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Occupy Frankfurt: FDP-Politikerin wagt sich ins Rebellencamp

Eine Staatssekretärin der FDP im Camp von Occupy Frankfurt, das hat etwas von Che Guevara in der Uno-Vollversammlung. Trotzdem sind sich am Ende alle einig - wie kann das sein?

Staatssekretärin Hessel, Presseberaterin, Besetzer (v.l.n.r.).
Staatssekretärin Hessel, Presseberaterin, Besetzer (v.l.n.r.).
Foto: Jonas Nonnenmann
Frankfurt –  

Gestern war alles noch einfach. Da saßen die da oben im Turm der Europäischen Zentralbank und jonglierten mit Milliarden, während Claudia unten dagegen protestierte, was die Banker oben wohl nicht sonderlich interessierte. Die Macht war weit weg.

Heute setzt sich Claudia zum Diskutieren auf ein Sitzbänkchen, kurze Haare, Nasenpiercing, Anfang Zwanzig. Während sie sich gegen eine Antibanken-Stricklehne fallen lässt, naht Besuch. Sie komme aus Berlin sagt eine Dame mit langem Schal, sie wolle sich selbst ein Bild von der Lage machen. Die Frau aus Berlin ist eine Presseberaterin, im Schlepptau hat sie die Macht: Katja Hessel von der FDP, bayrische Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium.

Eine FDP-Frau im Occupy-Camp, das hat etwas von Che Guevara in der Uno-Vollversammlung. Kann das gutgehen?

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Hessel schaut aufmerksam und etwas angespannt, die Hände an den Stuhl geklammert. "Fast wie im Paradies" sei es hier im Camp, erzählt Claudia, und ihre Augen leuchten wie eine Anti-Atomsonne. Liebe, gute Gespräche, Respekt – all das habe draußen ja keine Bedeutung. Mit draußen meint sie die böse kapitalistische Welt, in der die Mitfahrer sich in der U-Bahn gegenseitig ignorieren. Vor der sind sie ins Camp geflüchtet, auf ein paar Quadratmeter heile Welt.

Es geht um mehr als um Banken

Wunder passieren hier täglich, wenn man den Bewohnern glaubt. Die Obdachlosen im Camp trinken weniger, glaubt Claudia zu wissen. Unglaublich, wie etwas Solidarität sie verändere. Borderline-Patienten seien plötzlich zugänglich, beobachtet eine, die vier Jahre lang in der Psychiatrie gearbeitet hat.

Der Protest gegen die Banken war nur der Auslöser, sagt Claudia, "es geht um viel mehr."

Was sich denn ändern solle, fragt die Besucherin, elegante Hose, schwarze Schuhe. Kein Aluminium und kein Fluorid mehr in der Zahnpasta, sagt Peter, ein kräftiger Mann mit Bart und Augenringen wie einer, der lange nicht mehr richtig geschlafen hat. Diese Nahrungsmittelkonzerne, das seien die schlimmsten Lügner seit Hitler.

Was den Fluorid mit Occupy zu tun habe, fragt Hessel leise wie jemand, der seine Ungeduld kontrolliert. "Die Menschen müssen die Wahrheit erfahren", sagt Peter jetzt lauter – und stellt einfach eine Gegenfrage: Ist es etwa nicht wichtig, dass wir kein Gift mehr konsumieren?

"Wieso geht ihr auf die Straße?"

Hessel lässt nicht locker. "Wieso geht ihr auf die Straße?", hakt sie, der Sitzkreis ist jetzt größer. Damit die Menschen sich fragen, wie sie leben wollen, sagt Claudia. Klassenkampf, sagt Peter. Weil das Schulsystem ungerecht sortiert, sagt Matthias, 12.Klasse, seine Ferien verbringt er im Camp.

Das mit dem Schulsystem kann Hessel verstehen. "Wir müssen da schon überlegen, ob wir nicht zu viel Druck ausüben", sagt sie. Überhaupt fühle sie sich selbst vor lauter Terminen manchmal wie ein Hamster im Rad. Hessel kann auch die Kritik an der fehlgeleiteten Agrarwirtschaft verstehen, den hohen Subventionen in Europa, dem Hunger in der Dritten Welt. "Da funktioniert der Kapitalismus nicht", sagt sie, während sich im Hintergrund ein paar Obdachlose am kostenlosen Mittagessen wärmen.

Die Verbrüderung

Plötzlich wirken sie alle wie Brüder und Schwestern im Geiste. In welcher Partei war Hessel nochmal? FDP, sagt sie. Wir sind offen für alle Parteien, sagen die anderen, sie gehöre ja schließlich auch zu den Neunundneunzig Prozent. Die übrigen ein Prozent, das seien ja nur die ganz Kranken, sagt eine, ein paar hundert höchstens, die kontrollierten die ganze Wirtschaft. So offen sind die Besetzer, dass sie wohl auch einen Ackermann ins Herz schließen würden, wenn er nur mal vorbeikäme.

Wie sie sich sich die bessere Gesellschaft vorstellen? Auch hier gibt es wenig Reibung, weil keiner eine Lösung anbietet. "Die Erfüllung geht über das Herz", sagt Claudia. Geld brauche man da nicht unbedingt.

"Wenn sie sagen, wir müssen alle ins Zelt ziehen, bin ich nicht dabei“, sagt Hessel und lacht. Nein, nein, sagt Claudia, jeder soll doch nach seiner Facon glücklich werden.
Bevor die Staatssekretärin geht, wünscht sie den Besetzern viele grüne Bäume. "Sie hat verstanden, worum es geht", loben die Anderen.

Autor:  Jonas Nonnenmann
Datum:  31 | 10 | 2011
Kommentare:  1
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