Am Ende haben lediglich Rosemarie Heilig, die grüne OB-Kandidatin, und Olaf Cunitz, der neue grüne Bürgermeister, einen leichten Dämpfer bekommen. Heilig erreichte bei den Magistratswahlen in der Nacht von Donnerstag auf Freitag im Römer nur 50 Ja-Stimmen, das sind zwei weniger, als das schwarz-grüne Koalitionslager zu vergeben hätte. Bei Cunitz waren es 51. „Durch ist durch“ lautete aber die schwarz-grüne Devise des Abends. „Das ist okay, ich bin zufrieden“, sagte Heilig, die zum Dank Pralinen an die Stadtverordneten verteilte. Alle weiteren vier Kandidaten für die Magistratswahlen erreichten mindestens alle Koalitionsstimmen. Für Kämmerer Uwe Becker (CDU) votierten rechnerisch (54 Stimmen) sogar zwei Stadtverordnete der Opposition.
Becker wird sechs weitere Jahre den städtischen Haushalt verwalten, Felix Semmelroth (CDU) die Frankfurter Kulturlandschaft pflegen – beides keine leichten Aufgaben in Zeiten kommunaler Finanznot. Semmelroth erreichte 53 Ja-Stimmen. „Plus eins“, heißt das in der Sprache der CDU-Freunde. Ganz neu als Dezernenten im Magistrat sind also Sarah Sorge (52 Stimmen), die sich um die Bildung kümmern wird, Heilig, die das Umweltressort übernimmt, sowie Olaf Cunitz, der zugleich Bürgermeister und Planungsdezernent wird. Heilig wird ihr Amt offiziell am 13. Juli antreten, Sorge und Cunitz starten am 15. März.
Den geheimen Wahlen ging eine dreieinhalbstündige Generaldebatte voraus, in der Sozialdemokraten und Linke, aber auch die FDP Schwarz-Grün attackierten. SPD-Fraktionschef Klaus Oesterling warf der Koalition vor, sie habe vor der Kommunalwahl 2011 die Bürger über die „wahre Finanzlage Frankfurts getäuscht“. Damals seien ständig Projekte im Umfang von 100 Millionen Euro angekündigt worden, von denen heute keiner mehr rede – etwa die Einhausung der Autobahn A661.
Oesterling machte massive „Glaubwürdigkeits-Defizite“ der Grünen beim Flughafenausbau aus und warf ihnen vor, auch hier die Wähler zu täuschen.
Manchmal staunt Olaf Cunitz noch immer. Dass ausgerechnet er, der 43-jährige studierte Historiker, nun der erste Frankfurter Bürgermeister aus den Reihen der Grünen werden soll. Eine „große Verantwortung“ und eine „große Ehre“ nennt der gebürtige Frankfurter das – und diese Bescheidenheit darf man ihm getrost abnehmen.
Freilich: Das ist nur die eine Seite des Olaf Cunitz. Er ist auch ein guter und geschickter Taktiker der Macht. Das hat er seit 2006 als Vorsitzender der Grünen-Fraktion an einer ganz entscheidenden Schaltstelle im Römer bewiesen.
Auch wenn Akten-Studium nun wirklich nicht zu den Lieblings-Disziplinen des Hardrock-Fans gehört: Er ist meist gut informiert und in den vielfältigen Themen der Kommunalpolitik in Frankfurt zu Hause.
Cunitz wird sich dagegen wehren, dass Repräsentier-Termine als Bürgermeister ihn auffressen. Denn als Planungsdezernent in der Nachfolge des glücklosen Edwin Schwarz (CDU) hat sich der Grüne richtig viel vorgenommen: Gemeinsam mit seinen Parteifreunden Rosemarie Heilig (Umwelt) und Stefan Majer (Verkehr) will er eine politische Achse zur ökologischen Modernisierung Frankfurts bilden.
Freilich: Die Beharrungskräfte und Widerstände, auf die ein Planungsdezernent trifft, sind groß. Seine wichtigste Aufgabe: den Wohnungsbau in der wachsenden Stadt ankurbeln. Aber es wird auch nötig sein, den Wildwuchs der Hochhäuser und Bürobauten in geordnete Bahnen zu lenken – gegen den wirtschaftlichen Druck der Investoren. Schließlich stehen noch immer 2,2 Millionen Quadratmeter Büroraum leer. (jg.)
