Es dauert eine ganze Weile, bis sich in der Nacht zum Mittwoch unter den Campern an der Europäischen Zentralbank herumspricht, dass das Weltwirtschaftsgeschehen schon ganz bald keine so ferne Angelegenheit mehr sein wird wie gedacht. Es fahren schon längst keine Straßenbahnen mehr über den Willy-Brandt-Platz, der Wind hat die halbe Nacht seitliche Regenböen durch die Gallusanlage getrieben, um halb drei zieht Dominik die Decke enger um seinen Körper.
Der 24-Jährige sitzt auf einer Bank am Feuer und spricht über Investmentbanking und Derivate. An Schlaf denkt er nicht. Es gibt einfach Wichtigeres. Dass es eine Weile dauert, bis sich auch zu ihm herumspricht, dass schon am nächsten Tag die Bundeskanzlerin in der Stadt sein wird und mit ihr EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, um in der Alten Oper den Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, nach acht Jahren im Amt feierlich zu verabschieden – es liegt nicht an Kommunikationsproblemen. Sie haben im „Occupy“-Camp ganz einfach so viel andere Dinge zu tun. Wichtigere.
Im großen Pavillon auf der Wiese drängen sich auch mitten in der Nacht noch die Aktivisten; es ist auch drinnen kalt, das Licht provisorisch. Es geht um grundlegende Fragen, darum, erste konkrete Ziele einer Bewegung zu formulieren, die sich bislang ja erst einmal nur zusammengefunden hat, um auszudrücken, dass sie die Entwicklung der Finanzwirtschaft, der demokratischen Partizipation, des Bildungssystems, der Gesundheitsversorgung und vieler andere Dinge so nicht mehr hinnehmen will. Als ob das nicht schon eine ganze Menge wäre.
"Wir müssen das als riesengroße Marketingkampagne verstehen"
Die Aktivisten wollen mehr, und sie wollen es schnell; der wiederholte Aufruf, sich eine Suppe zu holen, wird ignoriert. Es geht darum, den Umgang mit den Medien und die Struktur im Camp zu verbessern, Arbeitsgruppen zu gründen und Workshops. Die Ansprüche an die eigene Bewegung sind ebenso groß wie die Sorge, nicht mehr ernst genommen zu werden, wenn nicht ganz bald erste Forderungen auf dem Tisch liegen. „Die Aufmerksamkeit ist jetzt groß“, sagt einer, der sich als Thomas vorstellt, „Wir müssen das als riesengroße Marketingkampagne verstehen. Endlich können wir jetzt mal Werbung für unsere Sache machen.“
Im ganzen Pavillon schütteln daraufhin etwa 30 Menschen ihre Hände in der Luft, das ist inzwischen der globale Code für Zustimmung in der Occupy-Bewegung; man macht das in Madrid so, in New York, in London oder Helsinki. Damit nicht jedes Mal etwas gesagt werden muss, es wird ja schon genug gesagt. Wer gegen etwas ist in der Versammlung, die ebenfalls weltweit „Assamblea“ heißt, kreuzt die Arme. Wenn das Küchenzelt brennt, formt man ein „T“: technical point. Aber das Küchenzelt brennt nicht.
Wichtig ist, dass an bestimmten Stellen alle die Hände über dem Kopf schütteln, erst dann gilt bei Occupy ein Vorschlag als beschlossen. Der Konsens ist wichtig, das führt zu langen Debatten, sehr langen Debatten, es gibt Rednerlisten und immer wieder Ermahnungen. „Es ist anstrengend“, sagt Anousha, „aber keiner hat gesagt, dass es das nicht sein sollte. Wir müssen uns die Zeit nehmen.“ Schließlich könne keiner verlangen, dass eine Bewegung, die gerade erst begonnen habe, sofort fertige Rezepte liefere.
Irgendwann spricht es sich in der Nacht dann aber doch herum, dass Angela Merkel kommt. „Wir sollten sie einladen“, schlägt Ali vor. „Oder wir gehen einfach hin.“ Großes Händeschütteln.
Der nächste Morgen beginnt dann aber erst einmal mit Peter Feldmann. Feldmann ist von Haus aus Genossenschaftsbanker, vor allem aber ist er einer von zwei SPD-Kandidaten für den Posten des Frankfurter Oberbürgermeisters. Und er ist überhaupt der erste Politiker, der sich im Protestcamp blicken lässt. „Eine angenehme Begleiterscheinung“, sagt er, „aber darum geht es nicht.“
OB-Kandidat bietet Hilfe an
Feldmann greift sich am späten Mittwochvormittag das Mikrofon im Zelt und bietet seine Unterstützung an – ganz gleich, ob es um Räume geht oder um Diskussionsrunden mit Mitgliedern des städtischen Finanzausschusses. „Frankfurt ist die Finanzhauptstadt, wir leben von und mit den Banken“, sagt Feldmann. „Aber natürlich gibt es ein großes Interesse in der Stadt, über eine Finanzwirtschaft zu debattieren, die sich verselbstständigt hat. Und wir müssen diese Debatte verstetigen, sie darf nicht abhängig sein von der Witterung.“
Am Vormittag zeigt sich auch, dass die Debatten der Nacht erste Wirkung zeigen. Im Zelt hängen große Pläne, es gibt erste Ansprechpartner, klarere Aufgabenverteilungen. Viele Aktivisten tragen Klebestreifen an den Jackenärmeln, die auf ihre Aufgaben verweisen. Manche gehen dann auch einfach doch mal kurz schlafen.
Im Medienzelt hinter dem Küchen-Pavillon sitzt Steffi. Sie hat sich aus dem Trubel zurückgezogen und ist vertieft in Aldous Huxleys „Brave new world“. Nebenbei nimmt sie eine Buchspende entgegen, auch „Die Entmachtung der Hochfinanz“ ist dabei.
Und dann gleich wieder eine Debatte: Der Überbringer, auch ein Aktivist, pocht darauf, die etwa 50 Bücher erst einmal inhaltlich zu prüfen, ehe sie wieder herausgegeben werden. Aber wer soll prüfen? Occupy hat keine Struktur, keine Hierarchie, noch kein gemeinsames Ziel. Und auch Steffi glaubt, dass es noch Zeit brauche, dass sich die Bewegung erst noch finden müsse. Deshalb sei sie ja hier. Deshalb sind sie alle hier, auch in der nächsten Nacht wieder, bei Regen, Kälte, wenn längst keine Bahn mehr fährt am Willy-Brandt-Platz. Es gibt wichtigere Dinge als Schlaf und eine heiße Suppe.

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