kalaydo.de Anzeigen

Denkmalschutz in Frankfurt: "Für den Erhalt der Gebäude gibt es nur eine kleine Lobby"

Stefan Timpe ist Vize-Amtsleiter im Denkmalamt und kümmert sich um Bauten der Nachkriegszeit. Er verrät: Am Römerberg soll der Denkmalschutz erweitert werden.

Stefan Timpe ist Vize-Amtsleiter im Denkmalamt. Gemessen an den Aufgaben ist diese „Untere Denkmalbehörde“ unterbesetzt: „Wir arbeiten hier“, meint Timpe, „bis zum Umfallen“. Besonders bei dem Bau-Bestand aus der Nachkriegszeit gibt es Recherchebedarf. Gegenwärtig werden jene Gebäude auf ihren Wert untersucht, die den Römerberg im Westen und Norden rahmen.

Herr Timpe, überall sind die Bauten der Nachkriegsjahrzehnte bedroht, am liebsten reißt man sie ab. So wie bei Degussa, ein Haus, an der Weißfrauenstraße, bleibt aber stehen. . .?

Wir können uns nur um die als Denkmale ausgewiesenen Häuser kümmern, dazu gehört das Degussa-Haus von 1952, das ein besonderes Treppenhaus hatte, aber nicht. Trotzdem bin ich mit dem Investor durchgegangen. Jetzt wird das Haus entkernt.

Am Goetheplatz wird wieder fast eine ganze Häuserzeile der 50er Jahre abgerissen. . .

Die ist nicht geschützt, dazu müssen Häuser schon gewissen Qualitätskriterien genügen. Sie sind an den hochrangigen Kulturdenkmalen der Zeit zu messen, etwa dem Junior-Haus am Kaiserplatz, dem Bayer-Haus am Eschenheimer Turm oder dem Chemag-Haus an der Senckenberganlage. Oft stehen hinter dem Verlangen nach Denkmalschutz eher städtebauliche Gründe, man fürchtet um die Maßstäblichkeit im Stadtbild und um den Erinnerungswert.

Der Geist der Wiederaufbauzeit wird bei den Gebäuden gern beschworen, einen Geist kann man aber nicht schützen. . .

. . .nach wie vor haben die Häuser eine sehr kleine Lobby – im Gegensatz zu den Design-Produkten, wie etwa den Tütenlampen. Wegen einer verwitterten Gründerzeit-Fassade würde niemand gleich das ganze Gebäude in Frage stellen. Bei einem Haus wie dem Philosophikum in Bockenheim, wo sich überall die rostigen Armiereisen zeigen, passiert das aber. Genauso beim Bundesrechnungshof – schlecht saniert und nicht gepflegt. So ist schon die alte Farbgebung in Schwarz-Rot-Gold heute verloren. Ich kenne aber kein anderes Gebäude mit so einem prägnanten Bezug zu den nationalen Idealen.

Zur Person

Stefan Timpe, Jahrgang 1959, ist Abteilungsleiter Bau-, Garten- und Kunst-Denkmalpflege im Frankfurter Denkmalamt. Zuvor hatte er zehn Jahre lang im Landesamt für Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt gearbeitet.
Nach dem Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Geografie promovierte Timpe über die Restaurierungsgeschichte des Heiligkreuzmünsters in Schwäbisch Gmünd. Im Frankfurter Denkmalamt war er zunächst als Gebietsreferent für die westlichen Stadtteile, mit Schwerpunkt Höchst, tätig.

Im Interview schildert er die Bemühungen des Amtes, den Bestand der Bauten der Nachkriegszeit in Frankfurt zu prüfen. Er hält die Gebäude für sanierungsfähig, auch unter dem Gesichtspunkt energetischer Ansprüche. Allerdings bedeute das „einen höheren Aufwand“.

Was ist denn das Besondere, Prägende und Typische der Bauepoche in Frankfurt?

Es waren Architekten tätig, die sich der klassischen Moderne verpflichtet fühlten, die Büros hatten schon vor dem Krieg hier gearbeitet. Typisch war, dass man das Konstruktionssystem offen zeigt und nicht verkleidet. Man hatte asymmetrisch geteilte Fenster, oder sogenannte Schwebe- und Schwenkfenster. Bemerkenswert sind auch die transparente Leichtigkeit der Flugdächer, die geschwungenen Treppen . . .

. . . eine solche Treppe ist mit dem „Haus Leonhard“ der Caritas an der Buchgasse erst kürzlich wieder abgerissen worden.

Das Landesamt für Denkmalpflege wollte das Haus Leonhard nicht auf die Denkmalliste nehmen, das war lange vor meiner Zeit. Das Führen der Denkmalliste ist ja per Gesetz beim Land Hessen angesiedelt. Da kann ich mich noch so weit aus dem Fenster lehnen, wenn das Landesamt abschlägig entscheidet, kann ich auch nichts machen. In der ersten Denkmalliste für Frankfurt 1986 waren gerade mal 25 Bauten der Nachkriegszeit verzeichnet und damit war Frankfurt anderen Städten schon voraus. Beim Nachtragsband von 2000 sind 100 weitere Häuser dazugekommen. Ich weiß aber nicht: Was ist eigentlich beim Rundschauhaus passiert?

