Aktuell: Zuwanderung Rhein-Main | Fotostrecken | Polizeimeldungen
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Frankfurt
Berichte und Bilder von allen wichtigen Ereignissen in Frankfurt

19. Februar 2016

Colonia Dignidad: Frankfurter deckten einst Skandal in Chile auf

 Von 
Emma Watson und Daniel Brühl im gerade angelaufenen Kinofilm.  Foto: Ricardo Vaz Palma/Majestic/dpa

Vor 40 Jahren erfuhr die Frankfurter Amnesty-International-Gruppe, was sich im Folterlager der Sekte Colonia Dignidad in Chile zutrug und machte den Skandal öffentlich.

Drucken per Mail

Ein junger Fotograf, der vom Geheimdienst verschleppt wird. Eine junge Stewardess, die sich freiwillig in die Fänge einer mörderischen Sekte begibt, um ihren Geliebten zu befreien. Der Film „Colonia Dignidad“, der am Donnerstag in den deutschen Kinos startete, erzählt die Geschichte in der Art, wie Hollywood eben Geschichten erzählt: als spannendes Drama, heruntergebrochen aufs persönliche Schicksal. In Frankfurt gibt es Menschen, die die Geschichte ganz anders erzählen können – denn sie waren selbst daran beteiligt. Sie haben den Fall der Colonia Dignidad vor 40 Jahren öffentlich gemacht.

Heddernheim am Mittag. Der Tisch ist gedeckt, es duftet herzhaft, es gibt Reis, Gemüse und Tofu aus großen eisernen Pfannen. Drumherum sitzt der harte Kern der Chile-Koordinationsgruppe von Amnesty International, gegründet im Herbst 1973 nach dem Militärputsch gegen die sozialistische Regierung von Salvador Allende, zusammengetrommelt für eine Stunde der Rückbesinnung. Gastgeber Dieter Maier ist gerade ein gefragter Interviewpartner der Medien. Er hat mehrere Bücher über das Folterlager des Deutschen Paul Schäfer in Chile geschrieben. Das Thema beschäftigt die Menschen auch nach gut vier Jahrzehnten noch.

„Die Gruppe kam damals in der Vogelsbergstraße zusammen“, erinnert sich Angelika Berghofer-Sierra. Ursprünglich beschäftigte sie sich mit Exil-Brasilianern, die Zuflucht in Chile suchten, dann aber änderte sich die Ausrichtung sehr bald, als der chilenische Diktator Augusto Pinochet Jagd auf seine Widersacher machte. „Wir haben alles versucht, um die Leute da rauszukriegen“, sagt Berghofer-Sierra. Unter diesen Leuten war einer, dem sie über den Umweg Argentinien nach Frankfurt half. Er wurde später ihr Ehemann. Die gemeinsame Enkelin wird in diesem Jahr zum ersten Mal nach Chile reisen.

Die Frankfurter haben noch viele Unterlagen von einst, etwa eine gelbe Broschüre mit dem Titel „Colonia Dignidad. Deutsches Mustergut in Chile – ein Folterlager der DINA“. Die DINA war die chilenische Geheimpolizei. Und die gelbe Amnesty-Broschüre vom März 1977 war nicht nur der Auslöser großer diplomatischer Verwerfungen, sondern auch des seinerzeit längsten Gerichtsverfahrens in der Geschichte der Bundesrepublik: Colonia Dignidad gegen Amnesty International – 20 Jahre zog sich das hin. Die Vorladung zum Prozess vom 10. August 1977 hängt heute noch bei den Maiers an der Wand.

Ins Wespennetz gestochen

Im Frühjahr jenes Jahres 1977 hatte die Frankfurter Koordinationsgruppe praktisch zeitgleich mit dem Magazin „Stern“ den Skandal in Chile öffentlich gemacht. Die Fakten kamen aus sicherer Quelle – von Sergio Vesely, einem Gegner Pinochets, der nach Jahren im Gefängnis ausreisen konnte und Asyl in Deutschland erhielt. „1976 muss das gewesen sein“, erinnert sich Dieter Maier. „Sergio erzählte uns von einem Bauernhof, auf dem gefoltert wird, und nannte auch zwei Zeugen.“ Amnesty lud beide Zeugen ein, um sie zu befragen, und zwar getrennt voneinander. Die Wahrheit war von größter Bedeutung. Eine dritte Zeugin, Adriana Borquez, sagte später im Prozess aus und wird nun, 40 Jahre später, diese Woche in Berlin erwartet. „Der Kontakt mit vielen Leuten hat bis heute gehalten“, sagt Maier. Es gibt ständigen E-Mailverkehr über den Ozean und regelmäßige Treffen.

