kalaydo.de Anzeigen

Das Leben im Occupy-Camp: Schlaflos in Frankfurt

Durch die Nacht mit Occupy: Im Protestcamp am Willy-Brandt-Platz enden die Debatten nicht mit der Dunkelheit, sie gehen erst richtig los. Der gemeinsame Nenner allerdings ist noch weit.

Ein bisschen Wärme spenden zumindest die Feuertonnen.
Ein bisschen Wärme spenden zumindest die Feuertonnen.
Foto: Andreas Arnold

Es dauert eine ganze Weile, bis sich in der Nacht zum Mittwoch unter den Campern an der Europäischen Zentralbank herumspricht, dass das Weltwirtschaftsgeschehen schon ganz bald keine so ferne Angelegenheit mehr sein wird wie gedacht. Es fahren schon längst keine Straßenbahnen mehr über den Willy-Brandt-Platz, der Wind hat die halbe Nacht seitliche Regenböen durch die Gallusanlage getrieben, um halb drei zieht Dominik die Decke enger um seinen Körper.

Der 24-Jährige sitzt auf einer Bank am Feuer und spricht über Investmentbanking und Derivate. An Schlaf denkt er nicht. Es gibt einfach Wichtigeres. Dass es eine Weile dauert, bis sich auch zu ihm herumspricht, dass schon am nächsten Tag die Bundeskanzlerin in der Stadt sein wird und mit ihr EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, um in der Alten Oper den Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, nach acht Jahren im Amt feierlich zu verabschieden – es liegt nicht an Kommunikationsproblemen. Sie haben im „Occupy“-Camp ganz einfach so viel andere Dinge zu tun. Wichtigere.

Im großen Pavillon auf der Wiese drängen sich auch mitten in der Nacht noch die Aktivisten; es ist auch drinnen kalt, das Licht provisorisch. Es geht um grundlegende Fragen, darum, erste konkrete Ziele einer Bewegung zu formulieren, die sich bislang ja erst einmal nur zusammengefunden hat, um auszudrücken, dass sie die Entwicklung der Finanzwirtschaft, der demokratischen Partizipation, des Bildungssystems, der Gesundheitsversorgung und vieler andere Dinge so nicht mehr hinnehmen will. Als ob das nicht schon eine ganze Menge wäre.

"Wir müssen das als riesengroße Marketingkampagne verstehen"

Occupy: Das Leben im Protestcamp vor der EZB

Bildergalerie ( 30 Bilder )

Die Aktivisten wollen mehr, und sie wollen es schnell; der wiederholte Aufruf, sich eine Suppe zu holen, wird ignoriert. Es geht darum, den Umgang mit den Medien und die Struktur im Camp zu verbessern, Arbeitsgruppen zu gründen und Workshops. Die Ansprüche an die eigene Bewegung sind ebenso groß wie die Sorge, nicht mehr ernst genommen zu werden, wenn nicht ganz bald erste Forderungen auf dem Tisch liegen. „Die Aufmerksamkeit ist jetzt groß“, sagt einer, der sich als Thomas vorstellt, „Wir müssen das als riesengroße Marketingkampagne verstehen. Endlich können wir jetzt mal Werbung für unsere Sache machen.“

Im ganzen Pavillon schütteln daraufhin etwa 30 Menschen ihre Hände in der Luft, das ist inzwischen der globale Code für Zustimmung in der Occupy-Bewegung; man macht das in Madrid so, in New York, in London oder Helsinki. Damit nicht jedes Mal etwas gesagt werden muss, es wird ja schon genug gesagt. Wer gegen etwas ist in der Versammlung, die ebenfalls weltweit „Assamblea“ heißt, kreuzt die Arme. Wenn das Küchenzelt brennt, formt man ein „T“: technical point. Aber das Küchenzelt brennt nicht.

Wichtig ist, dass an bestimmten Stellen alle die Hände über dem Kopf schütteln, erst dann gilt bei Occupy ein Vorschlag als beschlossen. Der Konsens ist wichtig, das führt zu langen Debatten, sehr langen Debatten, es gibt Rednerlisten und immer wieder Ermahnungen. „Es ist anstrengend“, sagt Anousha, „aber keiner hat gesagt, dass es das nicht sein sollte. Wir müssen uns die Zeit nehmen.“ Schließlich könne keiner verlangen, dass eine Bewegung, die gerade erst begonnen habe, sofort fertige Rezepte liefere.

Irgendwann spricht es sich in der Nacht dann aber doch herum, dass Angela Merkel kommt. „Wir sollten sie einladen“, schlägt Ali vor. „Oder wir gehen einfach hin.“ Großes Händeschütteln.
Der nächste Morgen beginnt dann aber erst einmal mit Peter Feldmann. Feldmann ist von Haus aus Genossenschaftsbanker, vor allem aber ist er einer von zwei SPD-Kandidaten für den Posten des Frankfurter Oberbürgermeisters. Und er ist überhaupt der erste Politiker, der sich im Protestcamp blicken lässt. „Eine angenehme Begleiterscheinung“, sagt er, „aber darum geht es nicht.“

OB-Kandidat bietet Hilfe an

Feldmann greift sich am späten Mittwochvormittag das Mikrofon im Zelt und bietet seine Unterstützung an – ganz gleich, ob es um Räume geht oder um Diskussionsrunden mit Mitgliedern des städtischen Finanzausschusses. „Frankfurt ist die Finanzhauptstadt, wir leben von und mit den Banken“, sagt Feldmann. „Aber natürlich gibt es ein großes Interesse in der Stadt, über eine Finanzwirtschaft zu debattieren, die sich verselbstständigt hat. Und wir müssen diese Debatte verstetigen, sie darf nicht abhängig sein von der Witterung.“

Am Vormittag zeigt sich auch, dass die Debatten der Nacht erste Wirkung zeigen. Im Zelt hängen große Pläne, es gibt erste Ansprechpartner, klarere Aufgabenverteilungen. Viele Aktivisten tragen Klebestreifen an den Jackenärmeln, die auf ihre Aufgaben verweisen. Manche gehen dann auch einfach doch mal kurz schlafen.

