Die „Bibel der Stadt Frankfurt“ nennt Karlheinz Voß, im Hauptamt Chef des Protokolls, das Goldene Buch und betont damit die Sorgfalt, mit der es geführt und verwahrt wird. Sakral, groß wie ein Backblech, „im Stil eines Evangeliars“, ist es auch ausgestattet mit einem fingerdicken Einband, bezogen mit Leder und Blattgold.
Eine Intarsie aus Elfenbein prangt auf dem Buchdeckel. Zu sehen sind darauf die Wappen der Adelshäuser, die seit Karl dem Großen im Reich eine königliche oder gar kaiserliche Rolle spielten und somit auch die Geschicke der „freien Reichsstadt“ mitprägten. Der preußische Adler für die Jahre, als das Königreich Preußen Frankfurt einverleibt hatte, und der Adler der Stadt ergänzen die Symbole einer kontinuierlichen und gleichzeitig wechselvollen Stadtgeschichte.
Und die Einträge? Auch hier gilt: Erlesener, ranghöher geht es nicht. Wilhelm II., Deutscher Kaiser und König von Preußen, höchstselbst gab sich 1904 die Ehre, den ersten Band des Goldenen Buchs mit seiner Unterschrift zu adeln. Diese und alle nachfolgenden Signaturen lagern heute bestens gehütet im Institut für Stadtgeschichte, wie beispielsweise auch die des US- Präsidenten J. F. Kennedy, eingetragen 1963 kurz vor seiner Ermordung am 22. November. In Gebrauch ist seit 1968 Band 2 der Sammlung von Einträgen hochrangiger Würden- und Preisträger aus aller Welt. Etwa die Hälfte der Seiten des etwa faustdicken Buchs ist auch nach mehr als vier Jahrzehnten noch leer, was die Erlesenheit der Auswahl unterstreicht.
„Außenminister oder Vizepremier“ sollte man schon sein, sagt Voß, wenn man sich als Politiker im Goldenen Buch verewigen will. „Irgendein Minister“ sei „nicht karätig genug“, ansonsten sollte mindestens ein Bezug zur Stadtgeschichte bestehen, besser noch zur deutschen Geschichte – am liebsten allerdings zur Weltgeschichte, erläutert Voß, der die protokollarischen Prinzipien seit Oktober 1978 überwacht, seit 2011 als Protokollchef. An seinen „Jungferneintrag“ erinnert er sich genau: Prinz Philip, Gemahl der britischen Königin, machte im März 1979 seine Aufwartung.
Geschichte von europäischer oder gar weltweiter Tragweite verbirgt sich hinter so mancher Signatur, bei der Voß vorsichtig blätternd verweilt. Bei den ersten deutsch-französischen Konsultationen im Oktober 1986 unter Leitung von Helmut Kohl und François Mitterrand verbrachte Voß „eine Woche mit dem Kopfkissen am Schreibtisch“, so aufreibend waren die protokollarischen Anforderungen für die hundertköpfigen Delegationen. Der sichtbare Lohn sind zwei Seiten mit den Unterschriften fast aller Kabinettsmitglieder beider Länder. Vergleichbare protokollarische Spuren hinterließen die deutsch-britischen Konsultationen drei Jahre später mit Kohl und Margaret Thatcher an der Spitze.
An ein Ereignis von bewegender Tiefe erinnert sich Voß: Als Jassir Arafat am 16. September 1996 seinen Namen ins Goldene Buch schrieb und „mit besten Grüßen ... vom palästinensischen Volk“ hinzufügte. Im Kaisersaal, wo die Eintragungen meist stattfinden, gehörte auch Ignatz Bubis zu den eingeladenen Gästen. Beide Männer umarmten sich als Zeichen der Versöhnung.

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