Vieles ist anders. Nicht nur hinter den Kulissen, wo der ehemalige Springreiter Paul Schockemöhle mit seiner Agentur Kaspar Funke als Veranstalter des internationalen Frankfurter Reitturniers abgelöst hat. Auch das pferdeverliebte Publikum, das ab heute bis einschließlich Sonntag wieder in großer Zahl in die Festhalle strömen wird, um die nationale und internationale Elite in Dressurviereck und Parcours zu begutachten, muss sich umgewöhnen. Das offenbart schon der erste Blick auf die gewohnt festliche Dekoration. Das weihnachtliche Rot wurde von einem eleganten Lila abgelöst, goldene Sterne ersetzen das schmucke Tannengrün. Gewöhnungsbedürftig, wie Ann Kathrin Linsenhoff zugibt, deren Eltern 1955 das Turnier initiierten. Doch nicht minder schön, ist die Kronbergerin überzeugt.
Dressurfans kommen beim Festhallen-Reitturnier in jeder Hinsicht auf ihre Kosten. Einige der weltbesten Reiter, darunter die für den Frankfurter Turnierstall Schwarz-Gelb startende Dorothee Schneider, die mit dem deutschen Team in London olympisches Silber gewann, messen sich in der Großen Tour. Die besteht aus den Pflichtprogrammen Grand Prix (Freitag, 8 Uhr) und Grand Prix Spécial (Samstag, 9.20 Uhr) sowie der auch für Laien attraktiven Kür (Sonntag, 12 Uhr). Die besten Nachwuchspferde zeigen sich im Finale des Burgpokals für Sieben- bis Neunjährige (Samstag, 11.15 Uhr) und des Louisdor-Preises für Acht- bis Zehnjährige (Sonntag, 9 Uhr). Die gesamte deutsche Olympiaequipe war in diesem Jahr mit Pferden bestückt, die eine dieser beiden Prüfungen in den Jahren zuvor gewannen.
Die Farben signalisieren einen Neuanfang, der sich auch in der Struktur der Veranstaltung widerspiegelt. Neben zahlreichen, nicht nur freiwilligen Änderungen beim sportlichen Konzept wurde etwa der Rundgang um den Turnierplatz von allen Verkaufsständen befreit, an denen bislang Lederwaren oder Pferdebilder, Reithosen und Gerten zu erstehen waren. Der Handel in der Halle habe zuletzt überhandgenommen, erklärt Turnierleiterin Linsenhoff. Zu eng sei der Umlauf geworden, der Lärm störte zudem den Sport. Schließlich wollen gerade Dressurspezialisten es leise haben, wenn sie mit ihren Pferden die hohe Schule der Reitkunst, die Piaffen und Pirouetten, präsentieren.
Die gesamte Messe befindet sich nun auf drei Ebenen im Forum. Die Besucher können so schon erste Blicke auf die Waren werfen, wenn sie aus den Parkhäusen oder von den Bahnstationen hereinströmen. Dabei begegnen sie auch gleich der Vergangenheit. Denn in Erinnerung an die ersten 40 Auflagen des Traditionsturniers werden zur 41. in diesem Jahr die Sieger der früheren Veranstaltungen an Ehrensäulen präsentiert.
In zweiten Stock, ebenfalls im Forum, steht der große Weihnachtsbaum, unter dem sich spätestens am Sonntag Berge von Geschenken türmen sollen. Gedacht sind sie für Frankfurter Heimkinder, und jeder Besucher ist aufgefordert, sich mit einer kleinen Gabe zu beteiligen. Jede Art von Spielzeug ist erwünscht; allerdings sollte sich auf der Verpackung ein Hinweis befinden, ob es für einen Jungen oder ein Mädchen und für welches Alter es gedacht ist.
Die Kinder liegen Linsenhoff, die seit Jahren eine eigene Unicef-Stiftung führt, besonders am Herzen. Aber auch mit Senioren und Behinderten aus Frankfurter Heimen will die 52-Jährige das Erlebnis Festhallen-Turnier in diesem Jahr teilen. Zum Show-Wettbewerb der hessischen Vereine werden einige von ihnen heute Abend mit Bussen abgeholt und auf das Messegelände gebracht, wo sie dann bei vermutlich wieder bester Stimmung die Kreativität der regionalen Pferdesportler genießen dürfen.
Der heutige Hessentag bedeutet auch Linsenhoffs Ehemann Klaus-Martin Rath, dessen Sohn Matthias mit dem Millionenpferd Totilas nicht am Main starten wird, sehr viel. Schließlich ist der Dressurspezialist Präsident des Hessischen Reit- und Fahrverbandes. Auch wenn zumindest tagsüber die meisten der 7000 Sitze in der Festhalle noch nicht gefüllt sein werden, ist ein Auftritt in der Gut Stubb für die regionalen Reiter doch ein unvergessliches Erlebnis, das sie vielleicht nur einmal in ihrem Leben genießen dürfen.
Auch bei der Stadt besitzt das Turnier einen besonderen Stellenwert. Neben Marathon, Ironman, dem Radrennen am 1. Mai sowie dem Firmenlauf durch die City zählt es laut Sportdezernent Markus Frank zu den fünf Premium-Sportevents am Main. Finanziell werde es mit einem mittleren fünfstelligen Betrag unterstützt, doch gewähre die Stadt auch andere Hilfe bei der „Aktivität“, hinter der man „voll und ganz“ stehe. Die Veranstaltung, so Frank, sei alljährlich der passende Einstieg in die Weihnachtszeit und eine Art „Kontaktpunkt“, bei dem sich auch Vertreter aus der Wirtschaft immer wieder gerne träfen und sich wohlfühlten. Um die Zukunft des Traditionsevents muss einem also nicht bange sein. Auch wenn vieles anders ist.
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