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02. September 2014

Biografiegespräche: Ich erzähle dir mein Leben

 Von Hannah Weiner
Sengül B. (r.) und Gregor Schorberger (mi.) bei den deutsch-türkischen Biographiegesprächen.  Foto: Andreas Arnold

Bei den deutsch-türkischen Biografiegesprächen tauschen sich Frankfurter aus und entdecken, wie unterschiedlich ihre Lebenswelten sind. Um den Austausch weiterzuführen, gibt es einen regelmäßigen Jour Fixe

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Sengül B. und Gregor Schorberger haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Der schwule, katholische Deutsche und die alleinerziehende Türkin kommen aus verschiedenen kulturellen und religiösen Kreisen, ihre Leben verliefen sehr unterschiedlich und wahrscheinlich hätten sie sich nie kennengelernt.

Doch die ersten deutsch-türkischen Biografiegespräche in Frankfurt führten die beiden zusammen. Dort haben B. und Schorberger gemerkt, dass es viel gibt, was sie verbindet. „Wir beide kennen das Gefühl einer Minderheit anzugehören“, erzählt B.

Die Biographiegespräche fanden im Juni dieses Jahres im Franziskanischen Zentrum für Stille und Begegnung in Hofheim statt. Vier Deutsche und vier Türkischstämmige trafen sich für ein Wochenende und erzählten sich ihre Lebensgeschichten.

„Wir wollen dadurch Gemeinsamkeiten zwischen Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen zeigen, unsichtbare Grenzen überwinden und Vorurteile zwischen deutsch- und türkischstämmigen Frankfurtern überwinden“, erklärt Angela Spindler, die das Projekt leitet.

Denn obwohl sie in einem Land aufwüchsen, dieselbe Schule besuchten und im gleichen Supermarkt einkauften, blieben sich Türken und Deutsche oft fremd.

Die Familie von Sengül B. kam Anfang der 70er aus Izmir nach Frankfurt. Bei den Biografiegesprächen erzählte sie, wie schwierig es war, zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen. „Es hat gedauert, bis ich gemerkt habe, dass ich mich nicht zwischen der deutschen und der türkischen Seite entscheiden muss.“ Heute lasse sie einfach von beidem das Negative weg, grinst sie.

Schorberger hat bereits seit den 60er Jahren Kontakt zu Türkischstämmigen. Er habe sogar ein kurdisches Mädchen aus Gaziantep adoptiert, die ihn inzwischen zum dreifachen Opa gemacht habe, erzählt er stolz. Aus seiner Erfahrung heraus weiß der pensionierte Pastoralreferent: „Menschen kommen sich durch Biografiearbeit näher.“

Eine halbe Stunde Zeit, ihr Leben zu erzählen

Die Gespräche folgen einem festen Konzept: Die Frauen und Männer haben jeweils eine halbe Stunde Zeit, ihr Leben zu erzählen. Als Anregung und Orientierung gibt es einen Leitfaden.

Es geht um Prägungen in Kindheit und Familie, um Schule und Beruf, um Erschwernisse bei der Entwicklung, Werte und interkulturelles Zusammenleben. Im Anschluss können die Zuhörer Verständnisfragen stellen.

„Alle begegnen sich auf Augenhöhe“, erklärt Spindler. „Es gibt keine Kritik. Was gelebt wurde, wurde gelebt.“ Eine Schweigepflicht schaffe die nötige Vertrauensbasis. „Ich war überrascht, wie persönlich ich erzählen konnte“, erinnert sich

Schorberger. „Denn als schwuler Mann habe auch ich viel Diskriminierung erlebt.“

So finden sich auf den zweiten Blick viele Parallelen zwischen Türken und Deutschen, Männern und Frauen, Christen und Muslimen. „Es war so, als würden wir uns schon immer kennen“, berichtet B. Besonders beeindruckt habe sie, dass sich auch manche Deutsche in ihrer eigenen Heimat „wie Ausländer“ fühlten, sagt sie und blickt dabei Schorberger an.

Um den Austausch weiterzuführen, gibt es nun regelmäßig einen Jour Fixe, bei dem die Teilnehmer sich treffen. „Auch neue Interessierte sind willkommen“, sagt Spindler an Deutsche und Türken gleichermaßen gerichtet.

Es soll ein deutsch-türkisches Netzwerk entstehen, gestützt auf die Erfahrungen aus den Biografiegesprächen. Sengül B. hat viel für sich mitgenommen: „Was Gregor und die anderen erzählt haben, hat mich noch Tage beschäftigt. Ich fand es mutig, dass er so frei erzählt hat und würde ihm gerne weiter zuhören.“

Schorberger schaut sie gerührt an. „Dankeschön“, erwidert er. Das muss wohl einer der magischen Momente sein, wie sie durch die Biografiegespräche entstehen sollen.

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