Der frühere Denkmalamtsleiter Heinz Schomann hatte argumentiert, das Gebäude sei nicht denkmalwert, weil es in den 80er Jahren durch neue große Fenster zerstört worden sei.

Das hätte man doch revidieren können! Aber bei den ersten Begehungen seinerzeit waren die Objekte nur von außen beurteilt worden, mehr konnte man mit dem Personal nicht schaffen. Es muss einen Anlass geben, um ein solches Urteil zu überprüfen. Etwa Baupläne nahe dem Römerberg. So prüfen wir an der Westseite des Platzes gerade den Bestand; bisher gilt dort nur Umgebungsschutz für das Platz-Ensemble.

Das zeigt, dass die Platz-Fassung beim Wiederaufbau nur als Provisorium angesehen wurde.

Dabei lässt sich dort eine Kernaussage der damaligen Zeit ablesen. Südlich der Berliner Straße haben die Häuser ein flaches Satteldach und geschmückte Fassaden. Etwa das auf dem alten Sockel aufgebaute Salzhaus an der Ecke Braubachstraße, mit dem Phönix aus der Asche an der Fassade, ist als zentrales Mahnmal anzusehen. Nördlich der Berliner Straße dagegen erkennt man eher das städtebauliche Ideal der Zeit: Kammstruktur und flache Ladenzeilen. Jetzt wird die Denkmalliste dort ergänzt – auch vor dem Hintergrund, dass die Stadt in ihrem Innenstadtkonzept eine größere Verdichtung plant. Das widerspricht dem Konzept der lockeren Bebauung der 50er Jahre.

Interview: Claudia Michels

Datum:  30 | 11 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Regionale Startseite

Anzeige


Spezial: Frankfurt Flughafen

Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.


Spezial: Der Flughafen wächst weiter
        

Für diejenigen Menschen, die unter dem Fluglärm leiden, ist Frankfurt bei weitem nicht „grün“ genug.
Fluglärm in Frankfurt 
        

Wohnen in der Region: Lärm, aber noch kein Schallschutz.
Schleppende Antragsbearbeitung 
        

Nach Sonnenuntergang sollen auch die Flieger unten bleiben.
Nachtflugverbot 
Wegen der
Fluglärm Rhein-Main-Gebiet 

Anzeige

 

OB-Stichwahl in Frankfurt
Wahlergebnis Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Frankfurter Kandidaten
Rhein versus Feldmann: Wer fordert was?

In Frankfurt macht der eine auf Papa, die andere würde gerne die neue Landebahn bepflanzen. Und wer ist nochmal dieser Herbert? Checken Sie Ihr Wissen über die OB-Kandidaten.

OB-Wahl in Frankfurt
So freuen sich Oberbürgermeister: Petra Roth (CDU) und Peter Feldmann (SPD), letzterer mit der Hand in der Hosentasche, ein Fauxpas.
Machtkampf nach OB-Wahl in Frankfurt 
        

Zählt die Tage bis zum Amtsantritt: Peter Feldmann.
Neuer Oberbürgermeister Frankfurt 
Der neue Oberbürgermeister Peter Feldmann bringt ein neues Team mit.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
Prinz Asfa-Wossen Asserate.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
So freuen sich Oberbürgermeister: Petra Roth (CDU) und Peter Feldmann (SPD), letzterer mit der Hand in der Hosentasche, ein Fauxpas.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 

Anzeige

 
Social Media
Unser Twitter-Ticker für Frankfurt und Rhein-Main.

 

Facebook | Twitter überregional | Google+
Was bedeutet das hier? FR@Social Media!
Glosse
        

Da steht sie auf ihrem Brunnen in der Klappergasse.

Jeden Tag gibt's nun eine kurze Glosse zu unglaublichen Geschichten aus dem Frankfurter Alltag zu lesen.

Instrument lernen in Frankfurt
Trompete steht bei kindern hoch im Kurs.

Musik ist etwas Wunderbares - besonders wenn man selbst ein Instrument erlernt. Doch welche Schule in Frankfurt ist für wen die richtige?

Altenhilfe der FR

Spendenkonten, Bankverbindung, Online-spenden und Informationen zu Spendenquittungen.

Spezial

Mit gutem Gewissen investieren und gleichzeitig Geld verdienen? Die FR schaut, wie erfolgreich Firmen und Fonds dabei sind.

Aus dem Gericht

FR-Gerichtsreporter Stefan Behr berichtet über kuriose, traurige, aufwühlende und schockierende Prozesse.

Meistgeklickt
Turkish Airlines ist als Sponsor im Gespräch.
Eintracht Frankfurt 
Die Politik entscheidet am Freitag über die Organspende-Reform. Doch wissen wir wirklich, wann ein Mensch definitiv tot ist?
Organspende-Reform im Bundestag 
Blick in die Zukunft am Eschenheimer Turm (links): Büros, Läden und einige Wohnungen lösen das Kino ab.
Turmpalast in Frankfurt 
Ödnis oder goldener Boden? In dem Gewerbegebiet Quellenpark in Bad Vilbel soll womöglich ein riesiges chinesisches Handelszentrum entstehen.
China investiert in Hessen 
Polizeimeldungen

Was ist passiert? Polizeimeldungen aus Frankfurt, Darmstadt, Offenbach und Hanau sowie Wiesbaden.

Video

Anzeige