontroverse Fragen, sagt er, natürlich könne man jetzt auch einfach aufhören. An indischen Gemüsegeschäften ist er gerade vorbeigelaufen, an verschrobenen Bierkneipen, an Hinterhof-Moscheen und Künstlerhäusern, nun steht er an der Ecke, ein Planungsdezernent von den Grünen, er zeigt auf den Neubau, das Prestigeprojekt dieser Tage im Bahnhofsviertel. Luxuriöses Wohnen mitten im Leben, nur die Balkone fehlen noch. Wobei Balkone eine unzureichende Beschreibung ist für das, was da an dieses Haus gebastelt wird. Emporen sind das. Mit Säulen.

„Natürlich ist die Frage, ob man hier Prozesse anheizt, die gar nicht so gut sind, oder ob man noch mehr tun sollte“, sagt Cunitz. Natürlich verändere sich das Viertel. Aber am Ende sei er der Meinung, dass es die Mischung mache. Und zur Mischung gehören eben auch Emporen.

Neuer Adel gegen Suchtkranke

Mehr als 20 Millionen Euro hat die Stadt seit ihrem Beschluss für die „Förderungsrichtlinie Bahnhofsviertel“ im Jahr 2005 in das Quartier investiert, zunächst vor allem mit einem Ziel: Mehr Wohnraum zu schaffen. Das ist in jedem Fall gelungen, um gut 20 Prozent hat die Zahl der Wohnungen zugelegt, von 1800 vorher auf jetzt mehr als 2100. Dafür wurden 116 Wohnungen modernisiert, weitere 202 entstanden erst durch die Umwandlung von Gewerbe- in Wohnraum. Dazu wurde der Schulhof von Karmeliter- und Weißfrauenschule umgestaltet, das Diakoniezentrum an der Weserstraße modernisiert, die Weißfrauenkirche wird gerade freigestellt, die sie umgebende Fläche neu gestaltet. Als nächstes soll die Münchener Straße umgestaltet werden, mit breiteren Gehwegen und schmalerer Fahrbahn.

Und schon ist man natürlich mitten drin in der Debatte, die auch Initiativen von Anwohnern im Bahnhofsviertel umtreibt. Wie viel Gentrifizierung verträgt der kleine Stadtteil? Was, wenn kein Platz bleibt für kleine Läden, die das Quartier ja zu dem machen, was es ist? Wie weiter, wenn die neuen Nobelbewohner alsbald keine Lust mehr haben auf nächtens schreiende Suchtkranke?

Es gibt längst widerstreitende Gruppen im Viertel, von denen die einen am liebsten alle Drogenhilfeeinrichtungen los wären, und die anderen sagen: Nicht in unserem Namen! Lasst das Viertel, wie es ist! Cunitz weiß das natürlich genau. Er setzt auf: Mischung.

Sicher gebe es bald mehr hochwertiges Wohnen, sagt er, gleichzeitig entstehe aber auch Raum für Familien und sozialer Wohnungsbau wie in der Moselstraße. „Ich glaube, dass dem Wandel im Viertel eine natürliche Grenze gesetzt ist. Es gibt hier das Rotlichtviertel und die Drogenhilfe und das wird auch so bleiben. Das gehört zu einer Großstadt dazu, das kann man nicht auslagern wie gefährliche Stoffe in einer Gefahrensammelstelle am Stadtrand.“

Der Dezernent setzt auf Dialog, alle Projekte in der Förderung waren unter breiter Beteiligung umliegender Anwohner geplant und umgesetzt worden. So soll es auch bei der Aufwertung der Niddastraße werden und am Karlsplatz, wo sich Cunitz nun am Dauerthema öffentliche Toiletten endlich versuchen will. „Wir setzen das hier jetzt um, dann sehen wir, wie es funktioniert“, sagt er. Das gilt auch für die Hinterhöfe, deren Begrünung künftig ebenfalls gefördert wird, mit bis zu 150 Euro pro Quadratmeter. In drei Höfen wird das derzeit ausprobiert.

Später steht Cunitz an der Ecke Taunusstraße. Es sei immer viel von der Visitenkarte für die Stadt die Rede, sagt er. Alles in allem glaube er, dass das Bahnhofsviertel „eine ziemlich ehrliche Visitenkarte“ sei. Und auch bleibe.

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