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FR-Altenhilfe: Hottentots auf Rekordkurs

Zur Jazzvesper der FR-Altenhilfe kommen so viele Fans wie noch nie in die Katharinenkirche.

        

Engelbert Christmann bläst das Sousaphon, eine Form der Basstuba.
Engelbert Christmann bläst das Sousaphon, eine Form der Basstuba.
Foto: privat

Die Helfer gehen an den Kirchenbänken entlang und stellen je einen Extrastuhl in den Gang. Alle Bänke sind bereits besetzt, und der Strom der Besucher scheint noch immer nicht kleiner zu werden. Normalerweise kommen rund 400 Zuhörer zur Jazzvesper der FR-Altenhilfe in die Katharinenkirche. „Diesmal sind es bestimmt 550“, sagt Gina Lülves, die Vereinsvorsitzende der FR-Altenhilfe. „So voll wie heute war’s noch nie“, ist auch Herta Hessberger überzeugt, die die Spendenkasse an der Brot- und Getränketheke betreut. „Und ich bin schon mindestens seit fünf Jahren bei den Konzerten dabei.“

Wenn Jürgen Müller, der Bandleader der Red Hot Hottentots – „seit 39,5 Jahren“ wie er selbst sagt – seine Musikerkollegen vorstellt, ist das für viele der in der Katharinenkirche Versammelten nur mehr eine Formsache. Ein Großteil der Zuhörer wippt jedes Jahr beim FR-Altenhilfe-Jazzvesper zu Banjo, Sousaphon, Posaune, Trompete, Klarinette, Klavier und Schlagzeug mit. „Das lohnt sich jedes Mal wieder“, findet eine Besucherin, die schon gar nicht mehr weiß, wann sie die „Hottentots“ zum ersten Mal gehört hat.

        

Gina Lülves (rechts)  freut sich über die Spende der Carls-Stiftung.
Gina Lülves (rechts) freut sich über die Spende der Carls-Stiftung.

Ingo Ruppert, Walter Möwes, Horst Buchberger und die übrigen Jazzmusiker starten mit einem ihrer Klassiker: „When my Bimbo brings me back to Bamboo Island“ – oder schlicht „Bimbo“. Unter häufigem Zwischenapplaus der treuen Fangemeinde geht es weiter mit dem Westend Blues über die Honey Suckle Rose bis zur Bourbon Street Parade, bei der die Musikergruppe ganz im Stile einer echten Marching Band durch den Mittelgang der Kirche an den Zuhörerreihen entlangspaziert.

Wieder auf der Bühne beginnt Horst Buchberger ein fulminantes Schlagzeugsolo – und gewinnt einen neuen Fan. Während Buchberger die Schlagzeugstöcke fliegen lässt, läuft ein kleiner Junge zu ihm, der den Auftritt bis hierhin mit leuchtenden Augen verfolgt hat. Buchberger reicht ihm einen Stock, den der Kleine im Takt gegen einen der Metallständer zu schlagen beginnt. Das „Duett der Generationen“ erntet tosenden Beifall vom Publikum.

An die Red Hot Hottentots schließt sich Boogie-Woogie-Pianist und Fingerakrobat Christoph Öser an, der laut Ankündigungsrede durch FAZ-Musikkritiker Wolfgang Sandner „nur einen kleinen Makel“ hat: „Er ist in Offenbach geboren.“ Das verzeiht ihm das Publikum großzügig, verbreiten seine flotten Boogie-Rhythmen doch ausgelassen gute Laune im Kirchenschiff. So schnell flattern die Finger über das Instrument, dass Öser selbst sein Stück „Rocket 88“ mit den Worten ankündigt: „Ein Klavier hat 88 Tasten – hoffentlich auch noch nach einem Boogie-Woogie-Konzert.“ Schließlich bearbeitet Öser, der seit 1992 festes Mitglied der Boogie Woogie Company ist, die schwarz-weißen Tasten sogar im Duett mit Dirk Raufeisen. Nach dem Motto: „Was passiert, wenn zwei Männer sich um ein Klavier streiten?“

Ein Konzertbesucher, „ein echter Jazzkenner“, wie seine Frau ihn rühmt, ist tatsächlich zum ersten Mal Gast beim Altenhilfe-Konzert. Seinen Namen möchte er nicht verraten, dafür aber seinen Jahrgang: 1936. Damit ist er in jenen Zeiten aufgewachsen, als der Jazz in Deutschland noch eine Randerscheinung war und sich erst langsam als anerkannte Musikrichtung zu etablieren begann. „In meiner Jugend trafen wir uns regelmäßig bei Freunden, die ein Radio hatten und hörten AFN“, erinnert der Konzertbesucher sich. Der Sender AFN, der ursprünglich für die US-Streitkräfte in Deutschland eingerichtet worden war, spielte schon in den 50ern Rock’n’Roll, Boogie und Jazz und war darum bei deutschen Jugendlichen sehr beliebt. In jener Zeit hat der heute 75-Jährige sogar einmal Louis Armstrong live erleben dürfen. Auch wenn die Red Hot Hottentots und Öser seiner Meinung nach nicht ganz an den Meister heranreichen: „Die Atmosphäre hier gefällt mir ausgesprochen gut.“

Dafür haben sich schließlich auch eine Menge Helfer viel Mühe gegeben. Frankfurter Bäckereien und Metzger haben Kreppel, Knusperstangen und Schmalzbrote spendiert. Es gibt selbstgekochte Marmelade und eingelegte Kürbisse „süß-sauer“. Die Brauerei Binding und weitere Getränkehersteller haben Bier, Wasser und Limonaden zur Verfügung gestellt. Neben den Firmen haben auch Einzelne ehrenamtlich mitgewirkt: Der ehemalige Lehrer Helmut Schimpff hat allein zehn Vollkornstollen für die Veranstaltung gebacken. Weil er daran so viel Spaß hatte, sagt er: Ich glaube, ich habe meinen Beruf verfehlt. Wäre ich mal Bäcker geworden!“

Die Zahl der Spender für die FR-Altenhilfe steigt von Jahr zu Jahr. So haben 2010 rund 8000 Personen den Verein mit insgesamt knapp 950000 Euro unterstützt. So großzügig wie Ursula Carls sind allerdings die wenigsten. In der Pause überreicht die Vorsitzende der Carls-Stiftung einen Scheck über 10000 Euro an Lülves. „Wir sind sehr dankbar, dass es Menschen gibt, die sich so für uns einsetzen“, sagt die Altenhilfe-Vorsitzende. Die Carls-Stiftung unterstützt Projekte für Menschen aller Altersgruppen, so etwa Frühgeborene im Bürgerhospital und ältere Menschen im Hospiz Arche Noah. Die Frankfurter Tafel erhält von der Carls-Stiftung jährlich 3000 Euro. Auch den übrigen Spendern und Helfern der Veranstaltung spricht Lülves ihr Lob aus: „Ohne all die Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft würden wir das überhaupt nicht schaffen.“ An den Wänden der Kirche hängt eine Liste, auf der jene aufgeführt sind, die sich an der Organisation der Veranstaltung beteiligt haben, indem sie Kulinarisches gespendet oder organisatorische Hilfe geleistet haben.

Noch sind die Einnahmen des Konzerts nicht exakt gezählt, „aber ganz sicher wird der Reinerlös für die Altenhilfe mehr als 7000 Euro betragen“, sagt Lülves nach der Veranstaltung. Ebenso wie die Besucherzahl ist dieser Betrag ein neuer Rekord. „Letztes Jahr waren es etwa 6000 Euro.“

Autor:  Julia Frese
Datum:  28 | 11 | 2011
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