1977 kam sechs Wochen nach Veröffentlichung der gelben Frankfurter Broschüre die Strafanzeige aus Chile, bald darauf begann der Verleumdungsprozess der Menschenquälerorganisation gegen die Menschenrechtsorganisation. „Wir hatten in ein Wespennest gestochen, ins Zentrum der Macht“, resümiert die einstige Koordinationsgruppe heute nicht ohne einen gewissen Stolz – und nicht ohne Respekt vor den Folgen: „Angst durfte man keine haben bei dem Job.“ Es sollte ein langer Weg werden.

Kämpferisch einst und heute: Mitglieder der Chile-Koordinationsgruppe von Amnesty International, von links Angelika Berghofer-Sierra, Peggy Janda-Maier, Dorothea Gräbner, Dieter Maier.  Foto: Thomas Stillbauer

Noch heute muss man den Kopf darüber schütteln, wie die deutschen Behörden mit dem Fall der Colonia umging. Der Gründer Paul Schäfer, hierzulande wegen Kindesmissbrauchs gesucht, war Anfang der 60er Jahre vor der deutschen Staatsanwaltschaft nach Chile geflohen und hatte eine Sektensiedlung gegründet. Menschen wurden dort systematisch abhängig gemacht und gefoltert. Später stellte Schäfer das Gelände der chilenischen Junta als Foltergefängnis zur Verfügung. Doch der deutsche Botschafter und das Auswärtige Amt deckten, vertuschten, verharmlosten über Jahre hinweg, was dort vor sich ging.

Zwielichtiger deutscher Botschafter

„1966 wussten sie, was los war“, sagt Maier. Zehn Jahre, ehe alles ans Licht kam. „Die Rolle der deutschen Botschaft ist ein Skandal“, sagt Angelika Berghofer-Sierra, die in den 70er Jahren für Amnesty nach Santiago reiste. „Vor dem Eingang stand chilenisches Militär. Bewaffnet.“ Der Grund liegt auf der Hand: Regimekritische Menschen versuchten, Pinochets Häschern zu entkommen.

Auch Opfer der Colonia Dignidad steuerten immer wieder die deutsche Vertretung in der chilenischen Hauptstadt an, von etwa 30 Fällen ist die Rede. Meist ließen sie sich jedoch freiwillig wieder in Schäfers Sekte zurückbringen. „Da gab es eine psychische Abhängigkeit“, sagt Maier, eine totale Unselbstständigkeit nach all den Jahren der Gehirnwäsche. „Die Botschaft hätte sich viel intensiver um die Leute kümmern müssen. Aber die waren fahrlässig bis zum Gehtnichtmehr.“ Beziehungsweise: Die diplomatischen Beziehungen waren offenbar wichtiger. „Ein grundsätzliches Einverständnis mit den südamerikanischen Unterdrückungsregimes“ hat Angelika Berghofer-Sierra aus jener Zeit im Gedächtnis, „ein Versagen der Behörden“ bis hinauf zu Außenminister Hans-Dietrich Genscher, beklagt Dieter Maier noch heute. Selbst der Prozess hatte keinen Einfluss auf die Zustände in der Colonia Dignidad – „das war das Fatale“. Die Presse wurde mit dem Hinweis auf das „schwebende Verfahren“ von Informationen abgeschnitten. Es schwebte bis in den Herbst 1997.

Ironischerweise war ja Amnesty International in dem Prozess die Beklagte, die Colonia war die Klägerin. Ein Umstand, der selbst den zwielichtigen deutschen Botschafter Erich Strätling vor logische Probleme stellte: Der Mann zitierte das Gerichtsmotto „Im Zweifel für den Angeklagten“ – meinte damit aber Schäfers Sekte. Strätling ließ keine Gelegenheit aus, die Vorwürfe gegen die Colonia Dignidad als Gerüchte und als pauschale Diffamierung einer Gemeinschaft deutscher Staatsangehöriger abzuqualifizieren. Bis es beim besten Willen nicht mehr ging, weil die Welt inzwischen Bescheid wusste.

