Im „dünnen Regen“ liegt sie da, die Großmarkthalle an jenem 19. Oktober, „das seltsame Gebäude in weitem Kreise abgesperrt“. Es ist ein Sonntag, als der Schriftsteller Alfons Paquet morgens „durch die Stadt kam“, die alltäglichen Geschäfte ruhen. Der 60 Jahre alte Feuilletonist ist alarmiert, denn in der Frühe hat er an der Hauptwache „eine kleine schwarzgekleidete Jüdin, mit einer Plaidrolle in der Hand, begleitet von zwei ,Goldbraunen‘ auf die Trambahn warten“ sehen. Und „kurz darauf vernahm ich, „dass eine größere Aktion im Gange sei“. Paquet sieht „kleine Gruppen, Züge und Pulks, die den ganzen Tag zur Großmarkthalle gebracht“ werden. Er registriert „die trostlose Wanderung der mit ihren Bündel, Rucksäcken, Koffern Beladenen“. Er besucht „Bekannte in einem Hause, das in voller Aufregung war“. Und begegnet, zurückkehrend an die Hauptwache, „abermals einer solchen, fast verlegenen Eskorte für zwei gut gekleidete, fast siebzigjährige Leute“. Einen alten Herrn, der einen Überzieher trägt, „und einen Wintermantel – mit dem gelben Stern – über dem Arm, an den Füßen Galoschen“. Und die alte Frau mit „einem offenen Korb, aus dem die Thermosflasche und allerlei Reisezeug herausschaut“. „Ich habe“, schreibt Alfons Paquet am folgenden Tag an seine Freundin Hanna, „gestern so Bedrückendes erlebt, dass ich noch ganz krank bin.“
Die bevorstehende Deportation kursierte als Gerücht
Man konnte also, zeigt sich an Paquets Aufzeichnungen über den Herbst 1941, sehen, was geschah. Man konnte sogar mehr wissen. „Es heißt“, schreibt der Journalist in seinem Brief, „dass alle diese Unglücklichen nach Lodz, Litzmannstadt, geschickt werden … man wagt es nicht, sich die Einzelheiten auszumalen.“ Schon im Jahr zuvor nämlich hatte die Frankfurter Zeitung, für die der Beobachter tätig war, „die Absonderung der Juden von den Nichtjuden in Litzmannstadt, dem früheren Lodsch“ gemeldet. Dass eine Deportation bevorstehen könnte, kursierte als Gerücht „bereits in der Woche vor dem 19. Oktober in der Stadt“ haben die Historikerinnen Heike Drummer und Jutta Zwilling für das Jüdische Museum Frankfurt recherchiert.
Auf der Liste der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) stehen für den ersten Juden-Transport aus Frankfurt 1125 Namen. Tatsächlich sind es 1180 Frauen, Männer und Kinder, die zur „Evakuierung“ im Keller der Großmarkthalle zusammengetrieben, erfasst, beraubt, gedemütigt – und dann in Güterwaggons „nach Osten“ verschickt werden. „Abtransport von 1000 Juden am Sonntag, den 19. Okt. 1941 von Frankfurt/Main nach Ghetto Litzmannstadt“ lautet der Befehl laut Aktennotiz des SA-Standortführers; „Anzug: Uniform mit Pistole, Mantel, Brotbeutel. Antreten: Vormittags, 5.30 Uhr vor dem Haupteingang Palmengarten.“
Für je tausend Juden „gab die Reichsbahn Rabatt“, prangerte die frühere Kulturdezernentin Linda Reisch an, als die Stadt an der Großmarkthalle im Juni 1997 erstmals eine Erinnerungstafel anbringen ließ. Die Listen mit den Namen von jeweils 1200 Personen hatte die Israelitische Gemeinde selber zusammenzustellen, dann waren die Verzeichnisse „an die Gestapo zu senden“, erinnerte sich Lina Katz später, die 1941 in der Gemeinde angestellt war. Und „am Sonntag morgens 7 Uhr wurden die auf der Liste befindlichen Personen von SA-Leuten aus ihren Wohnungen geholt“. Lina Katz hat „dies alles selbst gesehen“, weil sie „in der ehemaligen Reinemann’schen Villa, Bockenheimer Landstraße 73, mit sechs anderen jüdischen Familien wohnte“.
Der „Sturmbann IV/63“ ist für die Aktion zuständig, von dort geht am Ende die Meldung an die „SA-Standarte“, dass insgesamt 50 SA-Männer zum Einsatz angetreten waren. „Pünktlich vor 7 Uhr forderten sie die Juden auf zu öffnen. Alsdann wurde die jeweilige Familie in einem Raum zusammengenommen und ihnen die Verfügung betreffs Evakuierung vorgelesen.“ Eine Vermögenserklärung und eine Bestandsaufnahme des gesamten Inventars musste „wie befohlen, eingehend aufgenommen werden“. Die nach Lodz Abtransportierten waren ganz überwiegend im Frankfurter Westend zu Hause gewesen; als sie weg sind, kann die Gauleitung der nationalsozialistischen NSDAP über „die Verwendung von Judenwohnungen“ entscheiden.
Die Initiative Stolpersteine lädt am heutigen 19. Oktober, 17 Uhr, zur Gedenkstunde ins Westend ein. Um an den Beginn der Deportationen aus Frankfurt zu erinnern, trifft man sich vor dem Haus Liebigstraße 27, wo zehn Stolpersteine liegen. Es werden die Namen von 85 Opfern verlesen, die mit dem ersten Transport ins Ghetto Lodz „evakuiert“ wurden.
