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19. August 2011

Darmkrebs-Operation: Acht Stunden im Bauch

 Von Friederike Tinnappel
Stundenlang stehen die Ärzte an diesem Tag im OP, um alle sichtbaren Metastasen im Bauchraum zu entfernen.  Foto: Jan-Christoph Hartung

Es ist eine gewaltige Operation: Im städtischen Krankenhaus Höchst entfernen Ärzte einen faustgroßen Darmtumor und Dutzende Metastasen aus Massimo Cabbois Körper. Unsere Autorin war dabei.

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Es ist eine gewaltige Operation: Im städtischen Krankenhaus Höchst entfernen Ärzte einen faustgroßen Darmtumor und Dutzende Metastasen aus Massimo Cabbois Körper. Unsere Autorin war dabei.

Seit Stunden schläft Massimo Cabboi im städtischen Krankenhaus in Höchst tief und fest. Matthias Eibenstein, der Anästhesist, wird dafür sorgen, dass er auch in den nächsten Stunden nichts davon mitbekommt, was in seinem Bauch passiert. Dort holt Professor Matthias Schwarzbach mit Pinzette und Schere eine Metastase nach der anderen heraus und legt sie auf einer quadratischen Mullbinde ab.

Es ist eine der aufwendigsten und größten Operationen, die man sich vorstellen kann, sagt Schwarzbach: „Der ganze Mensch ist fast offen.“ Es ist kein Loch im Bauch, das Cabboi hat, der Bauch selbst ist das Loch. Leber, Niere, Bauchspeicheldrüse liegen hier beieinander – es ist der Blick ins Innerste eines Menschen.

Auf einem grünen Tuch in der Ecke liegt der komplett entfernte Dickdarm des Mannes und der mehr als faustgroße Tumor.

Der Kopf des Patienten liegt wie losgelöst von all diesem Geschehen hinter einer Wand aus grünem Tuch. Seine Augen sind geschlossen, das Gesicht entspannt, obwohl Nase und Mund kommunizierende Röhren sind: Durch die Nase wurden eine Magen- und eine Temperatursonde eingeführt. Denn die richtige Körpertemperatur ist ganz wichtig bei einem derart gewaltigen Eingriff.

Durch die große Wundfläche droht der Patient auszukühlen. Dann gerinnt das Blut nicht mehr, erklärt Schwarzbach. Den Patienten warm zu halten, ist eine der Aufgaben des Anästhesisten, der auch die künstliche Beatmung durch den Mund überwacht. „36 Grad sind optimal“, sagt Eibenstein. Massimo Cabboi hat so viel Narkosemittel erhalten, dass seine Muskeln jetzt schlaff und zu schwach zum Atmen sind.

Acht Stunden wird die Operation dauern, mindestens. Der Patient liegt auf einer Gelmatte, damit sich der Druck verteilt. Das Team um Professor Schwarzbach arbeitet ohne Unterbrechung. Dazu gehören eine Oberärztin, ein Assistenzarzt, die OP-Schwester und „der Springer“, der die Utensilien zum OP-Tisch bringt, die benötigt werden.

Die Einheitskleidung ist grün: Hose, Kittel, Kopf- und Mundschutz, die Kommunikation läuft viel über Blickkontakte. Immer wieder kommen andere Ärzte vorbei, entweder weil sie der Eingriff interessiert, oder weil ihr Fachwissen benötigt wird. Als feststand, dass der Tumor von hinten an die Harnblase angewachsen war, löste der Chef der Urologie, Professor Walter Ohlig, Professor Schwarzbach vorübergehend am OP-Tisch ab. „Blase und Harnleiter bleiben erhalten“, sagt Ohlig, während Schwarzbach wieder in der Bauchhöhle arbeitet und eine Metastase nach der anderen entfernt.

