Am Anfang war der Karl, und der Karl war groß, und der große Karl war in großer Not. Alldieweil Karl der Große seinerzeit mit kaiserlicher Beharrlichkeit wider die Sachsen focht, die sich partout nicht unterdrücken lassen wollten. Karl setzte sich am Ende durch, wenn auch erst in der Verlängerung, einmal aber lachte auch den Sachsen das Schlachtenglück, und sie drängten den Frankenkaiser und seine Mannen zurück, bis diese mit dem Rücken zum Main standen.
Der Rest ist Geschichte. Auf einmal erscheint eine weiße Hirschkuh mit Kälbchen, zeigte dem Kaiser die flache Furt durch den reißenden Strom, den Sachsen aber nicht. Karl entwich nach Hibbdebach, die Sachsen guckten in die Röhre. „Diese Stelle soll von nun an in Erinnerung daran, was heute hier geschehen ist, den Namen Frankenfurt tragen. Dort drüben aber, dort sollen die Sachsen hausen.“
So war’s. Oder zumindest so ähnlich. Nachzulesen bei Konstantin Kalveram. „Sagenhaftes Frankfurt – Frankfurter Sagen neu erzählt“, heißt der Band, illustriert worden ist er von Greser & Lenz, die an dieser Stelle schon so dermaßen oft verherrlicht worden sind, dass es langsam peinlich wird. Daher zu ihnen nur so viel: Wie immer souverän gelöst, ohne gezwungene „Witzischkeit“, prima. Und nun zurück zu Kalveram.
Konstantin Kalveram, geboren 1973, ist bis dato als Belletrist noch nicht in Erscheinung getreten. Der freie Autor und Texter hat sich bislang als Erfinder des „Apfelwein-Quartetts“ und ähnlichem Frankfurt-Nippes sowie als Schreiber von Ebbelwei-Büchern einen Namen gemacht.
Aber Schoppe-Bibeln gibt’s viele. Die Frankfurter Sagen, die zugegebenermaßen auch nicht immer die Wurst vom Teller ziehen, wurden bislang verlegerisch eher stiefmütterlich behandelt. Wie groß ist da die Freude, dass Kalveram exakt den richtigen Ton trifft: altertümlich, ohne altbacken zu sein, modern, ohne anbiedernd zu wirken.
Mörderbrünnchen und Gickel
Die Geschichten können Erwachsene begeistern. So erfährt man beispielsweise, wie das Mörderbrünnchen, das man heute noch im Stadtwald findet, zu seinem Namen kam, warum an der Alten Brücke ein güldener Gickel steht und was der Deibel damit zu schaffen hat und wer die neun Löcher in die Wetterfahne auf dem Eschenheimer Turm geballert hat. Es taugt aber bereits für Kinder, die sich bei den „Praunheimer Spukgeschichten“ gar fürchterlich gruseln oder sich maßlos darüber ärgern, dass die Kronberger weiland die Frankfurter in der „Kronberger Schlacht“ ordentlich verprügelten (könnte heute nicht mehr passieren).
Man könnte sagen, dass Kalveram mit „Sagenhaftes Frankfurt“ Neuland betritt und die Frankfurter Sagenwelt erstmals zum Lesevergnügen macht. Doch das wäre nicht ganz fair. Schon ein bisschen älter, aber immer noch taufrisch kommt „Sagenhaft unnerwegs – Frankfurter Sagen als Comics erzählt“ von Manuel Tiranno einher. Der gibt der lokalen Mythenwelt schon länger in der FAZ Gesichter, in dem Buch finden sich 27 Beispiele dafür. Das ganze ist eher eine Graphic Novel denn ein Comic im klassischen Sinne. Dafür ist es viel zu textlastig. Doch die Zeichnungen sind von einer Qualität, die absolut nichts Provinzielles an sich hat.
Kein Wunder: Tiranno ist zwar gebürtiger Frankfurter, hat aber Kunstpädagogik unter anderem in Florenz studiert und seine Ausbildung zum Comiczeichner an der Scuola Internazionale di Comics in Rom absolviert. Wo Greser & Lenz mit fränkisch-hessischer Knorzigkeit brillieren, kommt Tiranno mit feiner mediterraner Pinselführung daher.
Beide Bücher machen einfach Spaß. Man hat sie gern im Bücherschrank, man blättert noch lieber drin herum. Und das Allerbeste: die ausgewählten Sagen überschneiden sich kaum. Den „Schatz im Ulrichstein“ etwa kann man nur bei Tiranno heben. Der „Bockreiter von Niederrad“ reitet nur bei Kalveram. Beide Bände zusammen ergeben jedoch einen ziemlich kompletten Frankfurter Legenden-Kanon.
Bleibt nur noch die Frage aller Fragen, die zumindest ein Fünfjähriger nicht ganz ohne Berechtigung stellt, nachdem ihm Etliches vom Vorgelesenen doch ein wenig bizarr vorkam. Dem Kinde kann geholfen werden. Kalveram tut das, indem er seiner Geschichte „Der mächtige Zauberer Doktor Faust“ folgenden Anfang gibt: „Dafür, dass Doktor Johann Faust weder Aufschneider, Prahlhans noch Hochstapler war, sondern tatsächlich der größte und bedeutendste Zaubermeister seiner Zeit, der wirklich mit dem Teufel im Bunde stand, ist diese Geschichte Beweis. Sie hat sich wahrheitsgetreu genau so, wie sie hier niedergeschrieben steht, in Frankfurt zugetragen.“ Noch Fragen?

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