Als Motto seiner zweiten Amtszeit hat der CDU-Politiker im FR-Interview „Kontinuität auf hohem Niveau“ genannt. Doch ob der Sparkurs, den die schwarz-grüne Koalition im Römer jetzt einschlagen muss, das zulässt? Semmelroth muss damit rechnen, dass etwa die Erweiterung des Museums der Weltkulturen oder das Stadthaus über dem Archäologischen Garten verschoben werden. Noch gänzlich in den Sternen steht sein Lieblings-Projekt eines Romantik-Museums: Weder Bund noch Land Hessen wollen bisher die nötige finanzielle Unterstützung dafür leisten. Der Kulturdezernent wird in den nächsten Jahren viel verteidigen müssen, denn der Kulturetat mit seinen Leistungen sucht seinesgleichen in anderen deutschen Städten. Hinter vorgehaltener Hand vermissen viele Kritiker bei Semmelroth die Kämpfernatur: Viel energischer als bisher, so heißt es, müsse er für die Kulturinstitutionen eintreten.
Auch eine weitblickende Vision für die Kulturstadt Frankfurt hat der Stadtrat bisher zum Missfallen einiger nicht vorgestellt. Doch Semmelroth setzt mehr darauf, mit einzelnen Bausteinen nach und nach das Puzzle eben dieser Kulturstadt Gestalt werden zu lassen. (jg.)
Für Rosemarie Heilig ist es eine logische Konsequenz ihrer bisherigen Laufbahn. Die heute 55-Jährige hat Biologie studiert, war Referentin im Umweltdezernat unter Jutta Ebeling, leitete das Ludwigshafener Umweltamt, zeichnete verantwortlich für den Bau der Abfallverbrennungsanlage in Heddernheim – eigentlich klar, dass die Frau irgendwann Umweltdezernentin werden musste. Solchermaßen vom Fach, plant Heilig ohne lange Eingewöhnungsphase, stattdessen hat die Grüne sich viel vorgenommen: Sie will sich weiterhin für die von ihr im OB-Wahlkampf geforderte Stilllegung der Nordwestlandebahn am Flughafen einsetzen, die ökologische Modernisierung der Stadt vorantreiben, den Grüngürtel in die Region hinaus ausbauen, die Innenstadt vom Autoverkehr befreien. Heilig nennt immer wieder die „Green City“ als Ziel, zu der sie Frankfurt in gemeinsamer Arbeit mit den Magistratskollegen in einer „integrierten Stadtplanung“ umgestalten will, die zumindest die Bereiche Planung, Umwelt und Verkehr zusammen denkt. Heilig wird es dabei trotz aller Fachkompetenz nicht immer leicht haben, auch weil sie Konfrontationen selbst in der eigenen Partei nicht scheut. Und in der Frankfurter Wirtschaft wachsen schon jetzt die Befürchtungen, die neue Stadträtin könnte mit der autofreien Innenstadt Ernst machen. Sie wird also viel zu tun bekommen. Und wie schon zuletzt im OB-Wahlkampf nur noch wenig Zeit haben für ihre privaten Leidenschaften: Sopranistin Heilig singt seit vielen Jahren im Frankfurter Chor Randale Vocale, seit einiger Zeit bringt sie sich obendrein das Klavierspiel bei. Dass es dazu nun deutlich seltener kommen wird, weiß und bedauert sie selbst. Aber ihre Stimme wird im Magistrat gebraucht. (big.)
Er hatte Oberbürgermeister Frankfurts werden wollen. Die amtierende Rathauschefin Petra Roth, CDU-Parteichef Boris Rhein und die Parteidisziplin haben ihn ausgebremst. Jetzt steht er nach sechs Jahren zur Wiederwahl als Kämmerer an und wird am 11. Februar sehr wahrscheinlich neuer Vorsitzender der Frankfurter CDU, als Nachfolger von Rhein. Um beide Positionen wird Uwe Becker (42) nicht glühend beneidet. Die CDU steckt nach wie vor in der Not, sich deutlich von dem erstarkten Koalitionspartner Grünen abzugrenzen. Und die Haupteinnahmequelle der Stadt, die Gewerbesteuer, will nicht mehr so recht fließen. Eine vierköpfige Haushaltskommission, der Becker vorsitzt, sucht schon seit Monaten Wege aus den Finanzengpässen von rund 300 Millionen Euro jährlich. Es war klar, dass diese Kommission vor den Magistratswahlen keine Lösungen bietet. Und noch nicht verkünden will, dass Projekte wie das Stadthaus oder die Erweiterung des Weltkulturen-Museums bis auf weiteres verschoben werden. Bis hinter die OB-Wahl am 11. März kann Becker aber den Tag der Verkündung nicht mehr verzögern. Als Parteivorsitzender darf er dem OB-Kandidaten Rhein nicht die Wahl verhageln. Als Kämmerer ist er der ungeschminkten Wahrheit über die Finanzen verpflichtet.
