Dies ist definitiv kein Ort für Menschen, die Probleme mit Fäkalsprache haben. „Scheiß, Eintracht Frankfurt, wir singen: Scheiß Eintracht Frankfurt“, grölen die Karlsruher Fans, die um 11.30 Uhr aus der Unterführung am S-Bahnhof Stadion kommen. „Karlsruh‘, Karlsruh‘, wir scheißen euch zu“, antworten die Eintracht-Fans, die auf dem Bahnhofsvorplatz stehen und von einer ganzen Hundertschaft behelmter Polizisten zurückgehalten werden.
In der etwa 200 Meter breiten Sperrzone, die die Karlsruher von den Frankfurter Fans trennt, steht Polizeidirektor Rainer Willbrand und spricht Kommandos in ein Funkgerät. Willbrand, Chef der Bundespolizei-Inspektion in Frankfurt, macht einen zufriedenen Eindruck. Der Beamte, der den Einsatz am S-Bahnhof leitet, findet Pöbeleien zwar nicht schön, aber er kann damit leben. Wenn der Karlsruher SC bei Eintracht Frankfurt spielt, passiert in der Regel mehr.
Schlägereien, Flaschenwürfe, Attacken mit Böllern… alles schon da gewesen. Aber nicht an diesem Samstag. „Bislang läuft es sehr gut, aber wir loben den Tag nie vor dem Abend“, sagt Willbrand, während sich hinter ihm Bundes- und Landespolizisten formieren, um die KSC-Fans vom Bahnhof zum Stadion zu geleiten.
Rückblende: Es ist 8.30 Uhr, als Anke Staubitz im Inspektionsgebäude der Bundespolizei am Hauptbahnhof das Wort ergreift. In einem Konferenzraum, der aussieht wie eine Fabrikhalle, stellt die Hauptkommissarin die Lage vor. Knapp 30 leitende Polizisten hören ihr zu. Die Lagebesprechung ist der erste und wichtigste Termin des Tages. Hier erfahren die Beamten, was in den nächsten Stunden auf sie zukommen wird.
Tragischer Unfall
Die Stimmung ist angespannt. Der Samstag verspricht ein extrem hektischer Tag zu werden. „Das Verhältnis zwischen Frankfurter und Karlsruher Fans ist absolut feindschaftlich“, referiert Anke Staubitz. Ihre Kollegen nicken ernst. Viele von ihnen waren Ende Oktober dabei, als es vor dem Pokalspiel gegen Kaiserslautern rund um den S-Bahnhof Stadion schwere Ausschreitungen gab. Ein Polizist wurde von einem knapp zwei Kilo schweren Stein im Nacken getroffen. Wochenlang war er dienstunfähig.
Fast alles läuft zunächst schief. Ständig treffen per Telefon neue Hiobsbotschaften ein. Am frühen Morgen ist ein 23 Jahre alter Mann am Bahnhof Stadion von einem Zug getötet worden. Ein tragischer Unfall, der die Beamten vor große organisatorische Probleme stellt. Ist die Unglücksstelle nicht rechtzeitig geräumt, kann der für 10.15 Uhr angekündigte Sonderzug mit den Fans aus Karlsruhe nicht am Stadion halten. Dann der nächste Anruf: Knapp 200 Problemfans aus Baden sind gar nicht in den Zug gestiegen, sondern fahren mit einem Intercity nach Frankfurt. Der hält aber nicht am Stadion, sondern am Hauptbahnhof. Und dort sammeln sich so langsam die Eintracht-Fans. Ein Zusammentreffen muss unbedingt verhindert werden.
Was sind Ultras?
Ultras verstehen sich als fanatische Fußball-Anhänger. Sie wollen ihren Verein immer und überall nach besten Kräften unterstützen, also nicht nur während der Spiele im Stadion. Meist sehen sie sich als Kern der Unterstützer ihrer jeweiligen Klubs. Ultras sind meist sehr gut organisiert, es gibt engere Führungskreise in den einzelnen Gruppen und weitere Unterstützerkreise, manchmal auch eigene Jugendgruppen. Gemeinsam kreieren sie Choreografien, organisieren Auswärtsfahrten und andere Aktivitäten. Ihren Ursprung hat die Ultra-Szene im italienischen Fußball, wo sich bereits in den 50er und 60er Jahren entsprechende Gruppierungen bildeten. In Deutschland sind sie seit Mitte der neunziger Jahre aktiv, in Frankfurt gibt es etwa seit 1997 eine Ultra-Bewegung.