Diktatorenduett: Augusto Pinochet (Chile, rechts) und Alfredo Stroessner (Paraguay), Santiago 1974.  Foto: rtr

Derweil arbeitete die Frankfurter Amnesty-Gruppe bis zum Umfallen, zwölf Stunden am Tag und mehr. „Die Sekte war uns eigentlich gar nicht so wichtig, uns ging es um die gesamte Situation in Chile“, sagt Maier, der damals zweieinhalb Jahre lang auch hauptberuflich für die Menschenrechtsorganisation arbeitete. „Und die anderen nebenberuflich-hauptberuflich“, sagt Berghofer-Sierra. Man darf sich die Arbeit einer außerparlamentarischen politischen Gruppe in den 70er Jahren nicht vorstellen, wie ein lockeres wöchentliches Zwei-Stunden-Beisammensein mit Diskussion. Das gute Dutzend Aktivisten kümmerte sich um Hunderte Fälle von Folter, Verfolgung, Flucht und Exil. Die Sache war ernst und nicht ungefährlich.

„Es gab Versuche, uns Angst zu machen“, sagt Dorothea Gräbner, die als Schülerin zur Gruppe stieß. Ein Spion der DINA war in Frankfurt unterwegs. Er flog zwar schnell auf und ließ sich von Amnesty an der Nase herumführen. Maier: „Der war zu doof, den kannten wir.“ Doch es war kein Geheimnis, dass chilenische Agenten damals auch im Ausland Auftragsmorde begingen. „Mir war das nicht geheuer – mit drei kleinen Kindern“, sagt Peggy Janda-Maier. Ihr Mann veröffentlichte seine ersten Bücher über die Colonia deshalb unter dem Pseudonym Friedrich Paul Heller. „Es war einfach zu ungemütlich.“ Einer Radiojournalistin rutschte im Live-Interview dennoch der echte Name heraus. „Da war ich überhaupt nicht glücklich“, sagt Janda-Maier.

Die Arbeit in der Frankfurter Gruppe war aber nicht nur hart. „Es hat auch Spaß gemacht“, sagen die vier am Heddernheimer Esstisch. Es war eine Zeit des Aufbruchs, in der junge Leute über ein gemeinsames politisches Interesse zueinanderfanden, sich weiterentwickelten, viel lernten – und noch auf eine breite Basis von Verbündeten zählen konnten. „Es wurde ein Lehrer verhaftet? Dann haben wir die befreundeten Lehrer angerufen.“ Die SPD, Kirchengruppen, Gewerkschaften standen hinter der Amnesty-Zelle. Und Parallelen zu heute drängen sich auf: „Die Leute, die bei uns Asyl suchten, wollten nicht raus aus Chile – sie haben gelitten dort, deshalb kamen sie hierher.“

Noch in den 90er Jahren war das Haus der Maiers eine Art Hauptquartier. Einmal vernahm dort sogar die chilenische Kriminalpolizei einen Zeugen. „Hier an diesem Tisch“, sagt Dieter Maier. Das wussten die Amnesty-Kolleginnen noch gar nicht. Alle gucken andächtig auf die Tischplatte – sie sieht auf einmal ganz anders aus. „An dem Tag durfte ich nicht in mein eigenes Wohnzimmer hinein.“

Heute hat der 69-Jährige viele Anfragen zum Thema Colonia. Und sein jüngstes Buch dazu hat er unter seinem richtigen Namen geschrieben. Es fasst das Wissenswerte und das Neue über die chilenische Unrechtssekte zusammen. Maiers (Hellers) Buch „Colonia Dignidad – Von der Psychosekte zum Folterlager“ aus dem Jahr 1993 ist vergriffen. Dagegen gibt es die Siedlung noch heute – sie heißt jetzt Villa Baviera.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten und Reportagen aus dem Herzen des Rhein-Main-Gebiets - alles über Frankfurt und seine Stadtteile.

Twitter
Südliche Stadtteile
Östliche Stadtteile
Nördliche Stadtteile
Westliche Stadtteile
Bahn-Verkehr

Die Lage im Bahnverkehr live:

- Frankfurt a.M. (Hbf) aktuelle Abfahrt und Ankunft,
- An- und Abfahrt für alle Stationen,
- Reiseverbindungen als Live-Auskunft (Prognosen).

Anzeige

Premium-Fotostrecke
Frankfurt von oben

Mit dem Hubschrauber unterwegs über der Mainmetropole: Fliegen Sie mit!
Zur Premium-Fotostrecke Frankfurt von oben.

Eintracht: Berichte | Spielplan | Team | FR-Videos

ANZEIGE
- Partner