Im Medienzelt hinter dem Küchen-Pavillon sitzt Steffi. Sie hat sich aus dem Trubel zurückgezogen und ist vertieft in Aldous Huxleys „Brave new world“. Nebenbei nimmt sie eine Buchspende entgegen, auch „Die Entmachtung der Hochfinanz“ ist dabei.

Und dann gleich wieder eine Debatte: Der Überbringer, auch ein Aktivist, pocht darauf, die etwa 50 Bücher erst einmal inhaltlich zu prüfen, ehe sie wieder herausgegeben werden. Aber wer soll prüfen? Occupy hat keine Struktur, keine Hierarchie, noch kein gemeinsames Ziel. Und auch Steffi glaubt, dass es noch Zeit brauche, dass sich die Bewegung erst noch finden müsse. Deshalb sei sie ja hier. Deshalb sind sie alle hier, auch in der nächsten Nacht wieder, bei Regen, Kälte, wenn längst keine Bahn mehr fährt am Willy-Brandt-Platz. Es gibt wichtigere Dinge als Schlaf und eine heiße Suppe.

Autor:  Felix Helbig und Verena Hölzl
Datum:  19 | 10 | 2011
Kommentare:  1
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Regionale Startseite

Anzeige


Spezial: Frankfurt Flughafen

Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.


Spezial: Der Flughafen wächst weiter
        

Für diejenigen Menschen, die unter dem Fluglärm leiden, ist Frankfurt bei weitem nicht „grün“ genug.
Fluglärm in Frankfurt 
        

Wohnen in der Region: Lärm, aber noch kein Schallschutz.
Schleppende Antragsbearbeitung 
        

Nach Sonnenuntergang sollen auch die Flieger unten bleiben.
Nachtflugverbot 
Wegen der
Fluglärm Rhein-Main-Gebiet 

Anzeige

 

OB-Stichwahl in Frankfurt
Wahlergebnis Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Frankfurter Kandidaten
Rhein versus Feldmann: Wer fordert was?

In Frankfurt macht der eine auf Papa, die andere würde gerne die neue Landebahn bepflanzen. Und wer ist nochmal dieser Herbert? Checken Sie Ihr Wissen über die OB-Kandidaten.

OB-Wahl in Frankfurt
So freuen sich Oberbürgermeister: Petra Roth (CDU) und Peter Feldmann (SPD), letzterer mit der Hand in der Hosentasche, ein Fauxpas.
Machtkampf nach OB-Wahl in Frankfurt 
        

Zählt die Tage bis zum Amtsantritt: Peter Feldmann.
Neuer Oberbürgermeister Frankfurt 
Der neue Oberbürgermeister Peter Feldmann bringt ein neues Team mit.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
Prinz Asfa-Wossen Asserate.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
So freuen sich Oberbürgermeister: Petra Roth (CDU) und Peter Feldmann (SPD), letzterer mit der Hand in der Hosentasche, ein Fauxpas.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 

Anzeige

 
Social Media
Unser Twitter-Ticker für Frankfurt und Rhein-Main.

 

Facebook | Twitter überregional | Google+
Was bedeutet das hier? FR@Social Media!
Glosse
        

Da steht sie auf ihrem Brunnen in der Klappergasse.

Jeden Tag gibt's nun eine kurze Glosse zu unglaublichen Geschichten aus dem Frankfurter Alltag zu lesen.

Instrument lernen in Frankfurt
Trompete steht bei kindern hoch im Kurs.

Musik ist etwas Wunderbares - besonders wenn man selbst ein Instrument erlernt. Doch welche Schule in Frankfurt ist für wen die richtige?

Altenhilfe der FR

Spendenkonten, Bankverbindung, Online-spenden und Informationen zu Spendenquittungen.

Spezial

Mit gutem Gewissen investieren und gleichzeitig Geld verdienen? Die FR schaut, wie erfolgreich Firmen und Fonds dabei sind.

Aus dem Gericht

FR-Gerichtsreporter Stefan Behr berichtet über kuriose, traurige, aufwühlende und schockierende Prozesse.

Meistgeklickt
Turkish Airlines ist als Sponsor im Gespräch.
Eintracht Frankfurt 
Die Politik entscheidet am Freitag über die Organspende-Reform. Doch wissen wir wirklich, wann ein Mensch definitiv tot ist?
Organspende-Reform im Bundestag 
Blick in die Zukunft am Eschenheimer Turm (links): Büros, Läden und einige Wohnungen lösen das Kino ab.
Turmpalast in Frankfurt 
Ödnis oder goldener Boden? In dem Gewerbegebiet Quellenpark in Bad Vilbel soll womöglich ein riesiges chinesisches Handelszentrum entstehen.
China investiert in Hessen 
Polizeimeldungen

Was ist passiert? Polizeimeldungen aus Frankfurt, Darmstadt, Offenbach und Hanau sowie Wiesbaden.

Video

Anzeige