Wie kleine weiße Kalkspritzer haben sie sich ausgebreitet. Auch die kleinste der Metastasen besteht aus Millionen von Tumorzellen. Zwei Meter Dünndarm wird Schwarzbach dem Patienten lassen. Das muss für die Verdauung reichen. Einen künstlichen Darmausgang hatte der Patient ohnehin schon.

In Mainz gaben die Ärzte Cabboi schon auf

Schwarzbach spricht von einem besonders tragischen Fall. Der Mainzer italienischer Abstammung ist erst 32 Jahre alt. Offenbar ist der 32-Jährige erblich vorbelastet. Ein Großvater hatte ebenfalls Darmkrebs. Der Tumor, der sich in den Eingeweiden von Cabboi ausgebreitet hat, ist besonders aggressiv. Eine Darmspiegelung im Jahr 2009 blieb noch ohne Befund. Als eineinhalb Jahre später der Tumor entdeckt wurde, hatte er bereits gestreut und auch das Bauchfell befallen. Das, so Schwarzbach, war früher ein Todesurteil.

In Mainz, wo es den Versuch einer Operation gab, haben die Ärzte den Bauch gleich wieder geschlossen und dem 32-Jährigen empfohlen, in die Klinik nach Höchst zu gehen. Denn dort wendet Schwarzbach eine Methode an, die das Leben auch von Patienten mit einem befallenen Bauchfell verlängern kann, die sonst nach einigen Monaten sterben würden.

Wenn alle sichtbaren Metastasen und das gesamte Bauchfell entfernt sind, wird die Bauchdecke schließlich geschlossen. Bio-Ingenieur Jörg Bechtold ist schon dabei, die Herz-Lungen-Maschine vorzubereiten. Die Maschine wird eine Flüssigkeit direkt in den Bauch pumpen. 90 Minuten lang werden drei bis fünf Liter in Umlauf gebracht. Sie enthalten die Substanz „Mitomycin C“, die den unsichtbaren Metastasen den Garaus machen soll.

Die Dosis von Mitomycin C wird nach der Körperfläche berechnet, erklärt Assistenzarzt Fabian Bormann. Der Patient ist 1,72 Meter groß und bekommt 35 Milliliter von der Substanz. Die gesamte Flüssigkeit wird dann auf 42 Grad erhitzt. Tumorzellen reagieren weitaus empfindlicher auf Wärme als gesunde Zellen. Der Fachbegriff für dieses Verfahren lautet Hypertherme Intraperitoneale Chemoperfusion, kurz „Hipec“ genannt. Im Anschluss an die Operation bekommt Cabbio noch ungefähr ein halbes Jahr lang die übliche Chemotherapie durch die Vene.

Lebenszeit verlängern

Vor wenigen Monaten hat Professor Schwarzbach Hipec in Höchst zum ersten Mal eingesetzt. Inzwischen wurden fünf Patienten mit Bauchfell-Metastasen erfolgreich operiert und mit Hipec behandelt und alle konnten das Krankenhaus verlassen. Schwarzbach bedauert, das in Frankfurt bisher nur das städtische Krankenhaus dieses Verfahren anbietet, und spricht von „Unterversorgung“.

Von „Heilung“ möchte der Professor bei diesen Patienten nicht sprechen. „Wir möchten die Lebenszeit verlängern und Lebensqualität schenken.“

„Man fragt sich, wie können diese Menschen leben. Aber das funktioniert erstaunlich gut“, sagt die Assistenzärztin Ann-Kathrin Nielsen. Die Narbe wird vom Brustbein bis zum Schambein reichen. Die eigentliche Wunde aber sei der Bauchraum, aus dem „so viel“ entfernt wurde.

Als die Herz-Lungen-Maschine abgestellt wird und die Schläuche entfernt werden, schläft Massimo Cabboi noch immer tief und fest. Was mag wohl sein erster Gedanke nach dem Aufwachen sein? Wenn der Kopf den Bauch wieder fühlt, wenn Kopf und Bauch wieder zusammengehören.

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