Was ist der Unterschied zwischen Ultras und Hooligans?
Ultras sind Fußballfans, wenn auch durchaus verrückte Fußballfans. Ziel ihrer Aktivitäten ist nicht die Gewalt. Das ist bei Hooligans anders. Für sie ist der Sport nur Mittel zum Zweck, es steht vor allem die gewalttätige Auseinandersetzung mit anderen Hooligan-Gruppen im Vordergrund. Wie das Spiel ausgeht, ist dann eher zweitrangig.
Sind Ultras politisch?
Nicht im klassischen Sinne. Allerdings wenden sich die meisten Ultra-Gruppen gegen die Kommerzialisierung des Fußballs, viele stehen auch der Politik des eigenen Vereins durchaus kritisch gegenüber. Darüber hinaus zeichnet Ultras der Protest gegen das von ihnen als unnötig und willkürlich wahrgenommene Vorgehen der Polizei aus, was immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den Einsatzkräften führt. Sie werden mitunter auch gewalttätig ausgetragen.
Warum sind Ultras dann keine Hooligans?
Weil sie Schlägereien und Krawalle zwar als Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen akzeptieren, aber nicht als grundlegendes Ziel ihres Handelns. Ultras wissen außerdem meistens, wie das Spiel ausgegangen ist. Deshalb sind sie nämlich im Stadion.
In der Datei „Gewalttäter Sport“ der Polizei landen aber doch am Ende alle?
Nein. Die Polizei, genauer die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze, kategorisiert Stadiongänger nach A-, B- und C-Fans: A ist der friedliche Fan, B der gewaltbereite oder (vor allem unter Alkoholeinfluss) gewaltgeneigte Fan und C der gewaltsuchende Fan. Ultras werden deshalb, wenn überhaupt, in der Kategorie B geführt, die wenigsten in C. In Frankfurt sind es von etwa 1000 Ultras nur eine Handvoll, die in Kategorie C geführt werden. Hooligans landen in aller Regel in dieser obersten Kategorie. Ein entsprechender Eintrag kann etwa ein bundesweites Stadionverbot nach sich ziehen.
Im Stadion wird oft gerufen: „Fußballfans sind keine Verbrecher!“ Stimmt das?
Nun ja. Ultras fallen häufig dadurch auf, dass sie – vor allem in fremden Stadien – auch Pyrotechnik wie etwa bengalische Feuer abbrennen. Genau genommen ist das eine Straftat und derjenige, der sie begeht, verhält sich rechtswidrig. Das ist aber schon sehr streng. Und Pyrotechnik war auch nicht immer ein Verbrechen, vor einigen Jahren noch wurde sie auch von Kommentatoren noch als schöne Folklore gefeiert. Mit dem Gesang wollen Ultras also vor allem ihren Protest dagegen ausdrücken, von der Polizei wie Verbrecher behandelt zu werden.
Zusammengestellt von Felix Helbig
Gegen 9 Uhr ist die Einsatzbesprechung vorbei. Von nun an ist jeder im Stress im Inspektionsgebäude. Einsatzleiter Willbrand telefoniert mit der Deutschen Bahn, will erreichen, dass am selben Bahnsteig, an dem der Intercity aus Karlsruhe eintrifft, eine S-Bahn mit Ziel Stadion bereit gestellt wird. In die sollen die Problemfans einsteigen, ohne vorher überhaupt in die Nähe der Frankfurter Fans in der Bahnhofshalle zu gelangen. Doch der Plan geht nicht auf, für die Organisation bleibt zu wenig Zeit. Willbrand zieht sich seine Schutzweste an und macht sich auf den Weg zu den Bahnsteigen. Immerhin gibt es gute Neuigkeiten vom Stadion. Die Unglücksstelle ist geräumt.
