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01. November 2010

Debatte um Alfred Grosser: Kritik dreht sich um Palästinafrage

Kritisch: Alfred Grosser Foto: FR/Schick

Der geplante Auftritt des großen französischen Denkers und Publizisten in der Paulskirche zum Gedenken an die "Reichspogromnacht" von 1938 stößt weiter auf Kritik. Alles hängt - wieder mal - an der Palästinafrage.

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Solange die jüdische Gemeinde Frankfurt die Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht am 9. November in der Paulskirche mit Alfred Grosser als Redner nicht boykottiert, sieht er keinen Grund sich einzumischen, sagt Grünen-Fraktionschef Olaf Cunitz. Es ist eine spontane Reaktion auf Äußerungen von Stephan Krämer, dem Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, der scharf kritisiert hatte, dass die Stadt den deutsch-französischen Publizisten und Politikwissenschaftler als Gastredner eingeladen hat. Grosser vergleiche den Holocaust mit der heutigen Situation der palästinensischen Bevölkerung, außerdem habe er sich hinter Martin Walser gestellt, der in seiner umstrittenen Paulskirchenrede zu Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels appelliert hatte, den Themenkomplex Auschwitz nicht zur „Moralkeule“ gegen die Deutschen werden zu lassen. Ignatz Bubis warf Walser damals, 1998, latenten Antisemitismus vor, später entschuldigte sich Walser öffentlich bei Bubis.

Cunitz versteht die Kritik, „andererseits hat man immer Redner, die andere Meinungen vertreten, das muss man in einer normalen Debattenkultur aushalten“, zumal Grosser aufgrund seiner Bemühungen um Völkerverständigung ein durchaus angemessener und würdiger Redner sei.

Persönlicher Angriff

Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik, der sich für den christlich-jüdischen Dialog engagiert, sieht das anders. Grosser sei für den Anlass als Redner zum 9. November deplatziert. Er habe zwar viel für die deutsch-französische Verständigung beigetragen, sei jedoch in Sachen deutsch-jüdischer Dialog – ein zentrales Anliegen des früheren Zentralratsvorsitzenden Ignatz Bubis – „nicht besonders in Erscheinung getreten“. Im Übrigen, sagt Brumlik, habe Grosser Dieter Graumann, den Vizevorsitzenden des Zentralrats der Juden und Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, persönlich angegriffen. Ihn eine jener Personen genannt, die wegen der Verteidigung der israelischen Politik am schärfsten zu kritisieren seien. „Richtig ist, dass sich Graumann kritisch zur israelischen Siedlungspolitik geäußert hat“, sagt Brumlik, der die Veranstaltung mit Grosser boykottieren würde, wenn er nicht ohnehin einen anderen Termin hätte.

So offen wie Olaf Cunitz oder Micha Brumlik wollen sich bisher nur wenige zur jüngsten „Paulskirchendebatte“ äußern. Dass Grosser als Gastredner nicht angemessen sei, stößt allerdings in Kreisen, die mit der Frankfurter Erinnerungskultur vertraut sind, doch auf Erstaunen. Schließlich kenne man den Publizisten als einen Menschen, der sich um die demokratische Existenz des Nachkriegsdeutschlands immer wieder öffentlich Gedanken gemacht habe, für sein Bemühen um Versöhnung geschätzt werde und durch sein deutliches Eintreten für die Entwicklung der Bürgergesellschaft einen Namen gemacht habe. (ana/ing)

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