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22. März 2011

FR exklusiv: Göpferts Runde: Eine Spur zu viel Demokratie

Göpferts Runde: mit Ulrich Höller (rechts).  Foto: FR/Kraus

Finanzkrise? Kein Thema! Härteste Bedingungen? Willkommen! Deutschland? „Ein sterbendes Land.“ Ulrich Höller (45) mischt seit einiger Zeit die Immobilienszene auf. FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert auf Spaziergang mit dem Chef der Deutschen Immobilien Chancen AG.

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Nebelfetzen treiben zwischen den Hochhäusern, deren Konturen auf der anderen Seite des Flusses im Grau des Himmels verschwimmen. Es riecht nach Regen. Kleine Pfützen schimmern im ersten Tageslicht am südlichen Mainufer. Auf die Minute pünktlich ist Ulrich Höller, trotz der frühen Stunde, zum Holbeinsteg gekommen, auch am Morgen wirkt er wie aus dem Ei gepellt, die schlanke Gestalt in einen modischen grauen Anzug gehüllt. Er liebt diese Tageszeit: Seit 15 Jahren beginnt der Manager seinen Terminplan mit einem Lauf, egal, welches Wetter gerade herrscht.

Die eiserne Disziplin, die es dazu braucht, lernte er schon als Kind. „Mein Vater hat mich morgens zum Frühsport geschickt, im Sommer um 6 Uhr ins Freibad.“ In der kleinen Großstadt Trier war das, wo Ulrich mit Eltern, zwei Schwestern und zwei Brüdern lebte. „Ab 13 habe ich immer gearbeitet, im Lager Flaschen eingeräumt, viel bedient in Lokalen.“ Ganz jung schon, während des Studiums der Betriebswirtschaft, begleitete er Reisegruppen, „Sonderzüge mit 300 bis 400 Leuten“. Und organisierte Veranstaltungen in Kegelclubs: „Ich habe sehr gutes Geld verdienen können.“

Shootingstar der "neuen" Manager

Heute, kurz nach seinem 45. Geburtstag, gilt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Immobilien Chancen (DIC) als „Shootingstar einer neuen Managergeneration“ in Deutschland, wie es ein Wirtschaftsblatt formulierte. Höller ist überzeugt, „dass ich heute von den vielen Tätigkeiten in meiner Jugend profitiere“. Leute „zusammenbringen“, Gruppendynamik verstehen, sich bei harten geschäftlichen Verhandlungen „in die andere Seite hineinversetzen“.
Die Ära der emotionalen, aus dem Bauch heraus agierenden alten „Baulöwen“ in Deutschland, wie sie der Milliarden-Pleitier Jürgen Schneider oder der Heidelberger Tycoon Roland Ernst verkörperten, scheint lange vorbei. Ulrich Höller, der für ein Immobilienvermögen von mehr als drei Milliarden Euro verantwortlich zeichnet, wirkt dagegen kühl und beherrscht. Rastet er auch mal aus? Ein schräger, prüfender Blick. „Ich kann schon zeigen, dass ich sauer bin.“ Aber dann werde er „scharf, nicht laut“.

Er startete klein, als Geschäftsführer des Bauträgers Waco in Trier. Sein erster Coup als Chef von DIC war 2006 die Übernahme der Immobilien der traditionsreichen Mannheimer Immobilienfamilie Fay. 55 Gebäude, die er persönlich in Augenschein nahm. Schon damals fiel auf, wie schnell Höller agierte, wie sehr er die moderne Kommunikationstechnik nutzte. Im Gegensatz zu seinen Verhandlungspartnern.

"Ruhelos, rastlos"

Auch jetzt, beim Spaziergang, kontrolliert der Kaufmann in kurzen Abständen seinen Blackberry und nimmt manchmal einen Anruf entgegen. „Ich bin ruhelos, rastlos.“ Schräg gegenüber, auf dem anderen Mainufer, zeichnen sich die Gebäude der Degussa ab, das letzte ehemalige Industriequartier der Innenstadt. Die DIC plant hier das „Maintor“-Viertel, mit Bürohochhäusern und exklusiven Wohnungen. Gemeinsam mit Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) hatte Höller die Idee entwickelt, dort das Museum der Weltkulturen neu anzusiedeln. Doch Roth scheiterte mit diesem Vorstoß innerhalb der schwarz-grünen Römer-Koalition – den erfolgsgewohnten Manager wurmt das noch heute mächtig: „Ich habe die Hand ausgestreckt, aber man hat sie mir weggeschlagen.“ Und plötzlich ist da die Schärfe in der Stimme. „Ich werde mir drei Mal überlegen, bevor ich so was noch mal mache.“

Über den Fluss kommt ein kühler Wind. Der Investor erinnert sich an die Absage: „Ich war relativ fassungslos.“ Um sein Gesicht zu wahren, hat er sein Angebot „direkt zurückgezogen“.