"Hass, Hass, Hass", rufen die Karlsruher
Um 10.10 Uhr wird es laut im Hauptbahnhof. Auf Gleis 12 fährt der Intercity aus Karlsruhe ein. Das Gegröle der Fans schallt über alle Bahnsteige. Kommunikatoren der Bundespolizei schnappen sich ein Mikrofon und teilen den Karlsruher Fans mit, dass sie nicht in die Bahnhofshalle gehen sollen. „Wir danken Ihnen für Ihre Kooperationsbereitschaft“, ruft ein Polizist. „Wir haben euch was mitgebracht: Hass, Hass, Hass“, rufen die Karlsruher.
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Was viele Frankfurter gar nicht wissen: Es gibt im Hauptbahnhof eine Unterführung, die quer unter allen Gleisen verläuft. Die erweist sich jetzt als Glücksfall. Die Karlsruher werden durch den vier Meter breiten Gang zur S-Bahn geführt, die auf Gleis 2 wartet. Sie begegnen nicht einem einzigen Eintracht-Fan.
Allerdings sind die Anhänger auch längst nicht so böse Buben, wie die Polizei befürchtet hatte. Fast ohne zu murren steigen sie in die S-Bahn. Und auch am Bahnhof Stadion sind sie einfach nur laut, aber nicht gewalttätig. Die Polizei führt sie quer durch den Wald, am Sitz des DFB vorbei, direkt in die Blöcke, die für Anhänger der Gastmannschaft reserviert sind. „Das Konzept der strikten Fantrennung ist aufgegangen“, wird Willbrand am Samstagabend sagen.
Es ist kein guter Tag für KSC-Fans. Nur 40 Sekunden sind gespielt, da liegt ihre Mannschaft schon 0:1 hinten. Schlechte Laune macht sich breit in der Gästekurve, die Aggressivität steigt. Es gibt Rangeleien mit Ordnern, eine kleine Rauchbombe wird gezündet, mehrere Böller fliegen. Jeder mit „einem IQ über dem eines Schimpansen“ wisse, dass Pyrotechnik im Stadion verboten sei, sagt der Sicherheitssprecher der Polizei über die Lautsprecheranlage. Die Eintracht-Fans jubeln, obwohl der IQ von einzelnen Schimpansen mitunter gar nicht so niedrig liegt. Immerhin beruhigt sich die Lage in der Gästekurve wieder. Besser spielt Karlsruhe trotzdem nicht. 2:0 für die Eintracht heißt es am Ende.
Problemfans steigen mit ein
Karlsruher und Frankfurter Fans sollen sich nicht zu nahe kommen. Diese Leitlinie zieht sich wie ein roter Faden durch den Tag. Und deshalb müssen die KSC-Anhänger nach dem Abpfiff eine Stunde auf ihren Plätzen bleiben. So lange, bis die meisten Eintracht-Fans den Bereich rund ums Stadion verlassen haben. Dann führt die Polizei die Karlsruher zurück zum Bahnhof. Wieder durch den Wald, in dem der Boden mittlerweile aufgeweicht ist, weil es stark regnet.
Es ist 16.25 Uhr, als der Sonderzug nach Karlsruhe abfährt. Diesmal steigen auch die Problemfans mit ein. Rainer Willbrand zieht Bilanz. Es hat ein paar Festnahmen gegeben wegen der Böller. Hinzu kommen Anzeigen wegen Sachbeschädigung, Beleidigung, Kiffen in der Öffentlichkeit. Nichts Wildes.
Im Hauptbahnhof treffen derweil doch noch fünf Frankfurter auf fünf Karlsruher Fans, die offenbar nicht organisiert in die Stadt gekommen waren und deshalb nicht von der Polizei beobachtet wurden. „Frankfurt ist ein großer Haufen Scheiße“, rufen die Karlsruher. „Warum seid ihr Huren so leise?“, antworten die Frankfurter. Dann geht jeder wieder seines Weges.

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