Frankfurt ist auf dem besten Weg nach Paris, sagt der Berliner Stadtsoziologe Andrej Holm. Und er meint leider nicht das schillernde Paris, nicht die Hauptstadt des „Savoir vivre“. Nein, Holm zeigt am Mittwochabend im proppevollen FR-Depot auf, wie die Mainmetropole Gefahr läuft, es der europäischen Hauptstadt der sozialen Spaltung und der ghettoisierten Vorstädte nachzutun. Beim gemeinsamen Forum „Frankfurt – Soziale Stadt“ der FR und der Sozialpolitischen Offensive Frankfurt (SPO) blättert der Urbanitätsforscher der Humboldt-Universität auf, wie es dazu kommen kann. Er hat in die Sozialberichte der Stadt geschaut und bringt sie mit seinen Forschungen in anderen Städten zusammen.
Frankfurt fehlen mindestens 7000 Wohnungen, so Holm: Zwischen 2003 und 2010 sei die Zahl der Haushalte von 354.000 auf 371.000 gestiegen, die Zahl der Wohnungen aber nur von 347.000 auf 363.000. Er wirft ein Schaubild an die Wand, das plastisch vor Augen führt, wo die meisten Arbeitslosen wohnen: An den Rändern der Stadt, im Osten und Westen vor allem. Und weil innerhalb Frankfurts zugleich unglaublich viele Menschen umziehen und die Neuvermietung jeweils ein bis vier Euro teurer ausfällt, „haben Sie hier unglaublich dynamische Steigerungen bei den Mieten“. Das Gallus zum Beispiel ist betroffen von dieser Umzugsdynamik.
Für die Stadtpolitik und den Zusammenhalt in der Stadt wirft das brisante Fragen auf, sagt Holm: „Wo sparen die Menschen, um der hohen Miete willen? Beim Essen? Bei der Bildung ihrer Kinder?“ Es gehe bei Mieten und Wohnen eben nicht nur um ein Dach über dem Kopf, sondern darum, wie die Chancen in der Stadt gerecht verteilt werden, wie die Menschen fertig werden können mit Umbrüchen im Stadtteil.
Im Frankfurter Ostend zum Beispiel, das vom Neubau der EZB neben der alten Großmarkthalle jeden Tag höher überragt wird. Die rasanten Veränderungen in dem alten Industriestadtteil bilden den Schwerpunkt des Abends. Etwa die Sonnemannstraße, meint die Pfarrerin Sabine Drescher-Dietrich der Nikolai-Gemeinde am Zoo, „kennt man kaum wieder, lauter neue Cafés“. „Ist doch toll“, reagiert Moderator und FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert.
„Schon“, sagt die Pfarrerin, „aber einen guten Metzger erreiche ich im Ostend jetzt nicht mehr“. Dafür haben sie „einen Scheck-in-Markt hingebaut“. Wo, stellt sie in den Raum, „sind die ganzen Leute hin“, die einmal in der Ostendstraße wohnten, die „sich zum Nobelviertel entwickelt hat“? Ost-end-Bezirksvorsteher Wilhelm Guth will in der Entwicklung weit hinter den Bau der EZB-Türme zurück gehen; schon mit dem von der Stadt geförderten Zuzug der Agenturen und Kreativen habe es mit der Umwälzung angefangen. Die Großmarkthalle sei „über Jahrzehnte verelendet“, dann gab es „kein Verwendungskonzept mehr“. Für die Leute, die wegziehen mussten, meint Guth, gebe es nur eine Chance auf Wiederkehr: Wenn es gelinge, den Deckel über der Autobahn zu bauen und obendrauf Wohnraum zu schaffen.
Die Ostendler, die von der Teuerung verdrängt werden, ziehen nicht selten nach Fechenheim – da ist sie, die soziale Spaltung, vor der auch Andrej Holm gewarnt hat. Und sie meint nicht nur das Wohnen im Abseits, fern vom urbanen Zentrum mit seinen vielen Möglichkeiten und Bildungschancen. Harald Fiedler, Frankfurts DGB-Chef, listet auf, wie sich die Einkommen in verschiedenen Stadtteilen zwischen 2005 und 2009 entwickelt haben: Sechs Prozent weniger in Fechenheim, gar zehn Prozent Minus in Griesheim, dagegen plus vier Prozent im Ostend, plus sechs Prozent in Bockenheim. „Fechenheimer und Griesheimer“, bringt es ein Zuhörer auf den Punkt, „zahlen die höchsten Mieten im Vergleich zum Verdienst.“ Die Armut, sie wächst am Rand der Stadt.
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