So ist das also, wenn sich die Sphären von Wirtschaft und Kommunalpolitik berühren. Höller könnte sich bessere politische Rahmenbedingungen für die Unternehmen vorstellen: „Wir haben extrem viel Bürokratie in Deutschland und eine Spur zu viel Demokratie.“ Große Projekte, für die auch er mit dem Unternehmen DIC steht, „sind schwieriger geworden“. Stuttgart 21, der geplante unterirdische Hauptbahnhof, gilt ihm als ein Menetekel. Ein Prozess, „der über Jahrzehnte eingeleitet“ wurde, um jetzt vom Bürgerprotest gebremst zu werden: „aus Sicht der Investoren unerträglich“. Kopfschütteln. Mit dem Abriss der Degussa-Gebäude möchte er im Herbst 2011 beginnen – und hofft, den Wandel dort rasch bewerkstelligen zu können. „Ich bin oft in Asien.“ Etwa in China. Er hält die Menschenrechts-Diskussion beim bevölkerungsreichsten Land der Erde für überzogen: „Den Menschen dort geht es zu 90 Prozent besser als vorher.“

Von China lernen

Lässt sich von China lernen? Die Antwort kommt blitzschnell: „Wir können lernen von China, stringenter zu sein – wir sind in Deutschland in einer verweichlichten Diskussionsgesellschaft drin.“ Mehr noch: „Wir Deutschen neigen dazu, uns selbst zu sehr in Frage zu stellen.“ Noch einmal stehen ihm Erinnerungen an seine Jugend vor Augen. „Ich bin mit einer gewissen Strenge erzogen worden – das hat mir nicht geschadet.“
Und plötzlich bricht sich der Pessimist in ihm Bahn. Den Kampf der westlichen Kultur gegen den aufstrebenden, vorrückenden Osten gibt er verloren: „Wir sind eine sterbende Gesellschaft – eigentlich ist es zu spät.“

Der Himmel über Frankfurt hat sich aufgehellt, nur die Sonne fehlt. Radfahrer und Fußgänger wuseln über den Holbeinsteg Richtung Bahnhofs- und Bankenviertel. Der 45-jährige, der jetzt seit neun Jahren die DIC führt, will kein Weichei sein. „Härte gehört dazu.“ Klar, dass er nicht auf Dauer in seiner heutigen Position bleiben wird: „Ich kann mir noch ganz andere Aufgaben vorstellen.“ Pause. Lächeln. „Wie lange ich diesen Job noch mache, hängt von den Möglichkeiten der DIC ab.“ Mehr verrät er nicht.

„Grenzerfahrungen machen, austesten, was geht“ – das sind keine leeren Sprüche für den Familienvater mit elfjährigem Sohn und achtjähriger Tochter. Der Mann mit dem schmalen, sonnengebräunten Gesicht läuft Marathon, zuletzt in Chicago. Er hat den Kilimandscharo bestiegen. Schon vor ein paar Jahren– abgehakt. Nun steckt er sich neue Ziele: „In drei bis vier Jahren werde ich zu Fuß zum Nordpol aufbrechen.“ Diese Ankündigung sollte man verdammt ernst nehmen. Denn für den studierten Immobilienökonom, der aus der Pfalz in die internationale Wirtschaftswelt aufbrach, gibt es nichts Schlimmeres, als „sich zurückzulehnen“. Aber erst einmal hält ihn Frankfurt. „Es gibt innerhalb von Deutschland keine spannendere Stadt.“

Nun gut, in Asien entstehen zur Zeit an die 60 neue Hochhäuser. In Frankfurt wird er wenigstens drei verwirklichen, auf dem „Maintor“-Areal. Die potentiellen Mieter stehen angeblich Schlange: „Das Interesse nimmt dramatisch zu.“ Nach drei harten Jahren in der Immobilienwirtschaft geht es aufwärts; Höller bleibt aber misstrauisch. „Ich ignoriere die Euphorie.“ Nein, für ihn ist „die Krise noch nicht vorbei“. Seine Hoffnung: 2012 oder 2013 beginnen die fetten Jahre.

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