Beckers zweite Amtszeit startet schwierig und wird auch mittelfristig nicht einfacher. (ox.)
Als Bildungsdezernentin wird Sarah Sorge (Grüne) Bürgermeisterin Jutta Ebeling beerben, ebenfalls Grüne und seit 22 Jahren im Amt. Die 65-Jährige ist für die 42-jährige Nachfolgerin „ganz klar ein Vorbild“, und so setzt Sorge fürs Erste auf Kontinuität. Der Baustellen gibt es viele: In Frankfurt müssen in rasantem Tempo weitere Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren geschaffen werden, bevor ab August 2013 Eltern einen Rechtsanspruch darauf haben. Sorge ist es wichtig, über der Betreuung der ganz Kleinen die der Größeren nicht zu vergessen, denn in Frankfurt fehlen auch viele Hortplätze. Es gilt, zahlreiche Schulen zu sanieren, das Ganztagsprogramm muss – zunächst an den Grundschulen – umgesetzt werden und die Inklusion, also der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung, harrt der Gestaltung. Unerlässlich ist für Sorge auch die Schulvielfalt: „Wenn Eltern die Integrierte Gesamtschule und G9 wählen, dann müssen wir diese Schulform anbieten.“ Ob Bedarf an einem weiteren Gymnasium besteht, will sie prüfen. Überhaupt wird sie in den nächsten Wochen viel prüfen, lesen, Gespräche führen – denn thematisch hat sie sich bislang vor allem mit Hochschulpolitik befasst. Seit fast 20 Jahren ist Sorge in der Politik, die vergangenen elf hat sie für die Grünen im Hessischen Landtag gesessen, war für Wissenschaft und Kultur zuständig. Sie hat dort – letztlich erfolgreich – den Kampf gegen die Studiengebühren geführt. Weil sie als Oppositionspolitikerin die Vertreter der CDU-Regierung in Wiesbaden oft hart anging, gab es Bedenken, ob sie in nun einer schwarz-grünen Koalition zurechtkomme. Sorge selbst sieht da überhaupt kein Problem. (sha.)
Lothar Reininger, Fraktionschef der Linken, warf Schwarz-Grün eine galoppierende Verschuldung vor. Die Beteiligung privater Investoren an Schulbauten und Brückensanierungen bringe „Hypotheken für die nächsten Jahrzehnte“.
Die FDP-Fraktionsvorsitzende Annette Rinn sagte, die Macht in der Stadtregierung gehe von der CDU zu den Grünen über: „Die CDU macht jetzt auf Kommando Sitz und Platz“.
CDU-Fraktionschef Helmut Heuser und der designierte Grünen-Fraktionsvorsitzende Manuel Stock betonten dagegen die Stabilität und Harmonie der Koalition, auch wenn man sich ab und zu auch mal „mit einem Kaktus streichele“. Die Spitzen von CDU und Grüne versicherten, der heutige Tag sei ein „personeller Meilenstein“. Die Koalition werde nun noch rund vier Jahre lang mit neuem Personal beweisen, dass sie „überzeugend Verantwortung trägt“ für Frankfurt. Den Umgang miteinander nannten beide „vertrauensvoll und aufrichtig“. Man habe keine „Sandkastenspiele“ nötig. Das Thema OB-Wahl, bei der Heilig gegen CDU-Kandidat Boris Rhein antritt, wurde weitgehend vermieden.
Die Debatte machte aber auch deutlich, dass der schwarz-grünen Koalition das Problem Flughafenausbau und Protest gegen Fluglärm erhalten bleiben wird. CDU-Fraktionschef Heuser brachte es fertig, darüber kein einziges Wort zu verlieren. Piraten, SPD und Linke sprachen den Grünen bei diesem Thema die „Ehrlichkeit“ ab. Der Grüne Stock griff die Sozialdemokraten scharf an, die von Anfang an alles für die neue Landebahn getan hätten: „Dieser Lärm ist auch euer Lärm!“

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