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09. November 2010

Erinnerung an Reichspogromnacht: Alfred Grosser in der Paulskirche

 Von Matthias Arning und Claus-Jürgen Göpfert
Der mit Spannung erwartete Redner in der Paulskirche: Alfred Grosser. Foto: FR/Boeckheler

Die erwartete Kontroverse in der Paulskirche zum Pogrom-Gedenktag blieb aus. Trotz der heftigen Auseinandersetzung im Vorfeld mit Dieter Graumann (Vize-Präsident des Zentralrat der Juden in Deutschland) reichten sich die beiden Männer nach der Rede die Hand.

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Der befürchtete Eklat in der Paulskirche ist ausgeblieben: Bei der Gedenkfeier in Erinnerung an die Reichspogromnacht 1938 am Dienstag in der Frankfurter Paulskirche bemühten sich die Redner um Mäßigung: Am Ende reichten sich Alfred Grosser, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels von 1975, und Dieter Graumann, Vize-Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, die Hand. Auch Graumann hatte am Ende von Grossers Rede applaudiert.

Grosser erinnerte an die Menschenrechte, die für alle gelten müssten und sagte: „Auschwitz ist die Grundlage dafür, dass man an den Anderen denkt. Unsere Werte sind Werte für alle. Israel gehört zu unserem Westen.“ Deswegen müsse man Israel auch wegen der Palästina-Politik kritisieren, sonst mache sich der Westen mit dem Anspruch der Universalität der Menschenrechte in der Welt unglaubwürdig: „Wir können Grundwerte nur wollen, wenn wir sie nicht verletzen“, betonte der deutsch-französische Publizist, der daran erinnerte, wie er einst gemeinsam mit Ignatz Bubis das Clementinen-Krankenhaus besuchte: Bei einer Gedenkveranstaltung für frühere Mediziner des Hospitals, deren Namen in Erinnerung bleiben sollten, weil sie vor den Nationalsozialisten hatten fliehen müssen. Unter ihnen auch sein eigener Vater, berichtete Grosser: Seine Familie jüdischen Glaubens hatte 1937 Frankfurt verlassen müssen.

Diese Erinnerung werde die Jüdische Gemeinde stets wach halten, machte Graumann deutlich, schließlich sei „die Shoah ein Meer von Tränen“. Aber, setzte der Ende des Monats als Präsident des Zentralrats der Juden antretende Graumann hinzu, „wir dürfen uns nicht allein auf den Holocaust fixieren“. Schließlich erlebe die Frankfurter Gemeinde gegenwärtig, dass die Mehrheit der aus der ehemaligen Sowjetunion Zugewanderten ein ganz anderes historisches Bewusstsein habe: Sie seien zuallererst nicht Opfer, sondern Sieger. „Wir dürfen uns nicht auf die trübsinnige Opfergemeinschaft reduzieren lassen, wir wollen nicht allein als Mahner verharren“, sagte Graumann, vielmehr seien die jüdischen Gemeinden überaus lebendige Gemeinden.

"Ein Gedenktag ist kein Spektakel"

Eines aber, das könne er heute versprechen, eines werde die jüdische Gemeinschaft niemals aufgeben – ihre Kritikfähigkeit. Graumann hielt zum Anfang seiner Rede fest: „Wir haben heftige Einwände“, und meinte damit das Auftreten Grossers in der Paulskirche. „Aber ein Gedenktag ist kein Spektakel.“

Bereits unmittelbar vor der Veranstaltung gab es Zeichen, dass Vertreter der Jüdischen Gemeinden, der Stadt und Grosser nach der Feierstunde gemeinsam zum Gedenken in die Synagoge und anschließend zu einem Essen gehen wollten.

Damit hätte noch am Tag zuvor niemand gerechnet. Denn wieder sorgten Interview-Äußerungen für eine Menge Ärger zwischen den Beteiligten. Zu Beginn dieser Woche hatte Grosser den Anstoß geliefert, indem er behauptete, seine Einladung sei mit allen abgesprochen gewesen. Davon könne keine Rede sein, konterte Graumann. Wenn er davon gewusst hätte, dass Grosser sprechen sollte, hätte er sein Veto eingelegt. Schließlich habe sich der Publizist zuletzt als entschiedener Kritiker der israelischen Palästina-Politik erwiesen. Unvergessen sei Grossers ausdrückliche Unterstützung für den Schriftsteller Martin Walser, hob Graumann hervor.

Seit der Debatte zwischen dem Schriftsteller Walser und dem damaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, kommt der Frankfurter Paulskirche als Ort des Gedenkens eine besondere Bedeutung zu. Der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, machte das in einem Schreiben an Oberbürgermeisterin Petra Roth deutlich. Er hatte verlangt, die Stadt möge auf Grossers Auftritt verzichten.

Das lehnte Roth ab. Am Dienstag machte sie deutlich, dass es keinen Zweifel daran geben könnte, „die Sicherheit Israels immer wieder zu unserem eigenen Anliegen zu machen“.

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