Sabine Müller ist eine zierliche Person mit wachen Augen. „Erzieherin“, sagt sie, „ist ein schöner Beruf. Aber nicht für mich.“ Die 26-jährige Erzieherin, die in Wirklichkeit einen anderen Namen trägt, wurde als Kind von einem Familienangehörigen sexuell missbraucht. Beim Umgang mit den Kindern hatte sie „Probleme“, ihre Erinnerungen quälten sie. Im Sommer 2009 kam der Zusammenbruch. Sabine Müller wurde mit schweren Depressionen ins Krankenhaus gebracht, zwei Monate blieb sie in der Psychiatrie, vier weitere wurde sie in einer Tagesklinik betreut.
Als sie vorigen März das Krankenhaus verlässt, sagen die Ärzte, sie sei gesund. Die junge Frau wendet sich an die Agentur für Arbeit, möchte sich umschulen lassen. „Ich kann ja nicht gesund zu Hause rumsitzen.“ Gesundheit ist für Sabine Müller ein relativer Begriff. Als sie das erste Mal in der nördlichen Niederlassung der Agentur für Arbeit, Emil-von-Behring-Straße, vorspricht, ist sie noch krankgeschrieben und geht regelmäßig zur Psychotherapie.
Die IHK Frankfurt hat jüngst in ihren wirtschaftspolitischen Positionen zur Kommunalwahl aufgefordert, sich wegen des Fachkräftemangels stärker als bisher um das Thema Kinderbetreuung zu kümmern. Bedarf an Fachkräften herrscht auch im Erzieherberuf, auch für Quereinsteiger, sind gefragt.
Die VHS Frankfurt hat einen neuen Lehrgang entwickelt, der sich an Interessierte mit mindestens Mittlerer Reife und mehrjähriger Berufserfahrung richtet, auch über 50-Jährige können teilnehmen. Ziel ist es, sie für das pädagogische Arbeitsfeld zu qualifizieren.
Informationen zu einem neuen Lehrgang gibt es unter der Telefonnummer 069/212-38329 oder per E-Mail almuth.tibbe.vhs@stadt-frankfurt.de.
Die Beruflichen Schulen Berta Jourdan zählen zur Zeit 870 Frauen und Männer in der Erzieherausbildung, 180 von ihnen werden von der Arbeitsagentur gefördert. Pro Jahrgang werden 300 Erzieher für Frankfurt ausgebildet. Im Hoch- und Main-Taunus-Kreis sowie im Kreis Groß-Gerau wurden wegen des Erziehermangels drei weitere Fachschulen gegründet.
Die Sachbearbeiterin, Frau M., will sich erstmal ein Bild über den Gesundheitszustand von Sabine Müller machen. Der Ärztliche Dienst der Arbeitsagentur stellt die Prognose, dass die 26-Jährige „voraussichtlich bis zu sechs Monaten täglich weniger als drei Stunden“ arbeiten könne – das heißt, sie ist nicht arbeitsfähig.
„Eigentlich hätte Frau M. mit mir über das Gutachten sprechen müssen. Aber ich habe nichts davon gehört“, sagt Müller, die einen ganzen Aktenordner mit Unterlagen über ihre Erlebnisse mit der Agentur gesammelt hat. Sie habe versucht, Frau M. telefonisch zu erreichen. Doch es gebe keine Telefonnummer von ihr. Immer wieder sei sie in der Hotline und bei verschiedenen Ansprechpartnern gelandet. „Ich wollte einen Beratungstermin für eine Umschulung, habe meine Kundennummer durchgesagt, aber nichts passierte. Jeder hat mir etwas anderes erzählt.“
Keine Info aus dem Amt
Nach einer weiteren Untersuchung stellt der Medizinische Dienst der Krankenversicherung Hessen klar, dass Müller „auf Dauer ohne erneute Gefährdung ihrer Gesundheit die Tätigkeit als Erzieherin nicht fortführen kann“. Wieder versucht die Erzieherin von der Agentur für Arbeit zu erfahren, wie es weitergehen soll – und landet wieder bei der Hotline.
Parallel dazu bemüht sich Sabine Müller, die bis Ende August vom Krankengeld gelebt hat, um Arbeitslosengeld zu bekommen. Für Miete, Telefon und andere Fixkosten braucht sie 600 Euro im Monat. Was die Sache kompliziert macht: Der Kindergarten, bei dem sie beschäftigt ist, will keine Arbeitsbescheinigung ausstellen. Ohne Arbeitsbescheinigung jedoch kein Arbeitslosengeld.
In der Emil-von-Behring-Straße wird Müller, als sie nach Geld fragt, ins Job-Center geschickt. Es ist 11.30 Uhr. „Mir wurde gesagt ich soll um 13 Uhr wiederkommen. Da habe ich gefragt, wer die Fahrkarte zahlt. Dann wurde oben angerufen und ich konnte gleich kommen“ – nur, um ihr mitzuteilen, dass die Bearbeitung ihres Antrags „vier bis sechs Wochen dauern“ werde. „Davon konnte ich dann meine Miete auch nicht bezahlen.“

Die Stadt und Region auf einen Blick: unsere neue Übersichtsseite für Frankfurt und Rhein-Main - das Pflicht-Lesezeichen für alle Hessen.
Berichte aus Bad Homburg, Hochtaunus | Bad Vilbel, Wetterau | Darmstadt | Frankfurt | Kreis Groß Gerau | Hanau, Main-Kinzig | Main-Taunus | Mainz | Offenbach | Kreis Offenbach | Wiesbaden.
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.
Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Facebook | Twitter überregional | Google+