Als Erhard Kunz am Mittwochabend mit seinen Mitbrüdern im Ignatiushaus Frankfurt zusammensitzt und sieht, wie im fernen Rom Kardinal Jorge Mario Bergoglio als neuer Papst Franziskus auf den Balkon des Petersdoms tritt, da blickt der Frankfurter Jesuitenpater in ein ihm bekanntes Gesicht. „Ich war betroffen, fast sprachlos, dass jemand, den ich doch kenne, Papst wird“, sagt Kunz, „ein Mitbruder.“
„Ich freue mich sehr darüber, dass unsere neuer Heiliger Vater aus Lateinamerika stammt, wo die Hälfte aller Katholiken lebt. Ich bin von seinen Worten, von seiner ausstrahlenden Bescheidenheit und von seinem Glaubenszeugnis, das er uns in den ersten Minuten seines öffentlichen Wirkens gibt, tief bewegt.“
Franz-Peter Tebartz-van Elst, Bischof von Limburg
Denn der Argentinier Bergoglio, der nun als erster Südamerikaner und erster Jesuit das höchste katholische Kirchenamt ausfüllt, weilte einst an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt. „Er war bei uns im Haus zu Gast“, freut sich der emeritierte Professor Kunz. Mitte der 1980er Jahre habe er „einige Monate in Sankt Georgen verbracht, um sich mit einzelnen Professoren über ein Dissertationsprojekt zu beraten“, meldete die Hochschule, allerdings ohne die Promotion in Frankfurt abzuschließen.
Intensive Gespräche führte der Bergoglio auf dem Frankfurter Campus vor allem mit dem Pastoraltheologen Michael Sievernich, der ihn bereits aus Argentinien kannte. „Er hat sich sehr für die deutsche Theologie interessiert“, erzählt Sievernich. Sein Schwerpunktthema aber sei das Leben und Wirken des Religionsphilosophen Romano Guardini gewesen, zu dem er in der Bibliothek von Sankt Georgen viel Literatur zu finden hoffte.
Schon in Argentinien habe er Bergoglio in den „unter Jesuiten üblichen Gesprächen über Gott und die Welt“ als einen „Mann der asketischen Strenge“ kennen gelernt, sagt Sievernich – und „als einen, der seelsorgerisch für andere da ist: für die Armen, Kranken und Schwachen.“ Seine Wahl zum Papst sei „außerordentlich positiv“ zu werten. „Ich habe mir einen Papst aus der Kirche des Südens gewünscht.“
Der neue Pontifex repräsentiere als Sohn italienischer Einwanderer zudem „die globale Welt mit ihren Migrationsströmen“ und werde die Agenda der Kirche verändern, glaubt der 68-Jährige. Es werde nun verstärkt darum gehen, wie der Glaube „angesichts der Armut in der Welt gerechtfertigt“ werden könne.
Auch für den 79-jährigen Pater Kunz waren die Begegnungen in Frankfurt kein Kennenlernen, sondern ein Wiedersehen mit Bergoglio: „Ich kenne ihn aus einer gemeinsamen Zeit in Rom“, erzählt er. 1974 bis 75 sei das gewesen, „da trafen wir uns zur Generalkongregation, dem höchsten Gremium unseres Ordens.“ Der heute 76-jährige Bergoglio sei „damals unser jüngstes Mitglied“ gewesen.
Hildegard Scheid (69), Religionswissenschaftlerin: „Ein Papst aus Argentinien – dass finde ich wunderbar! Wäre es ein Italiener geworden, wäre ich enttäuscht gewesen. Lateinamerika hat einen hohen Anteil an den Christen auf der ganzen Welt. Das wirkt sich nun endlich auch auf die Wahl des Papstes aus. Die Verkündung in Rom habe ich live vor dem Fernseher verfolgt. Ich kannte Franziskus vorher nicht, aber seine Einfachheit und sein Einsatz für die Armen imponieren mir. Ich hoffe, er wird die Grenzen zwischen katholischer und evangelischer Kirche aufweichen.“
Foto: Luis ReißAus dieser Zeit, sagt Kunz, sei ihm der Argentinier als „sehr freundlicher Mensch“, in Erinnerung, als „gesprächsbereit, unkompliziert, mitbrüderlich und fromm: Wir haben viele Gottesdienste zusammen gefeiert.“ Und sie hätten über „die großen Fragen“ gesprochen, „die unseren Orden und auch ihn beschäftigten“: Über den Einsatz für die Armen in der Welt, über soziale Gerechtigkeit.
„Als erster Südamerikaner wird er für eine Öffnung der katholischen Kirche hin zu anderen Erdteilen sorgen.“ Das sei „ein wichtiger Schritt mit symbolischer Bedeutung“, sagt Pater Kunz, der sich tief bewegt zeigte vom ersten Auftritt seines alten Bekannten, der die Gläubigen um ihren Segen bat, ehe er seinen erteilte. „Wenn er so weitermacht, wird es gut“, sagt Kunz.
Kontakt habe er mit Bergoglio seit seinem Besuch in Frankfurt nicht mehr gehabt, sagt Kunz. „Nur indirekt: Sein Neffe José Luis Narvaja hat auch in Sankt Georgen studiert.“ Heute lehrt Narvaja regelmäßig als Gastprofessor für Historische Theologie an der Hochschule. Die Bindung des neuen Papstes zu Frankfurt bleibt also erhalten.
Der Name
Der neue Papst heißt nur Franziskus - das stellt der Vatikan klar. Erst der nächste Franziskus würde auch eine Zahl im Namen tragen. In seiner Heimat Argentinien heißt er einfach "Papa argentino".
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