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20. Juli 2012

CSD Frankfurt 2012: "Unsere Schulen sind homophob"

Sieh mich ganz, nicht nur als homo-, trans-, bi-sexuell: eine Fotoaktion von Jugendlichen des Kuss41, die auch bei der CSD-Parade mitlaufen.  Foto: Michael Schick

Die Angst junger Lesben und Schwuler vor dem Coming-out ist immer noch groß. Im FR-Interview spricht Judith Eisert über jugendliche Schmuddelfantasien und darüber, warum "Schwuchtel" ein fatales Modewort ist.

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Jugendzentrum Kuss41

Judith Eisert (38) ist Sozialpädagogin und leitet zusammen mit Oliver König das „Kuss41“, das hessenweit einzige Jugendzentrum für homo-, trans-, hetero- und bisexuelle junge Leute zwischen 14 und 27 Jahren. Der Name Kuss41 steht für die Anschrift des Zentrums: Kurt-Schumacher-Straße 41 in der Frankfurter Innenstadt. Als Maskottchen dient ein Frosch - Anspielung auf das Märchen vom Froschkönig.

Das Kuss41 bietet Beratung, Mädchen- und Jungstage, Elterntreff, Café, Theater- und Filmprojekte und anderes. An die 200 Besucher kommen im Monat, davon 60 Prozent aus dem Umland.

Weil lesbische und schwule Jugendliche den Schritt in den Treff oft nicht wagen und ängstlich vor dem Fenster auf- und abgehen, bietet Kuss41 einen Abholservice an. Man kann sich an einem neutralen Ort mit einem Mitarbeiter verabreden und sich informieren.

Infos: www.kuss41.de, Kontakt: 069/29723656, 29723657 oder judith.eisert@kuss41.de und oliver.koenig@kuss41.de.

Frau Eisert, „schwul“ und „Schwuchtel“ sind sehr angesagte Schimpfwörter, man hört sie schon auf Grundschulhöfen. Im Jugendzentrum „Kuss41“ treffen sich junge Leute, die schwul, lesbisch oder transsexuell sind. Was machen solche Wörter mit denen?

Es ist fatal, dass die Wörter so in Mode gekommen sind. Man hört ja auch Sätze wie „Deine Schuhe sehen so schwul aus“, das ist omnipräsent, das wird nicht nur auf Menschen angewandt. Einem Jugendlichen, der sowieso gerade massiv verunsichert ist über seine sexuelle Orientierung, reißt so ein Schimpfwort den Boden unter den Füßen weg. Das treibt ihn noch mehr die Isolation und Einsamkeit, in der sich die allermeisten ohnehin befinden.

Wie kann Ihr Jugendzentrum da helfen?

Die Hemmschwelle, zu uns zu kommen, ist sehr, sehr hoch, meist sind die Jugendlichen schon 17 oder 18 und haben schwierige Jahre hinter sich. Aber wenn sie sich trauen, finden sie hier einen Schon- und Schutzraum. Da können sie offen sein, sich klar werden, wo sie stehen, Kontakte knüpfen, einen Freundeskreis aufbauen. Sie lernen sehr schnell: Wir können stolz sein auf unsere Vielfalt, wir brauchen uns nicht zu verstecken. Bei vielen unserer Jugendlichen wissen ja nicht mal die Eltern, dass sie schwul oder lesbisch sind.

Sie machen außerdem ein Schul-Aufklärungsprojekt namens „Schlau“, das Sie beim CSD vorstellen. Warum ist Ihnen die Arbeit mit Schulen so wichtig?

Schule ist der homophobste Ort, den man als Jugendliche oder Jugendlicher antreffen kann. Für junge Menschen, die als schwul, lesbisch oder transsexuell geoutet sind, ist Schule schlicht ein Horror, deshalb outen sich die meisten auch gar nicht in der Schulzeit, sie verstecken das.

Woran liegt das?

Leider tun Lehrer noch zu wenig, um ein Klima zu schaffen, das gegenüber Trans- und Homosexuellen offen ist. Wir wissen zum Beispiel aus Studien, dass Lehrkräfte in nur 50 Prozent der Fälle eingreifen, wenn das Schimpfwort „schwul“ oder „Schwuchtel“ fällt, das muss sich ändern. Es gibt eine Art heimlichen Lehrplan Heterosexualität: Sexualkundeunterricht thematisiert nur Fortpflanzung und Heterosexualität, von Mädchen wird unausgesprochen erwartet, dass sie einen Freund haben, bei Jungs eine Freundin. Das heißt nicht, dass die Lehrer homophob (ablehnend gegenüber Homosexualität, Anm.d.Red.) sind; aber sie denken die Vielfalt sexueller Orientierungen eben nicht mit.

Wird noch zu viel tabuisiert?

Ja, natürlich. Es gibt genauso viele Linkshänder wie Homo- oder Transsexuelle, nämlich fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung, aber nur über Linkshänder wird offen geredet. Das Thema muss schon in die Kindergärten und in die Studiengänge für Lehrer und Erzieher rein. Wir vom Kuss41 machen dieses Jahr erstmals zwei Lehrerfortbildungen.

Wie funktioniert „Schlau“?

Wir wollen Schülern nicht einfach nur vermitteln, was Lesbisch- oder Schwulsein heißt. Es geht darum, Geschlechterbilder allgemein bewusst zu machen. Vieles, was man erst mal als Ablehnung von Homosexualität wahrnimmt, ist ja in Wirklichkeit sexistisch. Ich mache in Schulklassen zum Beispiel die Erfahrung, dass weiblich wirkende Lesben und maskulin auftretende Schwule sehr wohl akzeptiert werden, aber wer sichtbar „anders“ ist, der eckt an. Das wollen wir aufbrechen.

Stelle ich mir schwierig vor.

Stimmt, das sieht man schon wenn die Schulklassen hier reinkommen: Viele behalten die Jacken an, setzen sich mit verschränkten Armen hin, verstecken sich hinter ihren Taschen. Die haben auch Schmuddelfantasien, dass das hier ein Pornokino sei oder überall Dildos rumhängen. Die Gruppen werden dann von jungen Ehrenamtlichen betreut, die selbst homo- oder transsexuell sind und viel von sich selbst erzählen. Das kann das Eis schon brechen. Gewonnen haben wir, wenn die Schüler anfangen, Fragen zu stellen, und wenn sie merken: Lebensthemen wie „Verliebtsein“ oder „Verlassenwerden“ betreffen alle gleich, egal ob hetero oder nicht.

Verändern Sie so Einstellungen?

Jedenfalls den Umgang Jugendlicher mit dem Thema, das bestätigen uns auch Lehrer. Neulich hat ein Schüler, als er ging, zu einem unserer Jugendlichen gesagt: Schwule find’ ich zwar weiter komisch, aber du, Martin, du bist super.

Und was macht das Kuss41 am Christopher Street Day?

Wir sind an den drei Tagen voll in Aktion, damit wir noch bekannter werden: Unser Jugendzentrum steht jungen Leuten offen als Chillout-Lounge, tagsüber verteilen wir Gutscheine dafür. Bei der Parade sind unsere Jugendlichen unter dem Motto „Sieh mich“ als Fußgruppe dabei. Und wir haben einen großen Infostand auf der Großen Friedberger Straße. Da machen auch Eltern aus unserem Elterncafé mit. Wer Gesprächsbedarf hat, weil er sich Sorgen um den Sohn oder die Tochter macht, findet da Ansprechpartner.

Das Interview führte Ursula Rüssmann

Programminfos: www.csd-frankfurt.de

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