Almut Gehebe-Gernhardt sieht schwarz. Wie sollte die Autorin einer Studie zu den Frankfurter Bauten der 50er Jahre die Zukunft auch rosig sehen, wenn sie von einem verlorengegebenen Stadtbild berichten muss. Die Kunsthistorikerin und frühere Lehrerin sieht hier Jahrzehnte nach Kriegsende eine weitere „Phase schwerster Zerstörungen von Kulturgut“ eintreten.
Viele Leitbauten der Zeit wurden bereits ohne großes Aufhebens abgerissen, um „einem gewaltigen Innovations- und Investitionsschub Platz zu machen“, beklagt die Autorin, die Studentin des verstorbenen Vorbilds der Zunft, des Denkmalschutz-Professors Gottfried Kiesow, war. Die Welle begann vor Jahren am unvergessenen Zürich-Haus am Opernplatz, erfasste das von Egon Eiermann entworfene Hochtief-Hochhaus an der Bockenheimer Landstraße wie die frühere Zentrale der AEG am Theodor-Stern-Kai – und riss am Eschenheimer Tor erst das Fernmelde-Hochhaus und dann das Rundschauhaus mit sich. Der Prozess wird nicht zum Halten kommen, glaubt Gehebe-Gernhardt, die das Kompendium ihrem verstorbenen Mann Robert Gernhardt gewidmet hat.
Unter den zuletzt verschwundenen Bauten bringt sie die alte Volksbank an der Fressgass mit dem keck in den Himmel schneidenden Flugdach ebenso in Erinnerung wie das frühere Mädchenwohnheim „Haus Leonhard“ mit seiner elegant geschwungenen Freitreppe in der Halle. Da kann nach ihrer Erwartung auch der Abriss des Degussa-Hauses an der Weißfrauenstraße nicht weit sein; der Eckbau wird aber gerade saniert. Auch das Basler Haus am Goetheplatz/Junghofstraße, dessen Verlust sie anprangert, wird den Neubau der angrenzenden Häuserzeile überleben.
Dennoch spricht vieles für den Untergang der „Gebäude, die den Weg der jungen Bundesrepublik in eine demokratische Zukunft symbolisieren“. Almut Gehebe-Gernhardt untermauert die Erwartung mit Analysen von Experten. Der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt etwa diagnostiziert „eine Geschichtsmüdigkeit“ und den Wunsch, sich nicht mehr mit Krieg, Nachkriegszeit oder gar Nachkriegsarchitektur auseinandersetzen zu müssen. Es fehlt die Wertschätzung, offenbart die Chronik, und das gilt dann auch für die Architekten des Wiederaufbaus, Alois Giefer und Hermann Mäckler, deren Werk im Mittelpunkt steht. Als man die Häuser noch ganz pur vor sich hatte, ohne massenhaft Autoblech, Rampen, Abfahrten, Leitplanken, Sperren, war ihr Wert noch leicht zu erkennen. Das zeigen die vielen historischen Fotos, die sich im Buch finden. (clau.)
Almut Gehebe-Gernhardt, Architektur der 50er Jahre in Frankfurt am Main, Verlag Waldemar Kramer, 29,80 Euro

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