Im Hochbunker, Friedberger Anlage 5-6, wo einst eine Synagoge stand, zeigt die Initiative 9. November am Sonntag, 23. Oktober, 17 Uhr, den Film „Der große Raub“, eine Dokumentation des Raubzugs der Behörden an der jüdischen Bevölkerung. Zu Ehren des Komponisten Siegfried Würzburger, der vor 70 Jahren unter den Deportierten war, veranstaltet das Historische Museum am Montag, 24. Oktober, 18 Uhr, in der Katharinen-kirche an der Hauptwache ein Konzert, in dem die Junge Kantorei auch eines seiner Werke aufführt.
Zu Ehren des Komponisten Siegfried Würzburger, der vor 70 Jahren unter den Deportierten war, veranstaltet das Historische Museum am Montag, 24. Oktober, 18 Uhr, in der Katharinenkirche an der Hauptwache ein Konzert, in dem die Junge Kantorei auch eines seiner Werke aufführt.
Ein Buch über Lodz, das Ghetto und seinen Vater, der ab 1941 in der von Deutschen besetzten Stadt Oberbürgermeister war, hat Jens-Jürgen Ventzki geschrieben. Er ist 1944 in Lodz geboren. Das Buch „Sein Schatten, meine Bilder“ ist im Studien-Verlag erschienen; Preis: 24,90 Euro.
Der erste Güterzug mit jüdischen Frankfurtern trifft am 21. Oktober 1941 um 13.36 Uhr auf dem Bahnhof Radegast in Lodz ein, überliefert die Geschichtsschreibung. Das Entladen der Waggons dauert 35 Minuten. „SS-Posten schrien ,Raus, raus‘ “, erinnerte sich Friedrich Schafranek 2004 an die Ankunft. Schafranek ist der Einzige seiner Familie, der zurückkehrt. Einer von drei Frankfurtern des allerersten Transports, die Hunger, Kälte, Elend, Zwangsarbeit, Krankheit oder das Überstellen aus dem Ghetto in die Vernichtungslager überstehen. Drei von 1180.
Nach bestimmten Bestandsaufnahmen in den Wohnungen usw. werden die Juden zum Sammelplatz, Keller Markthalle, transportiert“, lautet die Aktennotiz des „SA-Standortführers“ vom 16. Oktober 1941, betreffend den „Abtransport von 1000 Juden am Sonntag, den 19. Okt. 1941, von Frankfurt/M. nach Ghetto Litzmannstadt“. Er sichert zu: „Hierzu stellt die SA 250 ordentliche, handfeste SA-Männer.“
Was in der Großmarkthalle geschah, als dieser mächtige Bau zum Sammellager für ausgestoßene Bürger wurde, das konnten einen die nackten Mauern dieses Kellers ahnen lassen, so lange die Großmarkthalle noch stand. Und hinter dem langgestreckten Bau wucherte Unkraut entlang der Gleise, über die vor Jahrzehnten die Güterzüge in die Lager ratterten – vollgestopft mit Menschen, deren Leben für „unwert“ erklärt worden war. Seit von der alten Großmarkthalle nur noch abgewrackte Teile stehen und sich am Platz der Gleise das Doppelhochhaus der Europäischen Zentralbank mehr und mehr in den Himmel schraubt, ist der authentische Ort der Erinnerung verloren.
Gleichwohl suchten die Teilnehmer des Wettbewerbs für ein Mahnmal an der Großmarkthalle danach. Im März dieses Jahres hat eine Jury befunden, dass das Kölner Architekturbüro Katzkaiser „die authentischen Orte der Deportationen im Bereich der Großmarkthalle in ganz einfacher Form sichtbar macht“. Darum wird ihr Entwurf realisiert, wenn die Bank ihren neuen Sitz am Mainufer in einigen Jahren bezieht.
Hauptbestandteil der geplanten Gedenkstätte wird der Sammelkeller der früheren Markthalle sein, der aber natürlich im Bereich der Sicherheitszone liegt. Man wird diese angstbesetzte Raumflucht also hauptsächlich – abgesehen von verabredeten Besichtigungen – von weitem und von außen erahnen. Dass die Architekten zwischen zwei hohen Wände eine Rampe davorsetzen, soll „den Betrachter in den Bann ziehen“. Die Rampe wirke als „langer Schlund, der schon an dem öffentlichen Parkweg beginnt“, aber aus Sicherheitsgründen mit einer Glaswand abgeteilt ist. So urteilte das Preisgericht, in dem die EZB wie auch die Jüdische Gemeinde und die Stadt vertreten waren.
Weitere wesentliche Bestandteile der geplanten Gedenkstätte, über deren Gestalt man sich seit vielen Jahren in Frankfurt nicht einig wird, ist eine sogenannte Gleisharfe, die in Richtung des noch vorhandenen Stellwerks in die Erde gelegt wird. Die Experten votierten einstimmig für das Kölner Büro. Man war sich sicher, dass „eine eindrucksvolle Erinnerungsstätte“ mit einer „ausgeprägten Symbolik“ entsteht.
Und EZB-Präsident Jean-Claude Trichet äußerte sich bei der Vorstellung im Frühjahr „berührt“ von dem Gedanken, dass auf diese Art und Weise ein Zeichen gesetzt werde „für Stabilität, Frieden und Freundschaft“. (clau.)

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